Wochenbettdepression – Definition, Ursache, Behandlung

Wochenbettdepression – Definition, Ursache, Behandlung

Stand: März 2018
Frau mit Wochenbettdepression stützt sich am Gitterbett

Die Wochenbettdepression bezeichnet eine Form der Depression, die im ersten Jahr nach der Geburt auftritt und die Entwicklung der Beziehung zwischen Mutter und Kind stark beeinträchtigen kann. Betroffene Frauen können sich nach der Geburt nicht über ihr Baby freuen und nehmen die neue Mutterrolle nicht als Glück oder Lebensbereicherung wahr. Lesen Sie hier mehr über die Symptome, Ursachen und die Behandlung der Wochenbettdepression.

Was ist eine Wochenbettdepression?

Die Geburt eines Kindes und die Zeit danach gehören für die meisten Menschen zu den tiefgreifendsten und glücklichsten Lebensereignissen. Gleichzeitig gehen eine Schwangerschaft, Entbindung und die Zeit nach der Geburt für eine Frau auch mit vielen Veränderungen des Körpers, hormonellen Veränderungen, Veränderungen in der Partnerschaft, im Beruf und anderen Lebensbereichen einher, was für eine werdende und frisch gebackene Mutter diverseste Anpassungen bedeutet. Bestehen bestimmte ungünstige Bedingungen um die neue Verantwortung für ein Kind als Glück und Bereicherung im Leben wahrzunehmen, kann es nach der Geburt zu Stimmungstiefs (“Baby-Blues”) oder einer Depression kommen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist in diesem Zusammenhang der Begriff “Wochenbettdepression” verbreitet. Dieser wird umgangssprachlich auch für andere Formen von postnatalen (postnatal, postpartal: nach der Geburt) psychischen Störungen verwendet, die von leichten Verstimmungen bis hin zu schweren Psychosen reichen können. In Hinblick auf psychische Erkrankungen und Krisen nach der Geburt wird unterschieden zwischen:

  • Postpartalem Stimmungstief (“Heultage”, Baby-Blues)
  • Postpartaler Depression (postnatale Depression, Wochenbettdepression)
  • Postpartaler Psychose

Der sogenannte Baby-Blues kommt verhältnismäßig häufig vor. Er tritt in den ersten Tagen bzw. in der ersten Woche nach der Entbindung auf und zeichnet sich u.a. durch Stimmungsschwankungen, Weinerlichkeit, erhöhte Empfindsamkeit, ängstliche Besorgtheit und Erschöpfung aus. Für gewöhnlich klingen die Symptome innerhalb einiger Tage von alleine wieder ab.
Die postpartale Depression bezeichnet allgemein alle länger andauernden behandlungsbedürftigen depressiven Erkrankungen, die während eines Jahres nach der Geburt auftreten oder bestehen. Der Beginn ist in vielen Fällen schleichend und die Erkrankung wird von betroffenen Frauen und Angehörigen oftmals erst spät erkannt. Abzugrenzen von der Wochenbettdepression ist die postpartale Psychose, die schwerste Form einer psychischen Erkrankung nach der Geburt, die wegen der bestehenden Selbst- und Fremdgefährdung zumeist eine psychiatrische Notfallsituation ist und eine stationäre Behandlung zum Schutz von Mutter und Kind erforderlich macht.

Ursache einer Wochenbettdepression

Zumeist liegt der Wochenbettdepression nicht nur eine einzige Ursache zugrunde – die Erkrankung hat meistens verschiedene Ursachen, die komplex miteinander interagieren. So können u.a. biologische, psychische, soziodemographische, geburtsassoziierte und migrationsbedingte Faktoren zur Entwicklung einer postpartalen Depression beitragen.

Mögliche Ursachen sind Depressionen, Angststörungen, Panikstörungen und andere psychische Erkrankungen in der Vergangenheit, traumatische Erlebnisse in der Kindheit, Migration, schwierige finanzielle Situation, mangelnde Unterstützung durch den Partner, Gefühl der Überlastung, körperliche und geistige Erschöpfung, traumatische Geburt, hormonelle Umstellung u.v.m. Eine vorangegangene psychische Erkrankung gilt als besonders bedeutende Ursache, wobei vor allem eine vorbestehende Depression der wichtigste Risikofaktor zu sein scheint – Frauen, die bereits in einer vorangegangenen Schwangerschaft an einer perinatalen (um die Geburt herum) oder postpartalen Depression erkrankt sind, Frauen, die während der Schwangerschaft an einer Depression litten und Frauen mit früheren Depressionen haben ein besonders hohes Erkrankungsrisiko.

Symptome einer Wochenbettdepression

Das allgemeine klinische Bild einer postpartalen Depression unterscheidet sich prinzipiell nicht von jenem anderer Depressionen (Haupt- und Nebensymptome: Depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Interessenverlust, Antriebsstörungen, Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, vermindertes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen u.a.). Besonderheiten bzw. spezifische Symptome einer postpartalen Depression sind u.a. ausgeprägte emotionale Labilität, Zwangsgedanken in Bezug auf das Kind (z.B. diesem etwas anzutun), mangelndes Interesse am Kind und Gefühllosigkeit diesem gegenüber. Betroffenen Frauen fällt es zumeist schwer, sich über ihr Kind zu freuen, was wiederum das Gefühl von Schuld und Insuffizienz bestärkt. In weiterer Folge haben Betroffene das Gefühl in der Mutterrolle zu versagen. Derartige Insuffizienzgefühle werden durch auftretende Stillprobleme und andere Probleme zumeist weiter verstärkt.
Die Auflistung beinhaltet mitunter die wichtigsten bzw. häufig bei einer Wochenbettdepression auftretenden Symptome, jedoch nicht alle. Zudem kann ein Symptom bei Auftreten Anzeichen für eine andere Erkrankung sein. Auch muss nicht jedes hier angeführte Symptom bei einer Wochenbettdepression auftreten. Eine mögliche Wochenbettdepression sollte nicht selbst diagnostiziert, sondern stets ärztlich abgeklärt werden.

Mögliche Auswirkungen auf das Kind

Psychische Störungen und Erkrankungen der Mutter können die Mutter-Kind-Beziehung stören, was sich auf unterschiedliche Weise auf das Kind auswirken kann. Mögliche Auswirkungen reichen von Störungen der Emotionsregulation und der emotionalen und kognitiven Entwicklung mit Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter bis hin zu einem höheren Risiko für Angststörungen und Depressionen.
Eine postnatale Depression erschwert es der Frau, sich um ihr Kind zu kümmern und mit diesem zu interagieren. Eine Frau, die unter einer Wochenbettdepression leidet spricht weniger mit ihrem Kind und bringt durch ihre Mimik weniger positive Gefühle zum Ausdruck. Auf das Baby können sich Gefühle wie Angst und Verwirrtheit übertragen, es kann verstärkt zu Entfremdungsgefühlen kommen sowie zum Gefühl nicht geliebt zu werden, gleichzeitig nimmt das Baby weniger positive Gefühle wie Zufriedenheit und Freude wahr. In weiterer Folge kann es sein, dass das Kind weniger lächelt, ein verringertes Annäherungsverhalten und ein vermehrtes Vermeidungsverhalten aufweist, dass es weniger spielt und insgesamt weniger zufrieden ist als Kinder von nicht depressiven Müttern. Auch kann es sein, dass das Kind mit Protest reagiert, was bei beiden zu einer Steigerung der Frustration führt.

Behandlung

Die Behandlung einer Wochenbettdepression orientiert sich am Schweregrad dieser und am genauen Krankheitsbild. In einem ersten Schritt erfolgen eine Aufklärung über das Krankheitsbild und die Entlastung von Schuldgefühlen, weiters werden je nach genauer Situation weitere unterstützende Maßnahmen eingeleitet. Ziel der Behandlung ist es, die depressiven Symptome der Frau positiv zu beeinflussen und Entwicklungsdefiziten und Verhaltensauffälligkeiten beim Kind vorzubeugen. Wird die postpartale Depression frühzeitig behandelt, können Störungen des Bindungsverhaltens zwischen Mutter und Kind vermieden werden.

Besonders wichtig ist der Einbezug des Vaters, weiterer wichtiger Bezugspersonen (z.B. Großeltern) und unter Umständen auch externer Helfer (z.B. Hebammen), um die Betreuung des Kindes sicherzustellen und die Mutter zu entlasten. Bei einer leichten Form der Wochenbettdepression lassen sich die Symptome durch eine praktische Unterstützung bei der Pflege und Betreuung des Kindes und im Haushalt in vielen Fällen deutlich mildern. Bei leichten und mittelschweren Formen stellt eine alleinige Psychotherapie (interpersonelle Psychotherapie, ITP) oftmals die beste Behandlungsoption dar, bei schweren Formen wird eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie empfohlen.

Die Einnahme von Antidepressiva in der Stillphase stellt keine Gefahr für eine Schädigung des Babys dar. Bewährt haben sich sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Der Fokus einer ITP, die speziell für die postpartale Depression angepasst wurde, liegt u.a. auf zwischenmenschlichen Beziehungen und Konflikten (z.B. mit dem Partner und/oder anderen Familienmitgliedern) und Rollenkonflikten (Rollenübergang zur Mutterschaft). In besonders schweren Fällen ist eine stationäre Behandlung notwendig.

Vorbeugende Maßnahmen

Die beste vorbeugende Maßnahme ist Information. Schwangere und ihre Partner sollten über die wichtigsten Symptome und Risikofaktoren und andere wichtige Aspekte der Wochenbettdepression vom behandelnden Gynäkologen oder Allgemeinarzt aufgeklärt werden. Insbesondere wichtig ist die Aufklärung von Frauen, die bereits in der Vergangenheit unter einer Depression gelitten haben, sodass der Wochenbettdepression und ihren Folgen bei Bedarf mit intensiverer Beobachtung, psychosozialen Präventionsprogrammen und anderen Maßnahmen rechtzeitig entgegengewirkt werden kann.

Fact-Box

Wochenbettdepression (postnatale Depression): Form der Depression; depressive Störung im ersten Jahr nach der Geburt

Ursachen: Depressionen und andere psychische Erkrankungen in der Vergangenheit, hormonelle Umstellung, mangelnde Unterstützung, schwierige finanzielle Situation u.a.

Symptome: Depressive Verstimmung, Antriebsmangel, Freudlosigkeit, Interessenverlust, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Zwangsgedanken in Bezug auf das Kind, Schuldgefühle, Gefühllosigkeit dem Kind gegenüber, emotionale Labilität u.a.

Mögliche Auswirkungen auf das Kind: Beeinträchtigung der Mutter-Kind-Beziehung, Störung der emotionalen und kognitiven Entwicklung, höheres Risiko für Depressionen und Angststörungen, Entfremdungsgefühle, verringertes Annäherungsverhalten, vermehrtes Vermeidungsverhalten u.a.

Behandlung: Unterstützung durch/Einbezug von Bezugspersonen, Psychotherapie (interpersonelle Psychotherapie), medikamentöse Therapie; die Behandlung richtet sich nach dem genauen Krankheitsbild

Autor:
Quellen:
Ging A.; Postpartale Depression - Symptomatik, Prävention, Therapie, Schweizer Zeitschrift für Gynäkologie 01/2016, Rosenfluh Publikationen AG

Schmid-Siegel B.; Die postpartale Depression, Spectrum Psychiatrie 03/2015, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Postpartale Depression: Psychotherapien mit dyadischen Ansätzen, Deutsches Ärzteblatt 03/2015, Deutscher Ärzteverlag Gmbh

Schmid-Siegel B.; Schwangerschafts- und geburtsassoziierte Psychosen, Gyn-Aktiv 06/2014, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Sonnenmoser M.; Postpartale Depression: Vom Tief nach der Geburt, Deutsches Ärzteblatt 02/2007, Deutscher Ärzteverlag Gmbh

Härtl K. et al.; Wochenbettdepression - eine häufig spät oder nicht diagnostizierte psychische Erkrankung, Der Gynäkologe (2006) 39: 813, Springer Medizin Verlag

Riecher-Rössler A.; Was ist postnatale Depression?, In: Wimmer-Puchinger B., Riecher-Rössler A. (eds), Postpartale Depression, Springer-Verlag, Wien 2006
ICD-10: F53, F53,0, F53,1

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