Ameisen am Fuß
Foto:LeventeGyori/Shutterstock

Polyneuropathie

Unter Polyneuropathie (PNP, Neuropathie) versteht man Beschwerden, bei denen die Reizweiterleitung gestört ist, sodass Sinnesreize entweder gar nicht, vermindert oder verstärkt an das Gehirn gemeldet werden. Erste Symptome sind oft Missempfindungen wie Kribbeln und Brennen, später kommt es zu Minder- und Fehlempfindungen, sodass Berührung und Schmerz nicht erkannt oder vermindert wahrgenommen werden bzw. als falsche Kälte-, Wärme- oder Schmerzempfindung bei nicht schmerzhaften Reizen ankommen.

Factbox – Polyneuropathie

Synonym: Polyneuropathie, PNP, Neuropathie

Definition: Begriff für Erkrankungen bei der die Reizweiterleitung gestört ist, sodass Sinnesreize entweder gar nicht, vermindert oder verstärkt an das Gehirn gemeldet werden

Ursachen: mehr als 200, häufig: Diabetes mellitus, chronischer Alkoholmissbrauch, Vitamin-B-Mangel, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion, Gifte, Medikamente, Infektionen, Guillain-Barré-Syndrom, genetische Faktoren

Symptome: sensible Reiz- und Ausfallerscheinungen, motorische Reiz- und Ausfallerscheinungen, autonome Ausfallerscheinungen

Diagnose: Anamnese, Labortests, Nervenbiopsie, neurologische Untersuchung, Quantitative sensorische Methode, EKG, Harnblasen-Ultraschall, Laboranalysen, Blut- und Urinuntersuchungen

Behandlung: Behandlung der Ursache, Schmerzbehandlung: Antikonvulsiva, Antidepressiva, Lokalanästhetika, Opiate, Opioide, Physio- und Ergotherapie, TENS, Orthesen, Muskelstimulatoren, Gehhilfen, regelmäßige Fußpflege und Kontrolle der Füße auf Wunden, Psychotherapie

Polyneuropathie – was ist das?

Polyneuropathien (PNP, Neuropathie) sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS). Zum PNS zählen alle Nervenbahnen, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen. Dazu zählen Nervenwurzeln, motorische und sensorische Nerven, die beispielsweise die Muskeltätigkeit steuern und dem Gehirn Informationen über die Lage von Gliedmaßen, über Berührungen und über Sinneseindrücke zuleiten. Zudem gibt es Nerven, die die Funktion der inneren Organe wie Herz, Magen, Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse und Blase beeinflussen und die als autonomes oder vegetatives Nervensystem bezeichnet werden. Sie haben vielfältige Aufgaben. So melden zum Beispiel die Nervenfasern der Blasenwand den Füllungsgrad der Harnblase an das Gehirn, und auch die Tätigkeit der Schweißdrüsen und die Weite der Blutgefäße unterliegen der Kontrolle des autonomen Nervensystems.

Schmerzen entstehen in den meisten Fällen durch äußere Reize wie Entzündungen oder Verletzungen. Neuropathische Schmerzen entwickeln sich aber auf andere Art, denn hier sind die Nervenfasern selbst geschädigt oder zerstört.

Experten unterteilen Neuropathien in drei Gruppen: bei einer Mononeuropathie ist nur ein einzelner Nerv beteiligt, bei Polyneuropathie zahlreiche Nerven, und die Radikulopathie bezeichnet Erkrankungen, die nur die Nervenwurzeln betreffen.

Symptome einer Polyneuropathie machen sich besonders an Beinen und Armen bemerkbar, da die Nerven dort besonders lang sind. Die ersten Beschwerden äußern sich meist durch Missempfindungen wie Kribbeln und Brennen, später kommt es zu Minder- und Fehlempfindungen, sodass Berührung und Schmerz nicht erkannt oder vermindert wahrgenommen werden bzw. als falsche Kälte-, Wärme- oder Schmerzempfindung bei nicht schmerzhaften Reizen empfunden werden.

Die Neuropathie stellt kein eigenständiges Leiden dar, sie ist vielmehr die Folge oder Krankheitszeichen einer anderen Erkrankung. Mögliche Ursachen einer Polyneuropathie sind vielfältig, und häufigste Auslöser sind eine fortgeschrittene Zuckerkrankheit (diabetische Polyneuropathie) und chronischer Alkoholmissbrauch (alkoholische Polyneuropathie).

Was die Häufigkeit der Polyneuropathie betrifft, so leidet weltweit auf etwa einer pro 2.000 Einwohner daran.

Welche Ursachen haben Polyneuropathien?

Die Ursachen der Polyneuropathie sind äußerst vielfältig, bekannt sind über 200 verschiedene Auslöser bzw. Risikofaktoren. Zu den häufigsten Gründen zählen Diabetes mellitus und chronischer Alkoholmissbrauch. Grundsätzlich sind erworbene Neuropathien wesentlich häufiger als angeborene. Bei rund 20 Prozent der betroffenen Patienten bleiben die Ursachen unklar.

Die bekannten Ursachen im Einzelnen:

  • Diabetische Polyneuropathie: Hier werden zwei Formen unterschieden. Bei den häufigeren symmetrischen Formen sorgt der erhöhte Blutzucker für die Schädigung der Nerven, bei den asymmetrischen Formen werden die Nerven durch krankhafte Veränderungen kleiner Gefäße geschädigt. Diabetiker, bei denen die Einstellung des Blutzuckers nicht gut funktioniert, entwickeln besonders frühe und schwere Polyneuropathien. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Polyneuropathie zu erkranken, steigt auch mit der Dauer der Zuckererkrankung.
  • Alkoholische Polyneuropathie: Hier kommt es zu einer toxischen Schädigung der Nerven, wodurch auch die Reizleitung gestört wird. Zudem kann bei dieser Form der Polyneuropathie auch eine Mangelernährung mit einem  Vitaminmangel eine Rolle spielen.
  • Ein Vitamin B12-Mangel kann etwa durch eine einseitige Ernährung oder eine Magenoperation verursacht werden und eine Polyneuropathie auslösen.
  • Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen oder eine Schilddrüsenunterfunktion können die peripheren Nerven schädigen.
  • Gifte wie etwa Arsen oder Wirkstoffe in Medikamenten, die in der Therapie von Krebserkrankungen eingesetzt werden, können ebenfalls periphere Nerven verletzen und eine Polyneuropathie auslösen.
  • Zu den bekannten Auslösern zählen auch Bakterien oder Viren.
  • Beim Guillain-Barré-Syndrom, einer akute Autoimmunerkrankung, kommt es zu einer Zerstörung der  Nervenscheiden peripherer Nerven, wodurch die Leitfähigkeit der Nerven vermindert wird.
  • Genetische Faktoren können ebenfalls zu einer Polyneuropathie führen.

Formen der Polyneuropathie 

Polyneuropathien werden nach dem zeitlichen Verlauf, nach den betroffenen Systemen und nach der Verteilung der Symptome unterschieden.

Was den Verlauf betrifft, so kann die PNP akut (≤ 4 Wochen andauernd), subakut (4-8 Wochen andauernd) und chronisch ( > 8 Wochen andauernd) sein.

Was die betroffenen Systeme angeht, so kann die PNP motorisch (muskulär bedingt), sensibel (Temperatur, Berührung, Schmerz), autonom (das vegetative Nervensystem betreffend) und sensomotorisch (Bewegungsabläufe und Empfindung betreffend) sein.

Was die Verteilung der Symptome betrifft, so unterscheidet man symmetrische, asymmetrische, distale und proximale Polyneuropathien. (Bei symmetrischen PNP betreffen die Nervenschädigungen beide Körperhälften, bei asymmetrischen nur eine Körperseite, bei distalen hauptsächlich Körperregionen, die von der Körpermitte entfernt liegen (z. B. Hände, Beine, Füße), und bei proximalen PNP beschränkt sich die Erkrankung auf die rumpfnahen Körperteile).

Wie äußert sich eine Polyneuropathie?

Die Symptome einer Polyneuropathie werden in sensible, motorische und autonome Reiz- und Ausfallserscheinungen unterteilt:

Sensible Reiz- und Ausfallerscheinungen:

  • Kribbeln
  • Ameisenlaufen
  • unangenehme Wärme- und Kälteempfindungen
  • Stechen
  • Elektrisieren
  • glühend-brennende Schmerzen, die spontan und/oder schon bei leichtester Berührung auftreten
  • Juckreiz
  • Pelzigkeit- und Taubheitsgefühle
  • Gefühl des Eingeschnürtseins
  • Schwellungsgefühle
  • Gefühl eines unangenehmen Drucks
  • Gefühl, wie auf Watte zu gehen
  • Gangunsicherheit insbesondere bei Dunkelheit
  • verminderte bis hin zu aufgehobene Temperaturempfindungen
  • schmerzlose Wunden

Motorische Reiz- und Ausfallerscheinungen:

  • Muskelzucken
  • Muskelkrämpfe
  • Muskelschwäche
  • nachlassende Ausdauer als erstes Symptom einer Muskelschwäche
  • Muskelschwund
  • Muskelschmerzen

Autonome Ausfallerscheinungen

  • Ödem, Geschwür am Fuß, Osteoarthropathie (schmerzhafte Schwellung in Röhrenknochen)
  • verminderte oder fehlende Schweißabsonderung
  • vasomotorische Störungen (die Gefäßnerven betreffende Störungen)
  • exokrines Pankreas (Störungen die Bauchspeicheldrüse betreffend)
  • fehlende vegetative Reaktion bei Unterzuckerung
  • fehlendes Gefühl für die Blasenentleerung mit reduziertem Harndrang
  • fehlender Hodendruckschmerz
  • fehlender Wehenschmerz

Welche Beschwerden macht die Diabetische Polyneuropathie?

Hier entwickelt sich die Symptomatik schleichend, vorerst werden meist die sensiblen Nervenfasern geschädigt. Dies äußert sich zum Beispiel als Taubheitsgefühl, Kribbeln in den Beinen oder brennender Schmerz in den Füßen.

Welche Beschwerden macht eine Alkoholische Polyneuropathie?

Auch hier entwickelt sich die Symptomatik meist langsam, die meisten Patienten leiden unter Nervenstörungen an beiden Beinen – zum Beispiel Schmerzen, Missempfindungen, Sensibilitätsstörungen, Muskelschwund und schweren Muskelerschlaffungen, die dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr  richtig stehen können. In manchen Fällen kann es auch zu Symptomen im Augenbereich kommen.

Polyneuropathie: Welcher Arzt ist zuständig?

Bei jeder Polyneuropathie ist eine ausführliche Anamnese durch einen Neurologen oder Schmerzspezialisten nötig. Dabei  wird nach familiären neurologischen Erkrankungen, Diabetes, Infektionen, dem Konsum von Alkohol und der Einnahme von Medikamenten nachgefragt.

Weiters kommen Labortests zum Nachweis von infektiösen Ursachen einer PNP zum Einsatz. Dazu zählen die Bestimmung von Entzündungsparametern, Antikörpern bei Borreliose, HIV, Masern oder Diphtherie.

In seltenen unklaren Fällen kommt auch eine Nervenbiopsie in Frage. Dabei wird durch einen kleinen Schnitt in die Haut eine Gewebeprobe entnommen und unter dem Mikroskop untersucht.

Bei einer diabetischen PNP wird nach der Anamnese eine gründliche neurologische Untersuchung durchgeführt, wobei auch die Nervenfunktion überprüft wird, die Nervenleitgeschwindigkeit mittels Elektroneurographie und die Muskelaktivität mittels Elektromyographie überprüft bzw. bestimmt werden. Zudem gibt es die so genannte Quantitative sensorische Methode, ein Test, mit dem man die Reaktion des Nervs auf bestimmte Reize wie Druck und Temperatur messen kann. Mit dem Elektrokardiogramm (EKG) kann der Arzt weiters prüfen, ob das Herz von einer autonomen Neuropathie betroffen ist. Ein Harnblasen-Ultraschall zeigt an, ob die Blase nach dem Wasserlassen leer ist oder ob sich Restharn in ihr befindet. Laboranalysen in Form von speziellen Blutuntersuchungen können in einzelnen Fällen ebenfalls zum Einsatz kommen.

Bei einer alkoholischen PNP zeigen sich in Blutuntersuchungen häufig ein Vitamin-B-Mangel, Gerinnungsstörungen, Eiweißmangel und erhöhte Leberwerte. In Blut und Urin lassen sich oft auch Vergiftungen nachweisen.

Kann eine Polyneuropathie geheilt werden? 

Was die Behandlung einer Polyneuropathie betrifft, so richtet sie sich nach der jeweiligen Ursache. Erscheint eine Behandlung möglich, wird diese durchgeführt.

Wird die PNP etwa durch eine nervenschädigende Substanz verursacht, so wird man versuchen, diese zu vermeiden.

Liegt eine entzündliche Ursache auf autoimmunologischer Basis vor, kommen Immunsuppressiva (zum Beispiel Kortison oder Immunglobuline) zum Einsatz. Wird eine Entzündung durch ein Bakterium wie etwa Borrelien verursacht wird, erhält man eine antibiotische Therapie.

Was die medikamentöse Schmerzbehandlung von Polyneuropathien betrifft, so kann sie sich sehr schwierig gestalten, und oft kann dadurch zwar eine Linderung der Schmerzen erzielt, aber keine vollkommene Schmerzfreiheit erreicht werden. Hier kommen Antikonvulsiva (Epilepsie-Medikamente), Antidepressiva, die äußerliche Anwendung von Lokalanästhetika oder bei ausgeprägten Schmerzen Opiate oder Opioide zum Einsatz.

Weiters werden vielfach Physio- und Ergotherapie empfohlen, um Haltungsschäden und fehlerhafte Bewegungsabläufe zu vermindern, wodurch es ebenfalls zu einer Schmerzreduktion kommen kann. Auch die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS), die vor allem zur Behandlung von Schmerzen und zur Muskelstimulation eingesetzt wird, kann hilfreich sein. Liegt eine Muskellähmung vor, so können unterstützende Orthesen (Schienen), Muskelstimulatoren und Gehhilfen das Leben der Patienten erleichtern.
Wichtig sind auch die regelmäßige Fußpflege und Kontrolle der Füße auf Wunden, denn im Bereich der Füße und Beine ist das Risiko für die Entstehung von Fußgeschwüren erhöht. Nicht zuletzt können für viele Betroffene auch eine Psychotherapie beziehungsweise eine psychologische Behandlung hilfreich sein, denn Polyneuropathien sind oft auch psychisch sehr belastend.

Heuß D. et al., Diagnostik bei Polyneuropathien, S1-Leitlinie, 2019, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien, Abruf Juni 2022

Zifko U: Polyneuropathien: Leitlinien und Alltag https://www.universimed.com/ch/article/neurologie/polyneuropathien-leitlinien-und-alltag-2095066, Abruf Juni 2022

Sommer C et al: Polyneuropathien: Ursachen, Diagnostik und Therapieoptionen

Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 83-90; DOI: 10.3238/arztebl.2018.0083, https://www.aerzteblatt.de/archiv/196135/Polyneuropathien, Abruf Juni 2022

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/polyneuropathie, Abruf Juni 2022

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