Bandscheibenvorfall: Ursachen, Anzeichen und Therapie

Bandscheibenvorfall: Ursachen, Anzeichen und Therapie

Stand: September 2015

Rückenschmerzen sind das am weitesten verbreitete Leiden in Österreich. Rund 85 Prozent aller erwachsenen Österreicher hatten bereits Probleme mit dem Rücken. Besonders häufig tritt der Schmerz im Bereich der Bandscheiben auf. Die Ursachen für einen Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) sind vielfältig und reichen von einer schwach ausgebildeten Rückenmuskulatur über Fehlbelastungen bis hin zu Übergewicht. Auch eine Fehlhaltung wie etwa beim Sitzen vor dem Computer kann eine Veränderung der Wirbelkörper und Bandscheiben begünstigen. Wie sich ein Bandscheibenvorfall äußert, sowie welche Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen es gibt, lesen Sie hier.

Anatomie der Wirbelsäule

Als Achse des menschlichen Körpers erfüllt die Wirbelsäule zahlreiche Aufgaben. Zum einen verbindet sie Kopf, Brustkorb, Becken, Beine und Arme miteinander und erfüllt damit eine wichtige Haltefunktion, zum anderen ist sie für unterschiedliche Bewegungen des Körpers in alle Richtungen verantwortlich.

Die Wirbelsäule besteht aus Wirbelkörpern, Bandscheiben und zahlreichen Bändern und wird in mehrere Bereiche unterteilt:

  • Halswirbelsäule (HWS): Die Halswirbelsäule umfasst sieben Wirbelkörper (Vertebrae cervicales, C1 bis C7) und ist für Bewegungen des Kopfes verantwortlich.
  • Brustwirbelsäule (BWS): Die Brustwirbelsäule besteht aus 12 Wirbelkörpern (Vertebrae thoracicae, Th1 bis Th12) und ermöglicht Drehbewegungen des Rumpfes.
  • Lendenwirbelsäule (LWS): Die Lendenwirbelsäule setzt sich aus fünf Wirbelkörpern (Vertebrae lumbales, L1 bis L5) zusammen und ermöglicht Bewegungen zur Seite sowie Beuge- und Wiederaufrichtbewegungen. Eine gesunde Lendenwirbelsäule kann etwa 70° gebeugt und gestreckt werden. Bei manchen Menschen ist der fünfte Lendenwirbel mit dem Kreuzbein verwachsen. In solchen Fällen besteht die Lendenwirbelsäule nur aus vier Wirbelkörpern.
  • Kreuzbein (Os sacrum): Das Kreuzbein besteht aus fünf verwachsenen Wirbeln (Vertebrae sacrales, S1 bis S5).
  • Steißbein (Os coccygis): Das Steißbein setzt sich aus vier bis fünf verwachsenen Wirbelkörpern zusammen.

Die Wirbelsäule besteht insgesamt aus 33 Wirbelkörpern, von denen 24 über die Bandscheiben beweglich miteinander verbunden sind. Die Wirbel von Kreuz- und Steißbein sind verwachsen und gehören deswegen zu den sogenannten starren Wirbeln. Im Inneren des Wirbelkanals verläuft das Rückenmark.

Mit ihrer Form erinnert die Wirbelsäule an ein gebogenes “S”. Im Bereich der Brustwirbelsäule sowie im Kreuz- und Steißbein ist die Wirbelsäule leicht nach hinten gekrümmt (Kyphose), im Bereich der Hals- und der Lendenwirbelsäule geht die Krümmung leicht nach vorne (Lordose). Diese Form der Wirbelsäule ermöglicht aufrechtes Stehen und Gehen sowie die bessere Abfederung von Belastungen.

Funktion und Aufbau der Bandscheiben

Zwei benachbarte Wirbelkörper werden durch eine Bandscheibe verbunden. Ausgenommen davon sind die ersten beiden Wirbel der Halswirbelsäule und die Kreuz- und Steißbeinwirbel. Folglich gibt es insgesamt 23 Bandscheiben in der Wirbelsäule, die etwa 25 Prozent der Gesamtlänge der präsakralen Wirbelsäule ausmachen (Bereich vor dem Kreuzbein).

Ohne die Bandscheiben wäre die Wirbelsäule unbeweglich. Die Bandscheiben mindern Druck auf die Wirbelsäule oder fangen diesen ab, sorgen für eine gleichmäßige Druckverteilung auf die Wirbelkörper und begrenzen den Bewegungsumfang der Wirbelsäule.

Jede Bandscheibe besteht aus zwei Teilen, einem äußeren Faserring (Anulus fibrosus) und einem inneren Gallertkern (Nucleus pulposus).

Der äußere Faserring besteht aus kollagenen Bindegewebsfasern, die sich an den Wirbelkörper anheften. Der innen liegende Gallertkern besteht aus gallertigem Gewebe mit hohem Wassergehalt.

Wird Druck auf die Bandscheiben ausgeübt, verlieren die Bandscheiben Flüssigkeit, weswegen der Mensch am Abend etwas kleiner ist als in der Früh. Während dem Schlafen saugen die Bandscheiben Flüssigkeit ähnlich wie ein Schwamm auf, sodass die Wirbelsäule wieder um ein bis zwei Zentimeter länger wird.

Ursachen für einen Bandscheibenvorfall

Bei fast allen Menschen über 30 Jahre sind Wirbelkörper oder Bandscheiben aufgrund von Abnutzung oder dem natürlichem Alterungsprozess zumindest geringfügig verändert. Die meisten Bandscheibenvorfälle treten zwischen dem 30. und dem 60. Lebensjahr auf. In 90 Prozent aller Fälle ist die Lendenwirbelsäule vom Bandscheibenvorfall betroffen. Bandscheibenvorfälle im Bereich der Hals- und Brustwirbelsäule kommen seltener vor.

Zumeist sind Verschleißerkrankungen die Ursache für einen Diskusprolaps (Bandscheibenvorfall). Im Laufe der Jahre wird der äußere Faserring der Bandscheibe spröde und der innere Gallertkern verhärtet, da er immer weniger Wasser aufnehmen kann. Dadurch verringert sich der Abstand zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Der äußere Teil der Bandscheibe beginnt sich aufgrund der Veränderungen zu wölben und reißt schließlich ein (Bandscheibenvorfall).

Das Risiko für einen Bandscheibenvorfall steigt durch jahrelange Fehlhaltungen sowie durch Fehl- und Überbelastungen der Wirbelsäule. Vor allem zu schweres Heben kann einen Bandscheibenvorfall begünstigen. Stundenlanges Arbeiten vor dem Computer kann ebenfalls zu Wirbelveränderungen führen, vor allem bei einem zu niedrigen Schreibtisch und gleichzeitiger schlechter Körperhaltung. Auch Übergewicht kann für Rückenprobleme verantwortlich sein, ebenso wie eine schwach ausgebildete Rückenmuskulatur. Zudem sind schwangere Frauen oder Frauen nach einer Schwangerschaft häufig von einem Bandscheibenvorfall betroffen.

Symptome eines Bandscheibenvorfalls

Ein Diskusprolaps kann sich sehr unterschiedlich äußern. Art und Intensität hängen vor allem vom Ort des Bandscheibenvorfalls ab. Oft bleibt ein Bandscheibenvorfall über einen längeren Zeitraum unbemerkt und wird zufällig bei einer Untersuchung vom Arzt bemerkt.

Zu stechenden und teils lähmenden Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall kommt es dann, wenn der Gallertkern der Bandscheibe gegen einen Nerv oder gegen das Rückenmarkt drückt. Die durch den Druck auf die Nervenwurzeln ausgelösten Schmerzen können im weiteren Verlauf auch in Arme, Beine und Füße ausstrahlen und mit einem Taubheitsgefühl, Kribbeln oder anderen Gefühlsstörungen einhergehen. Beim Husten oder Niesen werden die Schmerzen verstärkt wahrgenommen. Zudem ist die Muskulatur im betroffenen Bereich angespannt und verhärtet. Auch Lähmungen der Schließmuskulatur von Darm und Blase, Gefühlsstörungen im Genitalbereich und Potenzstörungen sind mögliche Symptome eines Bandscheibenvorfalls im Bereich der Lendenwirbelsäule.

Bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule breiten sich die Beschwerden überwiegend in Arme und Hände aus.

Diagnose eines Bandscheibenvorfalls

Ein ausführliches Anamnesegespräch liefert dem Arzt bereits die ersten wichtigen Hinweise auf den Bandscheibenvorfall. Durch die Beschreibung von Art, Ort und Grad der Schmerzen kann der Arzt häufig die vom Diskusprolaps betroffene Nervenwurzel eingrenzen. Des Weiteren erfolgt eine klinisch-neurologische Untersuchung, bei welcher Reflexe und die Sensibilität von Armen, Beinen, Händen und Füßen untersucht werden. Mögliche Bewegungseinschränkungen und Lähmungen geben dem Arzt ebenfalls wichtige Hinweise darauf, welche Nervenwurzel durch den Bandscheibenvorfall in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen, können bildgebende Verfahren wie Röntgen, Computertomographie und Magnetresonanztomographie angeordnet werden. Während Röntgenaufnahmen Informationen zu möglichen Fehlstellungen oder Schäden der Wirbelsäule liefern, werden Größe und Ort des Bandscheibenvorfalls mittels Computertomographie und Magnetresonanztomographie gut sichtbar. Liefern diese Untersuchungen keine eindeutigen Befunde, wird eine sogenannte Funktionsmyelographie durchgeführt. Hierfür injiziert der Arzt ein spezielles Kontrastmittel in den Rückenmarksraum, wodurch mobile Bandscheibenvorfälle bei leichter Bewegung der Wirbelsäule erkennbar werden. In einigen Fällen führt der Arzt zudem eine Elektroneurographie durch. Dabei handelt es sich um eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um mögliche Nervenschäden genau bestimmen zu können.

Bandscheibenvorfälle können konservativ und operativ behandelt werden. Art, Stelle und Ausprägungsgrad des Bandscheibenvorfalls sind ausschlaggebend für die Wahl der Therapie. Die Prognose bei einem Bandscheibenvorfall ist in den meisten Fällen gut. Bei rund 90 Prozent der Betroffenen kann der Bandscheibenvorfall konservativ behandelt werden, die Erfolgsquote von operativen Eingriffen liegt bei etwa 80 Prozent.

Konservative Therapie

Zu den wichtigsten konservativen Therapiemaßnahmen zählt die körperliche Schonung, die jedoch nicht der kompletten Bettruhe gleichzusetzen ist. Angewinkelte Beine und hochgelagerte Füße (Stufenbett) können die Schmerzen bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule etwas mildern, da in dieser Position die Nerven entlastet werden. Ein Winkel von etwa 90 Grad ist bei dieser Lagerungshaltung optimal, der Lagerungswinkel sollte jedoch je nach bequemster Position gewählt werden.

Auch eine Wärmebehandlung kann die Schmerzen lindern. Rotlicht, Wärmepackungen und Bäder regen die Durchblutung an und entspannen die steife und verhärtete Muskulatur.

Zu Beginn verschreibt der Arzt schmerz- und entzündungshemmende Medikamente. Bei besonders starken Schmerzen können die Medikamente auch direkt am Ort des Bandscheibenvorfalls injiziert werden. Solche Infiltrationen von Schmerzmitteln direkt an die Nervenwurzel wirken Schmerzen zumeist äußerst effektiv entgegen, sind jedoch nicht dauerhaft wirksam.

Eine weitere wichtige Behandlungsmaßnahme stellt die Physiotherapie dar. Konsequente Krankengymnastik stärkt die Rückenmuskulatur, entlastet die Wirbelsäule und kann helfen weiteren Verletzungen vorzubeugen. Zudem lernen Patienten durch die Physiotherapie neue rückenschonende Bewegungsabläufe kennen. Die Physiotherapie kann zudem um Massagen, Entspannungsübungen und andere Bewegungstherapien wie Aqua-Gymnastik erweitert werden. Auch Sport ist nach einem Bandscheibenvorfall möglich und kann helfen die Rückenmuskulatur zu stärken und die Beschwerden zu mildern. Welche Sportarten und Übungen am besten geeignet sind, muss vorab mit dem Arzt abgeklärt werden. Gebückte Körperhaltungen und das Tragen schwerer Lasten sollten in jedem Fall vermieden werden.

Operation eines Bandscheibenvorfalls

Bleibt eine deutliche Besserung der Beschwerden nach sechs bis acht Wochen aus, muss im Regelfall eine Operation in Betracht gezogen werden.

Nur in folgenden Fällen ist eine sofortige Operation des Bandscheibenvorfalls notwendig:

  • Bei schweren Lähmungserscheinungen
  • Bei fortschreitenden Lähmungserscheinungen
  • Bei Vorfall des Gallertkerns der Bandscheibe auf das Rückenmark
  • Bei Funktionsstörungen in Folge des Bandscheibenvorfalls (Lähmungen der Schließmuskulatur des Darms oder der Blase, Gefühlsstörungen im Genitalbereich, Potenzstörungen)

Operationen eines Bandscheibenvorfalls erfolgen in den meisten Fällen minimal-invasiv oder in mikrochirurgischer Technik (mikrochirurgische Diskektomie) und werden von einem Neurochirurgen durchgeführt. Ziel der Operation ist es den vorgefallenen Teil des Gallertkerns der Bandscheibe zu entfernen und die betroffene Nervenwurzel zu entlasten.

Weitere operative Maßnahmen sind eine Verkleinerung des Gallertkerns mittels Lasertherapie und die medikamentöse Auflösung und anschließende Absaugung des vorgefallenen Gallertkerns mit einer Kanüle.

Der stationäre Aufenthalt ist nach den meisten Operationen relativ kurz. Um den Rücken zu stärken, sollten Patienten nach der Operation mit gezielter Physiotherapie beginnen.

Tipps für einen gesunden Rücken

Vor allem eine starke Muskulatur (Rücken- und Bauchmuskulatur) ist wichtig, um einem Bandscheibenvorfall oder anderen Rückenproblemen vorzubeugen. Mit folgenden Maßnahmen können Sie Ihre Rückengesundheit fördern und verbessern:

  • Rücken- und Rumpfmuskulatur stärken: Durch gezieltes Training können die Muskeln langfristig gestärkt und die Bandscheiben entlastet werden.
  • Bewegung: Sportarten wie Schwimmen, Tanzen oder Nordic Walking verbessern die Beweglichkeit der Wirbelsäule und belasten die Bandscheiben nicht zusätzlich.
  • Reduktion von Übergewicht: Ein normal gesundes Körpergewicht senkt das Risiko für Probleme mit dem Rücken.
  • Rückenfreundliches Arbeiten: Achten Sie beim Arbeiten auf eine aufrechte Körperhaltung und nehmen Sie diese immer wieder bewusst von neuem ein. Die Tischhöhe darf nicht zu niedrig sein und sollte entsprechend angepasst werden. Zudem empfiehlt es sich immer wieder kurz aufzustehen, den Körper zu strecken und die Sitzposition zu ändern. Arbeitsmediziner können helfen, Ihren Arbeitsplatz rückenfreundlich einzurichten.
  • Rückenfreundlich Heben: Vor allem das Heben von schweren Lasten mit durchgestreckten Armen belastet Wirbelkörper und Bandscheiben. Aus diesem Grund sollte vor allem die Kraft der Beine für das Heben von schweren Lasten genutzt werden.
  • Tragen von schweren Lasten: Tragen Sie schwere Lasten immer dicht am Körper (z.B. in einem Rucksack).
  • Rückenfreundlich schlafen: Das Schlafen auf zu weichen oder zu harten Matratzen kann Rückenprobleme fördern und die Regeneration während dem Schlaf behindern.
Autor:
Quellen:
Mag. pharm. Dr. Isabella Gazar; Schmerzart bei Nacken- und Rückenproblemen hinterfragen, Apotheker Krone 13/2014, Ärztekrone VerlagsgesmbH

Interview mit Prof. Dr. Josef Grohs, Universitätsklinik für Orthopädie an der Medizinischen Universität Wien; Konventionell oder minimalinvasiv?, Medizin Produkt 04/2014, AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen

MR Prim. Dr. Wolfgang Soukop, Institut für forensische Neuropsychiatrienpz Belvedere, Wien; Die Begutachtung des chronischen Rückenschmerzes, Neurologisch 03/2013, Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Deutsche Gesellschaft für Neurologie; Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Neurotraumatologie und Erkrankungen von Wirbelsäule und Nervenwurzel, 09/2012

Dr. Barbara Lohninger, Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic, Abteilung für Neurologie, Krankenhaus Vöcklabruck; „Para“-neurologische Rückenschmerzsyndrome, Neurologisch 03/2012, Österreichische Gesellschaft für Neurologie

Priv.-Doz. Dr. Josef Hermann, Klinische Abteilung für Rheumatologie und Immunologie, Medizinische Universität Graz; Rückenschmerz – Diagnostische Herausforderung mit großer therapeutischer Relevanz, Fakten der Rheumatologie 02/2011, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
ICD-10: M50