Frau im Pyjama isst während der Nacht
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Night Eating Syndrome – Nächtliches Essen

Das Night Eating Syndrome (NES), auf deutsch "nächtliches Essen", ist eine komplexe psychische Störung, bei der die Betroffenen unter nächtlichem Heißhunger leiden. Obwohl das Phänomen erst seit kurzer Zeit erforscht wird, gehen Schätzungen davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Bevölkerung mit NES kämpfen und das Leiden zu einer großen Belastung werden kann.

Factbox – Night Eating Syndrome

Synonym: Night Eating Syndrome (NES), Nächtliches Essen

Definition: komplexe psychische Störung, bei der die Betroffenen unter nächtlichem Heißhunger leiden

Ursachen und Risikofaktoren: genetische Belastung; Einfluss von Hormonen (Melatonin, Ghrelin); Diäthalten; emotionaler Missbrauch und körperliche Vernachlässigung in der Kindheit

Symptome: wenig bis kein Appetit morgens; mehr Nahrungsaufnahme nach dem Abendessen als währenddessen; mehr als die Hälfte der täglichen Nahrungsaufnahme erfolgt während und nach dem Abendessen; Depression, Ängstlichkeit, Anspannung, Verärgerung,….; Schuld- und Schamgefühle während des Essens; Ein- und Durchschlafprobleme; häufiges nächtliches Aufwachen mit nachfolgendem Essen ohne Genuss; Nahrung oft kohlenhydratreich; Diese Muster persistieren zumindest zwei Monate lang

Diagnose: Anamnesegespräch; körperliche Untersuchung; Fragen nach psychischen Faktoren; evtl: Check im Schlaflabor

Behandlung: Kognitive Verhaltenstherapie; Antidepressiva; Progressive Muskelentspannung; Lichttherapie; Melatonin; Gewichtsmanagement-Programme

Was ist Night Eating Syndrome/Nächtliches Essen (NES)?

Gelegentlichen nächtlichen Heißhunger, der einen dazu bringt, aufzustehen, um etwas zu essen, kennt wahrscheinlich jeder und jede. Das Night Eating Syndrome (NES) aber ist eine Essstörung, die mit unterbrochenem Schlaf bzw. einer Schlafstörung einhergeht. Betroffene wachen – oft mehrmals in der Nacht – auf und müssen dann wie aus einem inneren Zwang heraus aufstehen, um etwas zu essen. Dabei verzehren sie bis zur Hälfte oder zumindest ein Viertel der Nahrungsmenge, die sie normalerweise innerhalb von 24 Stunden essen.

Dieses Phänomen ist nicht selten – ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, aber die medizinische Forschungt hat sich bisher erst relativ wenig damit auseinandergesetzt. NES ist noch nicht im ICD 10 (ICD11) erfasst, und zudem steht noch nicht fest, ob es sich dabei um eine psychische Erkrankung, eine Schlafstörung, eine eigenständige Essstörung oder um eine Variante des Binge Eating Disorder handelt.

Charakteristisch für das NES ist das wiederholte Essen und Trinken am späten Abend und mitten in der Nacht. Dabei nehmen die Betroffenen große Mengen an Kohlenhydraten auf, aber nur wenig Proteine. Typisch ist weiters, dass die „Nachtesser“ morgens keinen Appetit haben. Sie leiden zudem unter Ein- und Durchschlafproblemen, da sie aufwachen und nicht mehr einschlafen können, ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben.

Auch Übergewicht ist bei ihnen nicht selten, aber das Übergewicht ist nicht unbedingt eine Folge des nächtlichen Essens, da viele Betroffene insgesamt nicht übermäßig viel Nahrung zu sich nehmen. Das ist auch der Grund dafür, dass ein Teil der Nachtesser normalgewichtig ist und im Laufe der Jahre, in denen sie nachts den Kühlschrank plündern, nicht zunehmen. Sind Nachtesser aber bereits übergewichtig oder neigen zu Übergewicht, so verstärkt das nächtliche Essen diese Problematik. 

Einige Experten weisen darauf hin, dass eine unbehandelte NES es für Betroffene schwierig macht, ein gesundes Gewicht zu halten. Nächtliches Essen erhöht zudem das Risiko für Diabetes und Bluthochdruck und kann die Lebensqualität beeinträchtigen.

Menschen, die NES haben, sind am Abend oft angespannt und schlechter Stimmung, und sie machen sich häufig Sorgen um ihr Gewicht und ihre Figur. Viele leiden darunter, dass sie scheinbar keine Kontrolle über ihren Drang, nachts zu essen, haben, und einige Betroffene kämpfen zudem mit Ängsten, Depressionen und Süchten, die oft vor allem nachts schwer zu beherrschen sind.

NES ist keine Unterform von Schlafwandeln oder anderem abnormalem Schlafverhalten. Es unterscheidet sich vom so genannten Sleep-Related Eating Disorder (SRED), denn von NES Betroffene sind völlig wach, während sie nachts essen und trinken und erinnern sich daran, wie sie aufgewacht sind und gegessen haben. Im Unterschied dazu essen Menschen, die unter SRED leiden, während des Schlafs und erinnern sich am nächsten Morgen nicht daran.

Ursachen und Risikofaktoren des Night Eating Syndromes

Was die Ursachen des Night Eating Syndrome betrifft, so sind sie noch kaum erforscht. Empirische Studien lassen aber vermuten, dass eine genetische Komponente eine Rolle spielt, denn NES tritt familiär gehäuft auf. Auch Hormone dürften am Entstehungsprozess des NES beteiligt sein. Liegt etwa eine Fehlregulation von Melatonin vor, so führt dies zu den beschriebenen Schlafstörungen sowie zu Depressionen. (Melatonin steuert den so genannten zirkadianen Rhythmus (Schlaf-Wach-Rhythmus)). 

Auch wird vermutet, dass der Level des Hormons Ghrelin sich auf das Essverhalten auswirkt und Hungerschübe verursacht. Bei Nichtbetroffenen ist dieser Level nachts niedrig, bei von NES Betroffenen hingegen hoch. NES kann manchmal aus Diäthalten und dem daraus folgenden Mangel an Kalorienaufnahme untertags resultieren. Zudem gibt es Berichte, denen zufolge Nachtesser im Vergleich zu stark adipösen Menschen und Nichtbetroffenen häufiger von emotionalem Missbrauch und körperlicher Vernachlässigung in der Kindheit betroffen sind.

Symptome des nächtlichen Essen

Die Symptome von NES halten in der Regel mehrere Wochen, Monate oder Jahre an und lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  • Betroffene haben wenig oder gar keinen Appetit am Morgen. Sie nehmen ihre erste Mahlzeit oft erst mehrere Stunden nach dem Aufwachen ein, sind nicht hungrig, aber verärgert über die Menge an Nahrung, die sie in der Nacht zuvor zu sich genommen haben.
  • Menschen mit NES essen mehr nach dem Abendessen als während dieser Mahlzeit.
  • Betroffene essen mehr als die Hälfte der täglichen Nahrungsmenge während und nach dem Abendessen, aber vor dem Frühstück. Es kann sein, dass sie das Bett verlassen, um nachts zu snacken.
  • Dieses Muster persistiert zumindest zwei Monate lang.
  • Betroffene fühlen sich angespannt, ängstlich, verärgert oder schuldig, während sie essen.
  • NES ist stressbezogen und oft begleitet von Depression. Speziell nachts können Betroffene angespannt, ängstlich, nervös, agitiert etc. sein.
  • Betroffene tun sich schwer damit, einzuschlafen oder durchzuschlafen. Sie wachen oft auf und essen dann.
  • Die Nahrung, die sie nachts zu sich nehmen, ist oft kohlenhydratreich: also zucker- stärkehaltig.
  • Das Essverhalten ist nicht wie bei Binge Eating, welches in relativ kurzen „Anfällen“ auftritt. NES-Betroffene essen kontinuierlich während der Abend- und Nachtstunden.
  • Das nächtliche Essen verursacht Schuld- und Schamgefühle, keinen Genuss.

NES – Diagnose

Der behandelnde Arzt fragt meist nach den Symptomen einschließlich der Häufigkeit des nächtlichen Aufwachens und den Mitteln und Methoden, die dem oder der Betroffenen helfen, wieder einzuschlafen. Die Diagnostik umfasst auch eine körperliche Untersuchung sowie Fragen nach Stimmung, Emotionen und mentaler Gesundheit.
Oft raten Ärzte dazu, ein Schlaftagebuch zu führen. Diese Aufzeichnungen können Behandlern helfen, einen Behandlungsplan zu erstellen. Manchmal erfolgt auch ein Check im Schlaflabor, um das abnorme Schlafverhalten genau zu untersuchen.

Behandlung des Night Eating Syndromes

Bei der Behandlung des Night Eating Syndroms kommt entweder eine der folgendenTherapien oder eine Kombination aus mehreren Behandlungsansätzen zum Einsatz. Diese sind:

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Sie kann helfen, das „falsche“ Essverhalten zu verändern und gesündere Gewohnheiten zu entwickeln.
  • Antidepressiva: Vor allem SSRI, welche die Stimmung heben und Emotionen regulieren, kommen zum Einsatz.
  • Progressive Muskelentspannung: Sie kann helfen, sich wieder zu beruhigen und wieder einschlafen zu können.
  • Lichttherapie (Phototherapie): Dabei wird der Patient täglich ca. 15 bis 30 Minuten lang einem speziellen Licht ausgesetzt. Phototherapielampen helfen, den zirkadianen Rhythmus zu verändern, sodass man nachts schläfrig wird.
  • Melatonin: Dieses Hormon, welches den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert und kontrolliert, kann eingesetzt werden, um zu helfen, nachts ein- und durchzuschlafen.
  • Gewichtsmanagement-Programme: Sie helfen, ein gesundes Gewicht zu halten, gehaltvolle Nahrung auszuwählen und sich besser zu fühlen.

Prävention: Kann man sich vor NES schützen?

Es kann sein, dass es nicht gelingt, NES vorzubeugen, aber man kann die Gesundheit schrittweise verbessern um einen erholsamen Schlaf zu finden.

  • Entscheiden Sie sich für gesundes Essen: Stellen Sie sicher, dass Sie nur gesunde Nahrungsmittel zu Hause haben. Verbannen Sie fett- und zuckerreiche Nahrungsmittel aus Ihrem Haushalt.
  • Achten Sie auf eine gute Schlafhygiene: Das Schlafzimmer sollte gut temperiert sein. Versuchen Sie, jeden Tag zur selben Zeit schlafen zu gehen. Meiden Sie Koffein und Elektronik, bevor Sie schlafen gehen.
  • Achten Sie auf Ihre mentale Gesundheit: Versuchen Sie, mit Meditation und Atemübungen Stress abzubauen. Wenn Sie sich ängstlich oder traurig fühlen, sprechen Sie mit Ihrem Behandler. Psychotherapie kann helfen, Emotionen besser zu managen und die Stimmung zu verbessern.
  • Bleiben Sie tagsüber aktiv: Regelmäßige körperliche Aktivität untertags hilft, nachts besser zu schlafen.

Prognose der Erkrankung

Unbehandelt kann NES zu Gesundheitsproblemen und emotionalen Herausforderungen führen. Es kann zur Entwicklung von Diabetes, Bluthochdruck und anderen Erkrankungen kommen, die aus starkem Übergewicht resultieren. Aber eine Kombination von Psychotherapie, Medikamenten und Lebensstiländerungen kann vielen Betroffenen helfen.

Martin D S: What Is Night Eating Syndrome? Medically Reviewed by Minesh Khatri, MD on May 17, 2021 https://www.webmd.com/mental-health/eating-disorders/binge-eating-disorder/what-is-night-eating-syndrome, Abruf Mai 2022

Sonnenmoser, M: Night-Eating-Syndrom: Mehr als eine schlechte Angewohnheit, Deutsches Ärzteblatt

PP 8, Ausgabe Juli 2009, Seite 316 https://www.aerzteblatt.de/archiv/65341/Night-Eating-Syndrom-Mehr-als-eine-schlechte-Angewohnheit, Abruf Mai 2022

https://www.dgess.de/images/newsletter/DGESS_Newsletter_2-2013.pdf, Abruf Mai 2022

https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/21731-night-eating-syndrome-nes, Abruf Mai 2022

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