abnormale Plasmazelle - multiples Myelom
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Multiples Myelom

Das Multiple Myelom ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems, bei der Plasmazellen bösartig entarten. Dadurch kommt es unter anderem zu Symptomen wie erhöhter Infektanfälligkeit und Knochenschmerzen bis hin zu Nierenschäden und Nierenversagen. Das Multiple Myelom ist nicht heilbar, aber Lebenszeit und -qualität der Betroffenen können durch eine adäquate Behandlung deutlich verlängert bzw. verbessert werden.

Factbox – Multiples Myelom

Synonym: Multiples Myelom, Plasmozytom, Kahler Krankheit

Definition: Erkrankung des blutbildenden Systems, bei der Plasmazellen bösartig entarten

Ursachen und Risikofaktoren: hohes Lebensalter, männliches Geschlecht, afroamerikanische Herkunft, monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS), ionisierende Strahlen, angeborene Immundefektsyndrome und bestimmte Autoimmunerkrankungen (z.B. rheumatoide Arthritis)

Symptome: Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schwäche, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Knochenschmerzen, Osteoporose, Nachlassen der Nierenfunktion, Blutbildveränderungen, Blutarmut, erhöhte Infektanfälligkeit, Atem- und Harnwegsinfekte, erhöhte Blutungsneigung, Veränderung des Nervensystems

Diagnose: Anamnese, körperliche Untersuchung, Blut- und Urinproben, Röntgen- und MRT-Untersuchungen, CT, Knochenmarkpunktion

Behandlung: Bestrahlung, systemische Chemotherapie, zusätzlicher Einsatz neuer Substanzen, Stammzelltransplantation oder eine Kombination dieser Verfahren

Was ist ein Multiples Myelom?

Das Multiple Myelom (auch Plasmozytom oder Kahler Krankheit) ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems, bei der Plasmazellen bösartig entarten. Normalerweise beträgt der Plasmazellanteil im Knochenmark des Menschen weniger als fünf Prozent. Liegt aber ein Multiples Myelom vor, so vermehren sich die entarteten Plasmazellen überschießend im Knochenmark und reagieren nicht mehr auf die Kontrollmechanismen des Körpers.

Das bedeutet, dass die Paraproteine (dysfunktionale Antikörper oder deren Bruchstücke, auch Leichtketten genannt), die die entarteten Plasmazellen produzieren, in der Regel funktionsuntüchtig sind und ihre Aufgabe in der Infektionsabwehr nicht erfüllen. Menschen, die am Multiplen Myelom erkrankt sind, sind deshalb trotz einer erhöhten Menge an Antikörpern vermehr anfällig für Infektionen. Zudem verdrängt die größere Menge an Plasmazellen das Wachstum der gesunden blutbildenden Zellen im Rest des Knochenmarks. Betroffene können daher unter entsprechenden Beschwerden wie Müdigkeit, Schwäche, gesteigerter Infektanfälligkeit, Nasen– und Zahnfleischbluten, blauen Flecken, Haut- und Schleimhautblutungen leiden.

Außerdem bilden die entarteten Plasmazellen Substanzen, die knochenabbauende Zellen, die so genannten Osteoklasten, im Knochen aktivieren. Kommt es dabei zu einer Überaktivierung, so dünnen die Knochen vor allem in Wirbelsäule, Becken, Rippen und Schädel aus und werden später porös (Osteoporose). In noch späteren Krankheitsstadien können Knochendefekte (Osteolysen) und in der Folge Knochenbrüche und/oder -schmerzen entstehen. Auch die Kalziumwerte im Blut können gefährlich ansteigen, da Kalzium freigesetzt wird, wenn Osteoklasten die Knochen zersetzen. Das kann zu Bewusstseinsstörungen und Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen führen.

Weiters kann der Eiweißgehalt des Blutes stark ansteigen, wenn sich große Mengen von Paraproteinen bilden. Dieses Eiweiß kann die Nierenkanälchen verstopfen und die Nierenfunktion stark beeinträchtigen. Selten kann es auch dazu kommen, dass sich die Paraproteine, die von den Plasmazellen produziert wurden, „fehlfalten“ und sich als Eiweiße in inneren Organen und peripheren Nerven ablagern. Betroffene leiden dann unter Herzschwäche, Nieren- und Leberversagen, Verdauungsproblemen, Gewichtsverlust, Missempfindungen in Händen und Füßen sowie einer vergrößerten Zunge.

Ein Multiples Myelom kann sich über Jahre hinweg unbemerkt entwickeln. Symptome treten in der Regel erst nach längerer Zeit auf.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen für die Entstehung eines Multiplen Myeloms sind bis heute weitgehend ungeklärt. Risikofaktoren für die Entwicklung eines Plasmozytoms sind hohes Lebensalter, männliches Geschlecht, afroamerikanische Herkunft und die so genannte monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS). Letzteres ist eine Plasmazellerkrankung oder besser gesagt eine Laborwertauffälligkeit, bei der nur eine geringe Menge von Paraproteinen im Serum sowie ein Plasmazellanteil im Knochenmark unter zehn Prozent vorliegen. Die MGUS verläuft meist gutartig, kann aber in ein Multiples Myelom übergehen.

Was genetische Faktoren betrifft, so haben erstgradige Verwandte von Betroffenen zwar ein geringfügiges Risiko selbst zu erkranken, das Multiple Myelom ist aber keine Erbkrankheit im eigentlichen Sinn.

Zudem ist bei etwa der Hälfte der Plasmozytomzellen die Anzahl und Art der Chromosomen im Erbgut verändert. Ein allgemeiner Risikofaktor, der Veränderungen im Erbgut der Zellen auslösen kann, sind ionisierende Strahlen, die etwa bei Atomkatastrophen oder Röntgenuntersuchungen vorkommen, wobei es bei letzteren keine Hinweise darauf gibt, dass die Strahlendosis das Erkrankungsrisiko für das Multiple Myelom erhöht.

Weiters wurde nachgewiesen, dass angeborene Immundefektsyndrome und bestimmte Autoimmunerkrankungen wie etwa die rheumatoide Arthritis das Risiko für Gammopathien erhöhen.

Vermutet werden auch Zusammenhänge zu viralen und bakteriellen Erkrankungen, die das Immunsystem schwächen (zum Beispiel HIV).

Symptome der Erkrankung

Die Symptome eines Multiplen Myeloms sind nicht nur für diese, sondern auch für zahlreiche andere Erkrankungen charakteristisch und treten oft erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien auf. Die wichtigsten sind:

  • Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Abgeschlagenheit
  • Müdigkeit
  • Schwäche

seltener auch:

  • Appetitlosigkeit
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Gewichtsverlust

Weitere Krankheitszeichen umfassen:

  • Knochenschmerzen
  • Osteoporose
  • Nachlassen der Nierenfunktion
  • Blutbildveränderungen
  • Blutarmut
  • erhöhte Infektanfälligkeit
  • Atem- und Harnwegsinfekte
  • erhöhte Blutungsneigung
  • Veränderung des Nervensystems (z.B. Lähmungen, Funktionsstörungen von Blase und/oder Mastdarm)

Multiples Myelom: Diagnose

Zur Diagnostik eines Multiplen Myeloms wird der Arzt zunächst die Anamnese erheben und eine gründliche körperliche Untersuchung durchführen, um etwaige schon aufgetretene Symptome zu erheben. Blut- und Urinproben erlauben es, die Art und Menge der Immunglobuline sowie weitere krankheitstypische Blutwerte zu bestimmen. Mit Röntgen- und MRT-Untersuchungen können ein früher Befall der Wirbelsäule und Weichteilherde des Multiplen Myeloms nachgewiesen bzw. abgegrenzt weisen. Die Computertomographie dient dazu, osteolytische Bezirke genauer zu beurteilen.

Die endgültige Diagnose kann nur durch eine Knochenmarkpunktion gesichert werden, da die Blutbildung im Knochenmark stattfindet. Dabei werden wenige Milliliter Blut aus dem Beckenknochen sowie ein kleines Knochenstückchen entnommen.

Behandlung des Plasmozytoms

Das Ziel jeder Behandlung eines Multiplen Myeloms ist die vollständige Vernichtung schadhafter Zellen. Leider ist dies beim Plasmozytom nicht operativ möglich, da die Erkrankung meist verteilt im Knochenmark besteht.

Wie bei anderen Krebserkrankungen kommen auch hier Strahlenbehandlung, systemische Chemotherapie, der zusätzliche Einsatz neuer Substanzen, eine Stammzelltransplantation oder eine Kombination dieser Verfahren zum Einsatz. Wenn der Tumor nur an einer Stelle auftritt, was selten das Fall ist, kann eine Strahlentherapie gut helfen. Eine vollständige Heilung des Multiplen Myelons ist aber nicht möglich. Die Therapie zielt daher darauf ab, das Leben zu verlängern und die Lebensqualität zu verbessern.

Die Therapien im Einzelnen:

Chemotherapie und neue Substanzen: Die chemotherapeutische Behandlung eines Multiplen Myeloms muss nicht sofort beginnen. Oft handelt es sich um um ein „schwelendes Myelom“, bei dem über einen längeren Zeitraum zunächst nur der Befund kontrolliert und abgewartet werden kann.

Bei der Chemotherapie selbst werden bestimmte Zytostatika mit Kortisonpräparaten kombiniert. Weiters werden mehrere  neue Medikamente wie etwa Ixazomib (ein Proteasom-Inhibitor kombiniert mit  einem Immunmodulator) oder Elotuzumab (monoklonale Antikörper die sich gegen Plasma- und Immunzellen richten) in verschiedenen Kombinationen mit Kortison, klassischen Chemotherapeutika oder anderen Medikamenten eingesetzt. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass Patienten mit einem Plasmozytom sehr infektionsgefährdet sind und dass sich das Infektionsrisiko durch die Chemotherapie zusätzlich erhöht. Deshalb sollten Betroffene bei Infektionsanzeichen umgehend einen Arzt konsultieren, um den Infekt behandeln zu lassen bzw. selbst Vorsorge treffen, um Infektionen zu vermeiden.

Hochdosis-Chemotherapie und autologe Stammzelltransplantation (Rückgabe eigener Stammzellen): Die Kombination dieser Verfahren kann die Zeit bis zur vollständigen Erholung der Blutbildung deutlich verkürzen, und die Infektionsgefahr ist dadurch geringer.

Allogene Stammzelltransplantation (Übertragung fremder Stammzellen): Dieses Verfahren stellt derzeit die einzige Heilungsmöglichkeit für Patienten mit Multiplem Myelom dar. Dabei erhält der Patient gespendete Stammzellen nach einer Chemotherapie. Die allogene Stammzelltransplantation kann aber teilweise zu schwerwiegenden Komplikationen führen, denn zum einen ist die Infektionsgefahr erhöht, und zum anderen besteht das Risiko einer so genannten Tranplantat-gegen-Wirt-Reaktion (GvHD).

Strahlentherapie: Für die Bestrahlung werden spezielle Geräte – so genannte Linearbeschleuniger – und neueste Techniken eingesetzt. Die Strahlentherapie hat das Ziel, die bei Betroffenen oft massiven Knochenschmerzen zu behandeln. Eine Radiotherapie kann zudem Knochenbrüchen in den Knochenabschnitten vorbeugen und bereits vorhandene Knochenbrüche stabilisieren. Die Strahlentherapie lindert die Knochenschmerzen bei fast allen Betroffenen deutlich.

Prognose des multiplen Myeloms

Die Prognose ist eher ungünstig, da in der Regel nicht mit einer dauerhaften Heilung zu rechnen ist. Die Krankheit kann jedoch relativ lange symptomarm verlaufen, und unter Therapie sind mehrere vorübergehende längerandauernde Remissionen möglich. Die Entwicklung neuer Therapien (wie etwa der CAR-T-Zellthekrapie ) könnte die Prognose in Zukunft deutlich verbessern.

S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge für Patienten mit monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) oder Multiplen Myelom, Langversion 1.01 (Konsultationsfassung) – Juni 2021, https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Multiples_Myelom/LL_Multiples_Myelom_Langversion_1.01.pdf, Abruf März 2022

Stiftung Deutsche Krebshilfe: Plasmozytom / Multiples Myelom, Die blauen Ratgeber, 4/2018
https://www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Plasmozytom-Multiples-Myelom_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf, Abruf März 2022

https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/multiples-myelom-plasmozytom-morbus-kahler.html, Abruf März 2022

https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/lymphome/index.php, Abruf März 2022

https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/2021/fk03-therapie-multiples-myelom.php, Abruf März 2022

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