Psychogener Schwindel funktioneller Schwindel
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Psychogener Schwindel

Unter psychogenem Schwindel (heute: funktioneller Schwindel) versteht man Schwindel mit Stand- und Gangunsicherheit sowie einer Fallneigung, bei dem sich keine organische Ursache feststellen lässt. Betroffene leiden überdurchschnittlich auch an Angst und Depression. Psychotherapeutische Ansätze können dabei unterstützen, diesen Menschen effizient zu helfen.

Factbox – Psychogener Schwindel

Synonyme: funktioneller Schwindel, phobischer Schwankschwindel, Angstschwindel, PPPD

Definition: Schwindel mit Stand- und Gangunsicherheit sowie Fallneigung, bei dem sich keine organische Ursache feststellen lässt.

Ursachen: Angststörungen, Depressionen, außergewöhnliche psychische Belastungen, andere Krankheitserlebnisse, organische Erkrankung mit Schwindelanfällen vorausgehend, fehlerhafte Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen

Symptome: Gefühl, dass sich alles dreht, Benommenheit, Stand- und Gangunsicherheiten, manchmal chronische Hyperventilation/Seufzeratmung, Anzeichen einer Angststörung. Achtung: kein Erbrechen und selten bis gar keine Stürze

Behandlung: edukative bzw. aufklärende Programme, Desensibilisierungstraining mit Gleichgewichtsübungen und stufenweiser Exposition auf Schwindel auslösende Situationen, leichter  Sport, Antidepressiva vom Typ SSRI, Verhaltenspsychotherapie, Behandlung psychiatrischer Begleiterkrankungen

Psychogener Schwindel – was ist das?

Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind ein äußerst häufiges Phänomen. In Hausarztpraxen klagt etwa jede/r sechste PatientIn über Schwindel, und das Symptom ist umso häufiger, je älter die Menschen sind. Junge Erwachsene sind nur zu knapp zwei Prozent betroffen, bei den über 65-Jährigen steigt der Anteil auf mehr als 30 Prozent und liegt bei den über 75-Jährigen noch höher.

Dabei kann sich der Schwindel auf ganz unterschiedliche Art und Weise präsentieren. Manche Menschen, die von Schwindel betroffen sind, empfinden ihn wie eine Karussellfahrt. Andere haben das Gefühl, dass alles um sie herum schwankt. Wieder anderen Betroffenen wird etwa in einer langen Warteschlange schwindlig. 

Der Schwindel selbst ist keine eigenständige Erkrankung. Expertinnen und Experten bezeichnen ihn als ein so genanntes multisensorisches Syndrom, das sich durch eine gestörte Wahrnehmung verschiedener Sinne, den Verlust der Körpersicherheit im Raum und damit verbundenen Gleichgewichtsstörungen bemerkbar macht. Wenn der Schwindel voll ausgeprägt ist, kommt es zur Wahrnehmung von Scheinbewegungen, einer gestörten Funktion der Augenmuskulatur und einer Fallneigung. Hinzu kommen oft Beschwerden wie etwa Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen. Schwindel kann vorübergehend, aber auch andauernd auftreten.

Wichtig zu wissen ist auch, dass der Schwindel ein Leitsymptom vieler Erkrankungen ist. Dabei handelt es sich um neurologische Störungen, Herz-Kreislauf-Leiden, Erkrankungen der Ohren, aber auch psychische Probleme wie etwa Angst oder Depression können sich dahinter verbergen. In diesen letzteren Fällen handelt es sich häufig um einen psychogenen Schwindel, der heute als funktioneller Schwindel bezeichnet wird. Weitere Synonyme für diese Art von Schwindel sind „phobischer Schwankschwindel“ bzw. Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (PPPD).

Der funktionelle Schwindel ist ein Schwindel mit Stand- und Gangunsicherheit sowie einer starken Fallneigung, bei dem sich keine organische Ursache feststellen lässt. Es handelt sich dabei um eine sehr häufige Untergruppe des Schwindels. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen sind rund 15 bis 30 Prozent aller Schwindelzustände dieser Untergruppe zuzuordnen.

Typische Symptome sind Benommenheit, und oft umschreiben Betroffene den Zustand mit „Schummrigkeit“ oder dem Gefühl, dass sich alles dreht.

In diesem wie in jedem anderen Fall, in dem Schwindel plötzlich einsetzt oder man unter häufigen oder anhaltenden Schwindelanfällen leidet, sollte man sich unbedingt an eine Ärztin/einen Arzt wenden. Wichtig ist die exakte diagnostische Abklärung, denn oft ist Schwindel zwar harmlos, aber mitunter kann auch eine lebensbedrohliche Krankheit dahinter stehen. Liegt tatsächlich ein psychogener Schwindel vor, so leiden Betroffene überdurchschnittlich oft auch an Angst und Depression. Psychotherapeutische Ansätze können dabei unterstützen, diesen Patientinnen und Patienten effizient zu helfen.

Psychogener Schwindel – Ursachen

Was die Ursachen des psychogenen oder funktionellen Schwindels betrifft, dürften Angst und Depression eine Rolle bei der Entstehung spielen. So ist etwa die häufigste Form von psychogenem Schwindel der sogenannte phobische Schwankschwindel bzw. Angstschwindel. Er setzt meist nach außergewöhnlichen psychischen Belastungen oder anderen Krankheitserlebnissen ein, und Betroffene leiden überdurchschnittlich oft auch an Angststörungen oder Depressionen. Erlebt wird der phobische Schwankschwindel meist als attackenartige Anfälle von Schwankschwindel, Unruhe und Benommenheit mit Stand- und Gangunsicherheiten, wobei die Problematik – anders als bei anderen Schwindelformen – durch Haltungsänderungen kaum beeinflusst werden kann. Diese Anfälle empfinden Betroffene als sehr bedrohlich. Viele entwickeln eine ängstliche Erwartungshaltung vor der nächsten Attacke. Das, was den Schwindel auslöst sind, oft besondere Situationen wie das Anstehen an einer Warteschlange, Auto fahren, Fliegen oder bestimmte soziale Anforderungen wie Restaurantbesuche oder Besprechungen bei der Arbeit. Häufig entsteht so ein Teufelskreis aufgrund eines  Vermeidungsverhaltens, denn die Betroffenen versuchen, jene Situationen, in denen sie eine Schwindelattacke bekommen könnten, zu vermeiden.

Andererseits kann dem psychogenen Schwindel eine organische Erkrankung mit Schwindelanfällen vorausgehen. In der Folge fürchten die Patientinnen und Patienten weitere Attacken – selbst dann, wenn die eigentliche körperliche Ursache schon beseitigt wurde. Dadurch kommt es häufig zur Chronifizierung des Problems. Die Experten sprechen hier von sekundär somatoformem Schwindel oder phobischem Schwankschwindel. Dieser tritt oft täglich spontan auf und kann sich durch eine aufrechte Körperhaltung, Kopfbewegungen und sich bewegende optische Reize verstärken.

In jüngster Zeit gab es zudem Forschungsergebnisse, die gezeigt haben, dass Menschen mit funktionellem Schwindel Probleme mit der sensomotorischen Verarbeitung im Gehirn haben. Diese Probleme ähneln jenen von Menschen mit organischen Schwindelursachen. Man vermutet daher, dass der funktionelle Schwindel auf einer fehlerhaften Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen beruhen könnte und betont auch, dass sich diese Schwindelart so äußert wie schwere körperliche Erkrankungen – zum Beispiel nach komplettem Verlust der Funktion der Gleichgewichtsnerven.

Wie äußert sich psychogener Schwindel?

Dementsprechend schwer können daher auch die Symptome eines psychogenen Schwindels sein. Betroffene leiden unter

  • dem Gefühl, dass sich alles dreht (aber nicht wie im Karussell)
  • Benommenheit
  • Stand- und Gangunsicherheiten
  • Symptome wie chronische Hyperventilation/Seufzeratmung oder die Anzeichen einer Angststörung können auftreten.

Anders als bei anderen Schwindelformen wie etwa dem vestibulären oder dem zerebralen Schwindel treten Erbrechen und Stürze beim funktionellen Schwindel nicht auf. Auffällig ist auch, dass Auslöser, Dauer und Art des Schwindels oft nicht schlüssig zueinander passen.

Psychogener Schwindel – wer kann helfen?

Wer unter Schwindel leidet, wendet sich am besten zunächst an die Hausärztin/den Hausarzt, die/der in Folge an eine/n NeurologIn oder eine/n HNO-Fachärztin/-arzt überweisen kann. Leider müssen vor allem von psychogenem Schwindel Betroffene oft eine lange Odyssee an Ordinationsbesuchen hinter sich bringen, denn zur genauen Diagnostik wird auch nach einer organischen Ursache für die Schwindelattacken gesucht, die in diesem Fall aber nicht gefunden werden kann.

In der ICD-11-Klassifikation werden psychogene oder somatoforme Schwindelformen unter dem Begriff PPPD („persistent postural-perceptual dizziness“) geführt. Gemeinsame Kriterien alle dieser Schwindelsyndrome sind:

  • fluktuierender Dauer- Schwank- oder Benommenheitsschwindel mit Stand- und Gangunsicherheit bei normalem neurologischem Befund
  • Besserung durch leichten Alkoholgenuss und während sportlicher Tätigkeiten
  • meist zwanghaft-depressive Persönlichkeitszüge und ein erhöhtes Angstlevel.

Nach der Klassifikation der Bárány-Gesellschaft werden folgende fünf Kriterien gefordert:

  • Nicht drehender Schwindel oder Gleichgewichtsstörung an den meisten Tagen über mehr als drei Monate
  • Die Symptome halten ohne Provokation an, werden aber verstärkt durch eine aufrechte Körperhaltung, aktive oder passive Kopfbewegungen sowie bewegte visuelle Reize oder Reizmuster.
  • Die Erkrankung wurde durch eine organische, den Gleichgewichtssinn betreffende Erkrankung (sekundärer funktioneller Schwindel), durch akuten oder prolongierten Stress (primärer funktioneller Sc Schwindel) oder eine andere körperliche Erkrankung ausgelöst.
  • Die Symptomatik verursacht einen deutlichen Leidensdruck mit Funktionsbeeinträchtigung und/oder Vermeidungsverhalten.
  • Die Symptome sind nicht besser durch eine andere Erkrankung zu erklären.

Psychogener Schwindel – was tun?

Zur Therapie des funktionellen Schwindels empfehlen Expertinnen und Experten Betroffene zunächst über den Entstehungsmechanismus und die Harmlosigkeit der Erkrankung aufzuklären und darauf aufmerksam zu machen, dass hier auch eine verstärkte Selbstbeobachtung eine Rolle spielt. Daran anschließend sollten die Patientinnen und Patienten ein Desensibilisierungstraining mit Gleichgewichtsübungen und stufenweiser Exposition auf Schwindel auslösende Situationen absolvieren. Geraten wird oft auch zu leichtem Sport, da er helfen kann, das Vermeidungsverhalten der Betroffenen zu durchbrechen und neues Vertrauen in das eigene Gleichgewicht zu gewinnen. Bessert sich dadurch der psychogene Schwindel nicht ausreichend oder leiden die Patientinnen/Patienten unter einer starken Angstsymptomatik, wird begleitend eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva vom Typ SSRI empfohlen. In einzelnen Fällen ist eine Verhaltenspsychotherapie notwendig und nicht selten müssen auch psychiatrische Begleiterkrankungen therapiert werden.

Die Prognose beim funktionellen Schwindel ist gut. Unter den genannten Therapien bessert sich die Symptomatik bei 75 Prozent der Betroffenen deutlich oder verschwindet ganz.

Erni S et al: Guideline Schwindel. April 2018, https://www.medix.ch/media/gl_schwindel_24.10.19_mh.pdf,  Abruf Juli 2022

Schröder L et al: Unstable Gaze in Functional Dizziness: A Contribution to Understanding the Pathophysiology of Functional Disorders. Front Neurosci 2021 Jul 20; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34354560/, Abruf Juli 2022

Heide W: Nichtvestibuläre Schwindelsyndrome, 29.12.2019, https://www.springermedizin.de/emedpedia/klinische-neurologie/nichtvestibulaere-schwindelsyndrome?epediaDoi=10.1007%2F978-3-662-44768-0_58, Abruf Juli 2022

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/105518/Moegliche-Erklaerung-fuer-funktionellen-Schwindel-gefunden, Abruf Juli 2022

https://deximed.de/home/symptome/patienteninformationen/s-t/schwindel, Abruf Juli 2022

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schwindel/psychogener-schwindel/, Abruf Juli 2022

https://www.tum.de/en/about-tum/news/press-releases/details/35543/, Abruf Juli 2022

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