TIC-Störungen

TIC-Störungen

Stand: Juli 2021

Tic-Störungen sind Verhaltensstörungen, die durch unwillkürliche, nicht gewollte Bewegungen oder Lautäußerungen gekennzeichnet sind. Die bekannteste Tic-Störung ist das Tourette-Syndrom. Sie werden entsprechend ihrer Ausprägung in motorische und vokale sowie einfache und komplexe Tics unterteilt.

Factbox TIC-Störungen

Definition: Tic-Störungen: sind Verhaltensstörungen, die durch unwillkürliche, nicht gewollte Bewegungen oder Lautäußerungen (Tics) gekennzeichnet sind.  Tourette-Syndrom: komplexe vokale und vielfältige motorische Tics kombiniert; Dauer: länger als ein Jahr; Beginn: vor dem 18. Lebensjahr

Ursachen: familiäre Belastung; Störung im Gehirnstoffwechsel; äußere Einflüsse

Symptome: einfache und komplexe motorische Tics; einfache und komplexe vokale Tics

Diagnose: Tourette Syndrom: mindestens zwei motorische und mindestens ein vokaler Tic; Dauer: mindestens ein Jahr, Beginn: in Kindheit oder Jugend
chronische motorische Tic-Störung: wie Tourette, aber keine vokalen Tics
chronische vokale Tic-Störung: ausschließlich vokale Tics
transiente Tic-Störung: schwache einfache motorische Tics, Dauer: weniger als ein Jahr

Wichtig: Erfassung zusätzlicher Störungen, insbesondere beim Tourette Syndrom

Behandlung: nur bei starker Ausprägung und hohem Leidensdruck mit Neuroleptika; Psychotherapie: Habit-Reversal-Training (HRT) und Comprehensive Bahavioral Intervention (CBIT); seltenst: tiefe Hirnstimulation; Selbsthilfe

Ärztliche Experten: spezialisierte Psychiater und Neurologen.

Was sind Tic-Störungen?

Unter Tic-Störungen versteht man Verhaltensstörungen, die durch nicht-rhythmische Bewegungen oder Lautäußerungen gekennzeichnet sind. Diese Tics treten plötzlich und unwillkürlich auf, wiederholen sich oft schnell hintereinander und haben keinen bestimmten Zweck. Sie werden entsprechend ihrer Ausprägung in motorische und vokale sowie einfache und komplexe Tics unterteilt.
Motorische Tics können sich zum Beispiel in Augenblinzeln, Kopfrucken oder Schulterrucken äußern, bei schweren Ausprägungen bzw. komplexen motorischen Tics etwa auch in Hüpfen, Drehen oder Aufstampfen. Vokale Tics betreffen beispielsweise Räuspern, Schniefen, Grunzen, Quieken, selten auch lautes Schreien. Tics lassen sich manchmal durch äußere Stimuli auslösen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Echophänomenen, bei denen der Patient zum Beispiel Bewegungen anderer, gesunder Personen imitiert, manchmal auch Tics von anderen Patienten übernimmt. All das kann die Umwelt Betroffener oft sehr verstören; Viele reagieren mit Unverständnis, Ärger oder auch Zurückweisung, und manche fühlen sich durch die Tics provoziert. Betroffene haben daher auch auf sozialer Ebene mit Problemen zu kämpfen.

Meist beginnt eine Tic-Störung im Volksschulalter, und man geht davon aus, dass einfache motorische Tics bei bis zu zehn bis 15 Prozent aller Grundschüler auftreten, wobei Jungen viermal häufiger betroffen sind als Mädchen. Oft handelt es sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen, denn bei rund 90 Prozent der Betroffenen kommt es später zu einer spontanen Besserung, mitunter können Tic-Störungen auch bis ins Erwachsenenalter andauern.

Im Verlauf der Störung können sich Tics in Bezug auf ihre Art, Schwere, Häufigkeit und Komplexität verändern. Die meisten Betroffenen berichten über eine Zunahme von Tics bei emotionaler Anspannung und eine Verminderung bei Entspannung oder Konzentration.

Typischerweise geht dem Tic ein so genanntes Vorgefühl voraus, das den Betroffenen erkennen lässt, dass das Ausführen eines bestimmten Tics bevorsteht. Dieses als unangenehm empfundene Gefühl klingt danach wieder ab. Manchmal lassen sich Tics auch willentlich unterdrücken. Sowohl das Vorgefühl als auch die willentliche Unterdrückung des Tics sind bei Kindern geringer ausgeprägt als bei Erwachsenen.

Ungeklärt ist, ob und wie oft chronische Tic-Störungen vollständig ausheilen.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Wenn komplexe vokale und vielfältige motorische Tics kombiniert auftreten, spricht man vom Tourette-Syndrom. Darunter fallen auch Störungen, die mehrmals täglich, ohne Rückbildung über die Dauer eines Jahres auftreten und deren Beginn vor das 18. Lebensjahr fällt.

Die vokalen Tics sind beim Tourette-Syndrom oft vielfältig und gehen mit explosiven, sich wiederholenden Lautäußerungen wie Räuspern oder Grunzen einher. Manchmal werden auch Bewegungen anderer nachgeahmt, wobei das nicht willkürlich und nicht zweckgebunden geschieht. Was den begleitenden Gebrauch von obszönen Ausdrücken, Bewegungen und Gesten betrifft, so ist dieses Phänomen, das vor allem durch Filme und Dokumentationen bekannt geworden ist, laut wissenschaftlicher Literatur nur bei zehn bis 20 Prozent der Patienten mit Tourette-Syndrom ausgeprägt.

Charakteristisch beim Tourette-Syndrom ist häufig auch eine Komorbidität mit weiteren Störungen. Das heißt, dass Betroffene unter zusätzlichen psychiatrischen Problemen oder Erkrankungen wie etwa ADHS, Zwangsstörungen, affektiven Störungen (Depression, Manie, bipolare Störung) oder Angststörungen leiden. Nur rund zehn bis 20 Prozent der Kinder mit Tourette-Syndrom haben keine weitere Störung. Berichtet wird auch, dass Kinder mit Tourette-Syndrom zu aggressivem Verhalten mit plötzlichen Wutausbrüchen neigen, und dass ältere Jugendliche sich überdurchschnittlich häufig selbst verletzen.

Wegen der auffälligen, nicht oder nur bedingt kontrollierbaren Symptome ist der psychische Leidensdruck der Betroffenen gerade beim Tourette-Syndrom oft hoch. Die Kinder und Jugendlichen haben mit Ablehnung, Spott und Ausgrenzung seitens Gleichaltriger zu kämpfen und werden auch oft von Erwachsenen, die das Störungsbild nicht kennen, als Störenfriede zurückgewiesen. Viele Nicht-Betroffene können sich einfach nicht vorstellen, dass die Tics tatsächlich unwillkürlich und krankheitsbedingt sind. Auch Eltern sind in dieser Situation oft überfordert. Nicht zuletzt deshalb entwickeln Kinder und Jugendliche mit Tourette-Syndrom mitunter ein geringes Selbstwertgefühl und neigen zu Depressionen und Angstsymptomen.

Was die Häufigkeit des Tourette-Syndroms betrifft, so nimmt man an, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung weltweit betroffen ist.

Ursachen von Tic-Störungen und Tourette-Syndrom

Die genauen Ursachen von Tic-Störungen und Tourette-Syndrom sind bis heute nur ansatzweise erforscht. Bekannt ist, dass es eine genetische Komponente gibt. Man geht davon aus, dass Angehörige ersten Grades ein Risiko von fünf bis 15 Prozent haben, selbst an einem Tourette-Syndrom zu erkranken. Was Tics allgemein betrifft, so wird das Risiko auf zehn bis 20 Prozent geschätzt.

Die Entstehung des Tourette-Syndroms wird auf eine Störung im Botenstoffwechsel des Gehirns zurückgeführt, wobei insbesondere der Neurotransmitter Dopamin, der für das Weiterleiten von Informationen wichtig ist, eine Rolle spielen dürfte. In entsprechenden Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die Zahl der Dopamin Rezeptoren im Gehirn der Patienten mit Tourette-Syndrom erhöht ist. Aber auch ein gestörter Serotonin-, Noradrenalin-, Glutamin- und Opioid Haushalt sowie Wechselwirkungen zwischen diesen Stoffen wird als ursächlich vermutet. Die Störungen manifestieren sich vor allem in den so genannten Basalganglien. Diese Hirnareale erfüllen eine Art Filterfunktion und regulieren, welche Impulse ein Mensch in Handlungen umsetzt und welche nicht.

Weiters dürfte es auch äußere Einflüsse geben, die bei entsprechender genetischer Veranlagung zur Entwicklung der Störungen beitragen. Dazu zählen unter anderem Nikotinkonsum und psychosozialer Stress der Mutter während der Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit und Sauerstoffmangel bei der Geburt sowie Infektionen wie Scharlach, Mittelohr- oder Mandelentzündung.

Symptome

Tics werden entsprechend ihrer Ausprägung in motorische und vokale sowie einfache und komplexe Tics unterteilt. Sie können einzeln oder in Serien auftreten, vorübergehend sein oder chronisch verlaufen. Tics sind individuell und daher von Mensch zu Mensch verschieden.

Einfache motorische Tics (Beispiele):

- Augenzwinkern, -blinzeln, -rollen, -aufreißen
- Augenbrauen hochziehen
- Nase rümpfen
- Backen aufblasen
- Mund verziehen
- Zunge herausstrecken
- Stirnrunzeln
- Grimassieren
- Zähneklappern
- Kopf schütteln, verdrehen, zucken, nicken
- Schulterzucken
- Arm-, Bein-, Bauch-, Rumpfbewegungen

Komplexe motorische Tics (Beispiele):

- an Kleidung ziehen
- Hüpfen, Springen
- Klatschen, Klopfen
- im Kreis drehen
- Aufstampfen
- Imitieren von beobachteten Gesten anderer (Echopraxie)
- Zeigen obszöner Gesten (Kopropraxie)

Einfache vokale Tics (Besipiele):

- Räuspern
- Schniefen, Schneuzen
- Husten, Hüsteln
- Prusten, Quieken, Quietschen, Grunzen
- Pfeifen, Summen
- Schreien
- Spucken

Komplexe vokale Tics (Beispiele):

- nicht der Kommunikation dienendes Wiederholen von Gehörtem (Echolalie)
- Ausrufen obszöner Worte (Koprolalie)
- Ausrufen anderer sozial unangemessener Wörter
- Sprechblockaden (auch Stottern)

Diagnose

Die korrekte Diagnose von Tic-Störungen bedeutet für Betroffene und deren Angehörige oft eine große Entlastung, aber Experten beobachten, dass bis dahin oft viel Zeit vergeht, weil viele Tics wie zum Beispiel Hüsteln oder Räuspern zunächst als Verlegenheitsverhalten oder individuelle Angewohnheit fehlinterpretiert werden. Dabei gilt auch hier: Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser können Betroffene unterstützt werden. Vor allem bei kleinen Kindern ist auch die Einbeziehung der Eltern in das diagnostische Gespräch wichtig, denn jüngere Kinder bemerken selbst oft nur sehr starke Tics.

Die Diagnose einer Tic-Störung berücksichtigt Art, Häufigkeit, Intensität und Verteilung der Tics. Außerdem werden auch äußere Einflussfaktoren, das Vorgefühl und die Unterdrückbarkeit der Tics sowie Risikofaktoren wie etwa das Vorkommen von Tic-Störungen in der Familie erhoben, und es geht weiters darum, die Tics von anderen Störungen wie etwa Zwängen abzugrenzen.

Die Feststellung des Schweregrads der Tic-Störung lässt sich mittels Fragebogen, die über mehrere Wochen zu Hause ausgefüllt werden, unterstützen.

Wichtig ist zudem die Erfassung weiterer Störungen, die insbesondere beim Tourette Syndrom häufig zusätzlich auftreten.

Die Diagnosekriterien im einzelnen:

  • Tourette Syndrom: es müssen mindestens zwei motorische und mindestens ein vokaler Tic vorliegen. Der Beginn der Erkrankung liegt im Kindes- oder Jugendalter. Die Störung liegt seit mindestens einem Jahr vor, wobei es dabei auch Unterbrechungen geben kann, und die Tics fluktuieren. Die Diagnose eines Tourette Syndroms setzt keinen besonderen Schweregrad der Tics voraus.
  • Chronische motorische Tic-Störung: Es gelten dieselben Diagnosekriterien wie beim Tourette Syndrom, aber vokale Tics fehlen. Meist sind die Tics weniger stark ausgeprägt, und es liegen seltener bzw. weniger schwer verlaufende weitere Störungen vor.
  • chronische vokale Tic-Störung: Es kommt ausschließlich zum anhaltenden Auftreten vokaler Tics. Das Auftreten weiterer Störungen ist genauso häufig wie beim Tourette Syndrom.
  • Transiente Tic-Störung: Kennzeichnend ist eine Dauer von weniger als einem Jahr. Meist bestehen nur schwach ausgeprägte einfache motorische Tics, die von den Kindern gar nicht bemerkt werden.

Behandlung von TIC-Störungen

Da viele Tic-Störungen nur in leichter Form auftreten, wird eine Behandlung der Symptome nur bei stark ausgeprägten Formen und wenn der Leidensdruck hoch ist, empfohlen. Vor allem beim Tourette Syndrom, das häufig mit ADHS oder Zwangsstörungen kombiniert auftritt, sollten primär diese Störungen behandelt werden, wenn sie dominant sind und den oder die Betroffene am meisten beeinträchtigen.

Medikamente haben keine Auswirkung auf die Auslöser oder den Verlauf der Störung, sie können aber Symptome lindern. Es kommen vor allem Neuroleptika der so genannten zweiten Generation zum Einsatz. Sie beeinflussen den Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin. Greift diese Behandlung nicht, können Antidepressiva (SSRI) oder muskelentspannende Medikamente eingesetzt werden. In sehr seltenen und schwerst ausgeprägten Fällen, bei denen andere Therapieformen versagen, kann auch das Verfahren der tiefen Hirnstimulation (eine spezielle Hirnoperation) in Erwägung gezogen werden.

Vielfach erfolgreich sind Spezialformen der Psychotherapie, etwa das Habit-Reversal-Training (HRT) bzw. die Comprehensive Bahavioral Intervention, (CBIT) die nicht nur ein Symptom bekämpfen, sondern sich oft auch günstig auf den weiteren Verlauf der Störung auswirken. Das HRT setzt sich aus Entspannungs- und Wahrnehmungstraining, dem Erlernen eines alternativen Verhaltens und der Übertragung dieses Verhaltens in Alltagssituationen zusammen und nutzt dabei das Vorgefühl, das bei vielen Betroffenen dem Tic unmittelbar vorausgeht. Beim CBIT wird das HRT noch um Funktionsanalyse, Psychoedukation und Achtsamkeitstraining erweitert.

Wichtig ist zudem, die Eltern in die Therapie miteinzubeziehen. Sie können ihr Kind entlasten, indem sie helfen, Belastungssituationen zu entdecken und zu entschärfen und ihm einen selbstbewussten Umgang mit der Störung vermitteln.

Für viele Betroffene, insbesondere Tourette-Patienten ist auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe eine wichtige Unterstützung.

Welcher Arzt behandelt Tic-Störungen?

Zuständig für die Behandlung von Tic-Störungen sind spezialisierte Psychiater und Neurologen.

Autor:
Quellen:
Müller-Vahl K. et al.:
Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen: Mit einem Manual zum Habit Reversal Training (Störungsspezifische Psychotherapie)

Ludolph A. et al.: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter
https://www.aerzteblatt.de/archiv/132918/Tourette-Syndrom-und-andere-Tic-Stoerungen-in-Kindheit-Jugend-und-Erwachsenenalter, Abruf Jänner 2021

https://tourette-gesellschaft.de/tourette-syndrom/, Abruf Jänner 2021

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/tic-stoerungentourette-syndrom/was-sind-tic-stoerungenist-das-tourette-syndrom/, Abruf Jänner 2021

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/tourette-syndrom-ticstoerung/was-ist-ein-tourette-syndrom-ticstoerung/, Abruf Jänner 2021
ICD-10: F95

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