Inkontinenz: Diagnose und Behandlung

Inkontinenz: Diagnose und Behandlung

Rund eine Million Menschen sind in Österreich von Harninkontinenz (Inkontinenz, Incontinentia urinae) betroffen. Aufgrund der damit verbundenen Schamgefühle sprechen viele Betroffene nicht offen darüber mit ihrem Arzt und nehmen das Leiden hin, anstatt früh professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Was viele nicht wissen: Für die meisten Formen von Inkontinenz gibt es unterschiedliche effektive Therapiemöglichkeiten, die dabei helfen das Leiden in den Griff zu bekommen und mit diesem im Alltag besser umzugehen. Lesen Sie hier mehr über die einzelnen Formen von Inkontinenz, mögliche Ursachen und die Behandlungsmöglichkeiten.

Was genau ist Inkontinenz?

Als Inkontinenz wird der ungewollte Abgang von Urin zwischen den Toilettengängen bezeichnet und damit der Verlust der Fähigkeit, den Ort und den Zeitpunkt der Blasenentleerung selbst zu bestimmen. Schätzungen zu Folge leiden weltweit mehr als 400 Millionen Menschen unter Inkontinenz, in Österreich beläuft sich die Zahl Betroffener auf etwa eine Million, davon sind 850.000 Frauen und 150.000 Männer. Der unwillkürliche Harnabgang kann prinzipiell jeden betreffen, die Zahl an Neuerkrankungen steigt mit zunehmendem Alter an – bei den über 70-Jährigen ist jede dritte Frau und jeder sechste Mann von einer Blasenschwäche betroffen.

Wieso sind Frauen viel öfter von Inkontinenz betroffen?

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, weswegen Frauen öfter vor Inkontinenz betroffen sind als Männer, allem voran die Anatomie des weiblichen Beckens. Dieses ist bei Frauen größer, wobei die Muskelschichten des Beckenbodens dünner sind als bei Männern. Durch eine Geburt werden das Bindegewebe und die Muskulatur im Bereich des Beckens zusätzlich belastet, weswegen es bei Frauen auch häufiger zu einem Absenken des Beckenbodens kommt. Auch durch Übergewicht und Adipositas wird das Beckengewebe zusätzlich strapaziert, weiters kann die Beckenbodenschwäche angeboren sein.

Weitere Gründe für die größere Inzidenz bei Frauen sind widerkehrende Harnwegsinfekte, Östrogenmangel, eine Überaktivität der Blasenmuskulatur und eine überaktive Blase. Letztere betrifft hierzulande 290.000 Männer und 540.000 Frauen.

Das Alter erhöht das Risiko für Blasenschwäche bei beiden Geschlechtern, bei älteren Frauen kommt es durch die altersbedingte Degeneration der quergestreiften Fasern des Schließmuskels (Sphinkter) zu einer zunehmenden intrinsischen Schwäche des Sphinkters.

Formen und Ursachen der Inkontinenz

Bei der Inkontinenz werden mehrere Formen unterschieden, denen unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen können:
Dranginkontinenz: Die Dranginkontinenz ist bei Männern aller Altersgruppen die häufigste Form der Blasenschwäche, bei Frauen wird die Dranginkontinenz mit zunehmendem Alter vorherrschend.

Aufgrund einer überaktiven oder sehr empfindlichen Blase kommt es bei Betroffenen immer wieder zu einem plötzlich auftretenden und nicht beherrschbaren Harndrang und folglich zu unwillkürlichem Harnverlust.

Ursachen der Dranginkontinenz sind Erkrankungen der Harnblase (z.B. Blasenentzündungen und Blasensteine), altersbedingte Veränderungen der Harnblase, Blasensenkung, Prostatavergrößerung, Östrogenmangel, Übergewicht, andere Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, Parkinson- und Alzheimer-Krankheit sowie psychosomatische Faktoren (häufiger bei jüngeren Personen).

Belastungsinkontinenz: Die Belastungsinkontinenz, auch als Stressinkontinenz bezeichnet, tritt bei Frauen wesentlich häufiger auf als bei Männern.

Bei einer Belastungsinkontinenz wird der ungewollte Harnabgang durch einen erhöhten Innendruck im Bauch ausgelöst, welcher wiederum durch unterschiedliche Faktoren wie Husten, Niesen, Lachen, bestimmte abrupte Körperbewegungen wie Aufstehen, Setzen, Stufensteigen und das Heben und Tragen von schweren Lasten, Blähungen oder aber durch unangestrengte Bewegungen wie Liegen und Sitzen verursacht wird. Hauptursache für die Belastungsinkontinenz ist eine Beckenbodenschwäche bzw. eine Schwäche des Schließmuskels der Blase. Bei Männern kann die Belastungsinkontinenz nach Prostataoperationen auftreten – durch die Entfernung der Prostata kann es beispielsweise zu einem Absenken des sonst intakten Schließmuskels der Blase kommen.

Mischinkontinenz: Die Mischinkontinenz ist eine Kombination aus Dranginkontinenz und Belastungsinkontinenz. Liegt bei Frauen zuerst eine Belastungsinkontinenz vor, geht diese mit zunehmendem Alter häufig in eine Mischinkontinenz über.

Überlaufinkontinenz: Betroffene mit Überlaufinkontinenz leiden aufgrund von Abflussstörungen an einer übervollen Blase. Die Blase kann nicht richtig entleert werden, sodass der Druck im Inneren der Blase den obstruktiven Verschlussdruck übersteigt. Dies führt schließlich zu unkontrolliertem Harnabgang bzw. ständigem Harnträufeln.

Die Überlaufinkontinenz betrifft vor allem ältere Frauen und Männer sowie Männer mit gutartiger Prostatavergrößerung und Menschen bei welchen eine Verengung der Harnröhre vorliegt.

Reflexinkontinenz: Die Reflexinkontinenz tritt als Folge einer anormalen Reflexaktivität auf. Der Reflexinkontinenz liegt eine Störung bei der Übertragung von Nervenimpulsen aus dem Gehirn oder Rückenmark zur Harnblasenmuskulatur zugrunde, sodass sich die Blasenmuskulatur ungehemmt kontrahiert, was wiederum zu ungewolltem Harnabgang führt.

Diese Form der Inkontinenz betrifft vor allem Menschen mit Querschnittslähmung und mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson- und Alzheimer-Krankheit, Multipler Sklerose und Schlaganfall.

Auswirkungen

Harninkontinenz ist Betroffenen meistens sehr peinlich und stellt für viele Menschen eine große psychische Belastung dar. Der unkontrollierte Harnverlust kann Auswirkungen auf das Berufsleben, das Familienleben, die Freizeitgestaltung, das Sexualleben und folglich auf das gesamte Wohlbefinden haben und dazu führen, dass sich Betroffene immer mehr zurückziehen und aus Angst vor unkontrolliertem Harnabgang kaum noch das Haus verlassen.

Da Inkontinenz – ebenso wie viele andere Erkrankungen und Beschwerdebilder “unterhalb der Gürtellinie” wie etwa beispielsweise Blähungen – noch immer ein Tabuthema sind bzw. als solches gesehen wird, über das man einfach nicht spricht, finden sich viele Betroffene mit den Beschwerden ab und nehmen etwaige Beeinträchtigungen in der Lebensqualität hin, ohne eine Therapie zu suchen. Trotz des hohen Leidensdrucks wenden sich viele Menschen aus falscher Scham nicht an ihren Arzt. Dabei ist Harninkontinenz ein medizinisches Problem wie jedes andere. Und was viele nicht wissen: Für fast jede Form der Inkontinenz gibt es effektive Therapiemöglichkeiten.

Diagnose

Anamnese
Am Beginn der Basisdiagnostik steht eine ausführliche Anamnese. Dabei holt sich der Arzt wichtige Informationen über das vorliegende Inkontinenzproblem ein, darunter Informationen darüber seit wann das Problem besteht, in welchen Situationen es zum ungewollten Harnverlust kommt und ob bzw. welche Therapien bereits durchgeführt wurden sowie Informationen zum sozialen Umfeld, der beruflichen Tätigkeit, der Krankengeschichte, vorangegangenen Operationen, eingenommenen Medikamenten und Geburten.

Blasen-Tagebuch
Weiters wird der Patient gebeten über mehrere Tage ein sogenanntes Miktionstagebuch zu führen: Dabei handelt es sich um ein “Blasen-Tagebuch” in welchem der Patient u.a. dokumentieren soll wie häufig er auf die Toilette geht, wie groß das Harnvolumen ist, ob er zum Zeitpunkt des Gangs auf die Toilette noch trocken oder bereits nass war und wie viel Flüssigkeit über den Tag verteilt getrunken wurde. Mithilfe eines Lebensqualitätsfragebogens kann der Patient zudem seinen individuellen Leidensdruck aufgrund der Harninkontinenz beurteilen.

Untersuchungen
Anschließend wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Diese umfasst eine Untersuchung des Unterbauchs und des äußeren Genitalbereichs, bei Frauen kann weiters eine gynäkologische Untersuchung (Spekulumeinstellung) erforderlich sein. Zudem wird ein sogenannter Hustentest durchgeführt. Dabei wird der Patient gebeten mit gefüllter Harnblase mehrmals im Stehen und im Liegen zu Husten. Kommt es synchron mit dem Husten zu einem Harnaustritt, liegt eine Belastungsinkontinenz vor. Eine Überprüfung der Nervenfunktion gibt Aufschluss über mögliche neurologische Ursachen für die Inkontinenz. Weiters wird im Zuge der Basisdiagnostik eine Harnprobe im Labor untersucht.

  • Weitere mögliche Untersuchungen sind die sogenannte Urodynamik und die Ultraschalluntersuchung der Blase, mithilfe welcher die Dynamik des Beckenbodens dargestellt wird und durch welche der Arzt beurteilen kann, ob die Blase restlos entleert wird oder nicht. Die Urodynamik liefert genaue Informationen zur Funktion der Blase und des Schließmuskels sowie zur möglichen Ursache der Inkontinenz.

Bei Patienten mit Belastungsinkontinenz und zusätzlichen Drangsymptomen, wiederkehrenden Harnwegsinfekten und Entleerungsstörungen kann eine Endoskopie zu weiteren Abklärung erforderlich sein, um Harnsteine oder Verengungen im Bereich der Harnröhre als Ursache für die Harninkontinenz auszuschließen.

Therapiemöglichkeiten bei Inkontinenz

Für die Behandlung der Inkontinenz stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die Wahl der jeweiligen Therapie orientiert sich an der vorliegenden Inkontinenz-Form, dem Leidensdruck des Patienten und anderen individuellen Faktoren.

Prinzipiell stehen konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Konservative Behandlung

Die konservative Behandlung der Inkontinenz umfasst vor allem Beckenbodentraining und Verhaltenstherapie.

Beckenbodentraining: Mithilfe des Beckenbodentrainings sollen Betroffene lernen die Muskulatur des Beckenbodens gezielt einzusetzen und zu kontrollieren, weiters wird durch das Beckenbodentraining die Beckenbodenmuskulatur wieder aufgebaut bzw. gestärkt. Der Patient lernt u.a. wie er die Belastung des Beckenbodens im Alltag reduzieren und falsche Anspannungsmuster ablegen kann. Das Beckenbodentraining sollte vor allem zu Beginn mit spezialisierten Physiotherapeuten durchgeführt werden und ist nur dann erfolgreich, wenn die Übungen auch zu Hause konsequent und richtig ausgeführt werden. Bei vielen Patienten lässt sich mithilfe des Beckenbodentrainings eine deutliche Besserung der Lebensqualität erzielen. Das Beckenbodentraining kann gegebenfalls mit einer Biofeedback-Therapie kombiniert werden.

Verhaltenstherapie: Mögliche Maßnahmen im Rahmen der Verhaltenstherapie sind Ernährungsberatung und Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Patienten, Stuhlgangregelung, Rauchstopp sowie ein spezielles Miktions- und Toilettentraining. Bei einem Miktionstraining lernen Patienten u.a. zu kurze oder zu lange Miktionsintervalle aktiv zu verlängern oder zu verkürzen. Ziel eines Toilettentraining ist es wiederum die Blase auf Anordnung entleeren zu können noch ehe starker Harndrang eintritt.

Auch richtiges Trinkverhalten (richtige Menge an Flüssigkeit zur richtigen Zeit), das bewusste Meiden von Reizstoffen wie z.B. Koffein sowie das Erlernen von Techniken zur Drangunterdrückung (bewusster Umgang mit aufkommendem Panikgefühl, Atemtechniken/ruhiges Atmen etc.) können besonders hilfreich im Umgang mit der Blasenschwäche sein.

Medikamentöse Therapie: Ergänzend zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen kann eine medikamentöse Therapie erfolgen. Sogenannte Anticholergika haben eine krampflösende Wirkung und bewirken zudem, dass der starke Harndrang nachlässt.

Lokale Östrogentherapie: Die lokale Östrogentherapie kann bei postmenopausalen Frauen helfen den starken Harndrang zu mildern.

Bei Patienten mit Überlaufkontinenz wird die übervolle Blase meistens zunächst mithilfe eines Katheters entleert. Auch bei manchen Patienten mit Reflexinkontinenz muss die Blase regelmäßig über einen Katheter entleert werden.

Operative Behandlung

Operative Eingriffe werden erst dann in Betracht gezogen, wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

Sind konservative Therapiemaßnahmen wie Beckenbodentraining, Verhaltenstherapien und medikamentöse Therapien nicht ausreichend, kann ein operativer Eingriff in Betracht gezogen werden, bei welchem z.B. die Harnröhre der Frau mit einem spannungsfreien Band umschlossen wird (TVT, Tension free Vaginal Tape).

In speziellen Fällen kann allerdings nur eine Operation helfen die Inkontinenz zu beseitigen (z.B. bei gutartiger Prostatavergrößerung, Verletzungen des Schließmuskels etc.).

Weitere Maßnahmen

Ergänzend können – je nach Ursache – auch andere Ansätze wie Akupunktur, Homöopathie, Autogenes-Training oder eine sogenannte Magnetstuhltherapie helfen das Leiden in den Griff zu bekommen. Inkontinenz-Hilfsmittel, darunter flüssigkeitsaufnehmende Einweg-Produkte wie Schutzhosen und Vorlagen sowie intravaginale Hilfsmittel wie Urethrapressare helfen Betroffenen im Alltag besser mit der Inkontinenz umzugehen.

 

Fact-Box

Inkontinenz betrifft in Österreich etwa 850.000 Frauen und 150.000 Männer.

Formen: Dranginkontinenz, Belastungsinkontinenz, Mischform aus Drang- und Belastungsinkontinenz, Überlaufinkontinenz, Reflexinkontinenz und weitere.

Ursachen: Je nach vorliegender Form können unterschiedliche Ursachen vorliegen, zu diesen zählen u.a.: Beckenbodenschwäche, Schwäche des Schließmuskels der Blase, Erkrankungen und Veränderungen der Harnblase, Überempfindlichkeit der Blase, Überaktivität der Blase, Abflussstörungen, Blasensenkung, Östrogenmangel, gutartige Prostatavergrößerung, psychosomatische Erkrankungen und bestimmte Grunderkrankungen

Diagnose: Anamnesegespräch, Miktionstagebuch, körperliche (gynäkologische) Untersuchung, Infektausschluss,  Restharnbestimmung

Konservative Behandlungsmöglichkeiten: Beckenbodentraining, Biofeedback-Therapie, Verhaltenstherapie, medikamentöse Therapie, lokale Östrogentherapie

Weitere mögliche Maßnahmen: Operation (nach Ausschöpfen aller möglichen konservativen Therapiemaßnahmen), Akupunktur, Homöopathie, Entspannungstechniken, Magnetstuhltherapie, Inkontinenz-Hilfsmittel

Quellen:
Reisenhauer C. et al., Interdisziplinäre S2e-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Belastungsinkontinenz der Frau, Geburtsh Frauenheilk 2013; 73: 1–5, Georg Thieme Verlag KG Stuttgart - New York

Univ.-Prof. Dr. Stephan Madersbacher, Abteilung für Urologie und Andrologie, SMZ Ost – Donauspital Wien; Genderaspekte bei der Harninkontinenz, Universum Innere Medizin 07/2012, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Mag. Elisabeth Leeb; Inkontinenz: Stilles Leiden am stillen Örtchen, Gyn-Aktiv 05/2012, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter; Harninkontinenz in der täglichen Praxis, Gyn-Aktiv 04/2012, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Prim. Univ.-Prof. DDr. Hermann Enzelsberger, Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Schwerpunktkrankenhaus Steyr; Inkontinenz der Frau, Österreichische Ärzte Zeitung 03/2011, Klinische Abteilung für Gynäkologie/Medizinische Universität Graz, Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Prim. Univ.-Prof. DDr. Hermann Enzelsberger, Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Schwerpunktkrankenhaus Steyr; Zu den Krankheitsbildern und zur Diagnostik – Harninkontinenz der Frau – häufiger, als man denkt, Gyn-Aktiv 02/2011, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Dannecker, C. et al., Harninkontinenz der Frau, Dtsch Arztebl Int 2010; 107(24): 420-6, Deutscher Ärzteverlag GmbH

Bögermann, C. et al., Therapie der Belastungsinkontinenz beim Mann, Dtsch Arztebl Int 2010; 107(27): 484-91, Deutscher Ärzteverlag GmbH
ICD-10: N39.3, N39.4, N39.40, N39.41, N39.42, N39.43, N39.47, N39.48

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN