Büste vor dunklem Hintergrund
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Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer dissozialen (auch antisozialen) Persönlichkeitsstörung missachten ständig soziale Normen und setzen ihre eigenen Ziele rücksichtslos durch. Die Ursachen für die Störung sind bio-psycho-sozial. Moderne Therapien können sowohl das kriminelle Verhalten verringern als auch entsprechende Persönlichkeitsmerkmale günstig verändern.

Factbox – Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Synonym: Dissoziale Persönlichkeitsstörung, antisoziale Persönlichkeitsstörung

Definition: Menschen mit dieser Störung missachten ständig soziale Normen und setzen ihre eigenen Ziele rücksichtslos durch

Ursachen: bio-psycho-sozial

Symptome: Egozentrik, mangelndes Einfühlungsvermögen, mangelnde Gewissensbildung, u.U. Kriminalität

Diagnose: Blut- und Urinuntersuchungen, CT, Tests

Behandlung: Psychotherapie, vor allem kognitive Verhaltenstherapie

Dissoziale Persönlichkeitsstörung – was ist das?

Die dissoziale (auch antisoziale) Persönlichkeitsstörung ist dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene ständig soziale Normen missachten und ihre eigenen Ziele rücksichtslos durchsetzen. Dieses Verhalten zeigt sich oft schon in der Kindheit und Jugend: Regeln werden missachtet, die Schule wird häufig geschwänzt, es kommt zu Diebstählen und mutwilligen Zerstörungen sowie Lügen. Im Erwachsenenalter neigen viele Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung zu Kriminalität und Gewalttätigkeit, sie übertreten Gesetze und haben eine hohe Risikobereitschaft. Auf der anderen Seite fällt es ihnen extrem schwer, mit Frustrationen umzugehen, und sie reagieren darauf häufig mit aggressivem und gewalttätigem Verhalten. Strafen oder negative Erfahrungen führen in der Regel nicht dazu, dass Betroffene ihr Verhalten ändern. Nicht alle Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung sind aber kriminell, manche sind sozial gut angepasst und erfolgreich im Beruf. Typisch ist auch, dass Betroffene ein mangelndes Einfühlungsvermögen haben. Deshalb empfinden sie keine Schuldgefühle oder Verantwortungsbewusstsein, wenn sie anderen schaden. Zugleich haben sie oft eine gute Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen und für ihre Zwecke auszunutzen, etwa indem sie sie durch besonderen Charme manipulieren.

Abzugrenzen ist die dissoziale Persönlichkeitsstörung vom dissozialen Persönlichkeitsstil, welcher der entsprechenden Persönlichkeitsstörung ähnelt, aber weniger stark ausgeprägt ist. Menschen mit einem dissozialen Persönlichkeitsstil sind in der Regel abenteuerlustig und risikofreudig. Selbstbestimmtes Verhalten ist ihnen besonders wichtig, sie können ihre eigenen Interessen sehr geschickt verfolgen, sind verbal oft sehr gut und handeln schnell. Dadurch wirken sie sozial sehr kompetent und bekommen oft viel Anerkennung. Tatsächlich sind viele Menschen mit einem dissozialen Persönlichkeitsstil oft in Berufen erfolgreich, wo Risikobereitschaft eine Rolle spielt.

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind ein bis vier Prozent der Bevölkerung von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung betroffen, wobei die Störung bei Männern vier Mal so häufig vorkommt wie bei Frauen.

Welche Ursachen hat die dissoziale Persönlichkeitsstörung?

Wie bei anderen psychischen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen wird davon ausgegangen, dass die Störung durch das Zusammenwirken von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren entsteht. Eine mögliche genetische Ursache kann angenommen werden, da die antisoziale Persönlichkeitsstörung häufiger auftritt, wenn schon ein oder beide Elternteile die Störung hatten. Doch auch psychische und soziale Ursachen können geltend gemacht werden, da die Betroffenen oft aus zerrütteten Elternhäusern kommen und in ihrer Kindheit Gewalt, Vernachlässigung und wenig Zuwendung erlebt haben. Hier aber ergibt sich wieder ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, denn die Wahrscheinlichkeit für antisoziales Verhalten ist erhöht, wenn eine bestimmte Genvariante und körperliche Misshandlung bzw. Missbrauch in der Kindheit zusammenfallen. Bei dieser Genvariante handelt es sich um die schwach aktive Variante des so genannten MAO-A-Gens, die dazu führt, dass das Enzym Monoaminooxidase-A in geringeren Mengen vorhanden ist. Das wiederum führt zu einer erhöhten Ausschüttung der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, die sich auf Aggressivität und Impulsivität auswirken können.

Als weiterer Risikofaktor gilt eine antisoziale Verhaltensstörung in der Kindheit und Jugend, bei der es zu körperlicher Gewalt, kriminellem Verhalten, Lügen und Schule Schwänzen kommt. Ebenso scheint eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der Kindheit das Risiko für diese Störung zu erhöhen.

Was therapeutische Sichtweisen betrifft, so geht die Psychoanalyse davon aus, dass Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung in der Kindheit wenig elterliche Liebe bekommen haben und deshalb kein Urvertrauen zu anderen entwickeln konnten. Das Eingehen emotionaler Bindungen ist ihnen deshalb unmöglich, und sie entwickeln nur Beziehungen, in denen sie Macht ausüben können oder sich zerstörerisch verhalten. Die kognitive Verhaltenstherapie wiederum geht davon aus, dass auch Lernfaktoren eine Rolle bei der Entwicklung der Störung spielen. Demzufolge könnte es so sein, dass die Betroffenen möglicherweise das Verhalten von ihren Eltern übernommen haben bzw. dass die Eltern aggressivem Verhalten besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben und rücksichtsloses, aggressives oder egoistisches Verhalten nicht hintangehalten haben. Aus dieser Sicht wurde dieses Verhalten somit belohnt, und dadurch erklärt sich, warum es in der Folge häufiger auftritt.

Wie äußert sich eine dissoziale Persönlichkeitsstörung?

Was die Symptomatik der dissozialen Persönlichkeitsstörung betrifft, so wird sie nach den gängigen Klassifikationsmodellen ICD 10 und DSM etwas divergierend beschrieben. Nach DSM zeigen Menschen mit dieser Störung ein tiefgreifendes Muster der Missachtung und Verletzung der Rechte anderer. Es müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Die Betroffenen können sich nicht an Gesetze und gesellschaftliche Normen anpassen und begehen wiederholt Handlungen, die einen Grund für eine Festnahme darstellen.
  • Sie lügen, betrügen und gebrauchen Decknamen wiederholt, und dieses Verhalten dient allein dem persönlichen Vorteil oder dem eigenen Vergnügen.
  • Sie sind impulsiv und nicht dazu fähig, vorausschauend zu planen.
  • Sie sind reizbar und aggressiv und dadurch häufig in Schlägereien oder Überfälle verwickelt.
  • Sie verhalten sich durchgängig verantwortungslos und sind beispielsweise nicht in der Lage dazu, eine Tätigkeit dauerhaft auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
  • Sie zeigen keine Reue, wenn sie andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen haben. Das zeigt sich in Gleichgültigkeit oder einer rationalen Haltung gegenüber den Ereignissen.

Achtung: Die Symptome treten nicht im Verlauf einer Schizophrenie oder einer manischen Episode auf.

Die ICD-10 legt, was die Beschreibung der Störung betrifft  – anders als das DSM – den Schwerpunkt nicht auf kriminelle Handlungen und Gesetzesübertretungen, sondern auf typische Muster im Erleben, Handeln und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind laut diesem Klassifikationssystem egozentrisch, uneinfühlsam und gewissenlos. Kriminalität kann vorkommen, ist aber für die Diagnose nicht zwingend erforderlich. Nach ICD-10 müssen mindestens drei der folgenden Merkmale erfüllt sein:

  • Die Betroffenen haben ein mangelndes Einfühlungsvermögen und zeigen Gefühlskälte gegenüber anderen.
  • Sie missachten wiederholt soziale Normen.
  • Sie haben eine Schwäche, Beziehungen und Bindungen zu anderen aufzubauen.
  • Sie haben eine geringe Frustrationstoleranz und verhalten sich oft impulsiv oder aggressiv.
  • Sie empfinden nur geringe oder keine Schuldgefühle und sind unfähig zu sozialem Lernen.
  • Sie geben oft nur eine vordergründige Erklärung für ihr eigenes Verhalten ab und neigen dazu, andere  unberechtigt zu beschuldigen.
  • Sie sind anhaltend reizbar.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung: an welchen Arzt kann man sich wenden?

Was die Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung betrifft, so wird sie erst ab einem Alter von 16 Jahren vom Facharzt für Psychiatrie gestellt. Um die Störung von anderen Erkrankungen oder Störungen abzugrenzen, werden fallweise Blut- und Urinuntersuchungen durchgeführt, um feststellen zu können, ob das Verhalten auf Drogenkonsum zurückzuführen ist. Mit einer Computertomographie (CT) können mögliche Schäden im Gehirn ausgeschlossen werden. Zudem werden Fragebögen wie das Strukturierte Klinische Interview (SKID) eingesetzt, und gegebenenfalls werden auch Angehörige befragt.

Therapie der dissozialen Persönlichkeitsstörung 

Im Behandlungsbereich kommen vorwiegend psychotherapeutische Behandlungsansätze zum Einsatz. Sie zielen darauf ab, Eigenschaften der Betroffenen, die zu Gewalttätigkeit, Kriminalität und Aggressivität führen können, zu verändern. Das heißt, es geht darum, die zwischenmenschlichen und sozialen Kompetenzen zu verbessern, eine bessere Impulskontrolle zu vermitteln und das Einfühlungsvermögen zu fördern. Ein wichtiger Teil einer solchen Therapie ist auch das Erlernen von Strategien, mit denen Betroffene Rückfälle in alte Verhaltensmuster vermeiden können.

Wichtig zu wissen ist auch, dass Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung meist nicht freiwillig, sondern etwa auf gerichtliche Anordnung in die Therapie kommen. Auch deshalb ist ihre Motivation „mitzumachen“ oft nicht besonders hoch. Als günstig hat sich erwiesen, wenn der Therapeut selbst an den Erfolg der Therapie glaubt und das dem Patienten auch vermittelt. Außerdem braucht er oder sie auch eine engagierte Haltung und sollte einerseits auf die Sichtweise der Betroffenen eingehen, andererseits aber auch klare Grenzen setzen und die Autorität über die Therapie bewahren. Ein klar strukturiertes Vorgehen ist ebenfalls wichtig, und eine gezielte Betreuung und Nachsorge nach der eigentlichen Therapie kann dabei helfen, den Therapieerfolg auch langfristig zu gewährleisten. Was sich als wenig erfolgreich erwiesen hat, sind einerseits eine zu autoritäre, strafende Haltung, andererseits eine zu lockere Haltung des Therapeuten, bei der den Betroffenen vieles erlaubt ist.

Was konkrete Psychotherapien betrifft, so kommen psychoanalytisch und tiefenpsychologisch-fundierte Therapien und die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz. Erstere gehen davon aus, dass sich der Therapeut unterstützend verhalten und viel Struktur vorgeben sollte. (Therapieansätze mit wenig Struktur, in denen Deutungen eine Rolle spielen, werden von den Experten als wenig zielführend angesehen.) Zweitere hat sich bei der Behandlung der dissozialen Persönlichkeitsstörung bisher als die erfolgreichste Therapieform erwiesen. Durch die Kognitive Verhaltenstherapie können sowohl das kriminelle Verhalten verringert als auch Persönlichkeitsmerkmale günstig verändert werden.

Wichtig dabei ist die Verbesserung der sozialen Kompetenzen. Die Betroffenen werden angeleitet zu lernen, wie sie eigene Bedürfnisse verwirklichen können, während sie gleichzeitig auch auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen. Ein Fokus liegt auch auf Übungen, die Wünsche und Gefühle anderer besser wahrzunehmen, die Selbstkontrolle zu verbessern, positive zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und mit Ärger besser umzugehen. Worum es noch geht ist die Entwicklung von Mitgefühl für die Opfer der eigenen Handlungen und das Übernehmen von Verantwortung dafür.

Schließlich wird auch Rückfallprophylaxe betrieben, indem konkrete Schritte erarbeitet werden, mit denen gewalttätigem Handeln möglichst frühzeitig vorgebeugt werden kann.

Was die Einnahme von Psychopharmaka betrifft, so halten die Experten fest, dass sie nicht oder nur wenig dazu beizutragen scheint, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung effizient und dauerhaft zu verändern.

https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/persoenlichkeitsstoerungen/antisozial/, Abruf Juli 2022

https://patient.info/doctor/dissocial-personality-disorder, Abruf Juli 2022

https://www.nhs.uk/mental-health/conditions/antisocial-personality-disorder/, Abruf Juli 2022

Dulz B et al (Hg): Handbuch der Antisozialen Persönlichkeitsstörung. Schattauer Stuttgart 2017, https://web.archive.org/web/20181208004516/http://www.ciando.com/img/books/extract/3794568672_lp.pdf, Abruf Juli 2022

Volker Faust: Antisoziale Persönlichkeitsstörung wissenschaftlich gesehen: Psychologische und biologische Aspekte. Psychiatrie heute, Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit, 8. Juli 2011, https://web.archive.org/web/20181208002229/http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/Int.1-Antisoziale_Persoenlichkeitsstoerung.pdf, Abruf Juli 2022

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