Histaminintoleranz

Histaminintoleranz

Stand: August 2017
Ein Glas Rotwein und aufgeschnittener schweizer Käse

Kopfschmerzen, Müdigkeit, Hautreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden - die Beschwerden einer Histaminintoleranz sind häufig sehr unspezifisch, weswegen die Unverträglichkeit oft erst spät erkannt wird. Lesen Sie hier, was sich hinter einer Histaminintoleranz verbirgt und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Was ist Histamin und welche Aufgaben erfüllt es im Körper?

Histamin ist ein natürlicher Botenstoff und gehört zu den biogenen Aminen, welche vom Körper selbst gebildet werden und fast überall auffindbar sind. Es kommt in vielen Lebensmitteln vor und wird regelmäßig über die Nahrung aufgenommen, auch in tierischem und pflanzlichem Gewebe ist Histamin enthalten.

Dieses entsteht im Körper durch Decarboxylierung (chemische Reaktion) aus der Aminosäure Histidin. Abgebaut wird es durch das Enzym Diaminoxidase (DAO).

Histamin erfüllt im Körper wichtige Aufgaben. So übernimmt es eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Bei einer Entzündung sorgt die Ausschüttung von Histamin dafür, dass sich die Blutgefäße erweitern und das Gewebe anschwillt. Es ist auch an der Entstehung von Juckreiz und verschiedenen allergischen Reaktionen beteiligt, beispielsweise an einer verstopften Nase – die Schwellung der Schleimhäute soll in diesem Fall dafür sorgen, dass die Nase als Eintrittspforte verschlossen wird. Ebenso spielt es im zentralen Nervensystem eine wichtige Rolle, indem es als Neurotransmitter die Übertragung von wichtigen Informationen übernimmt. Histamin ist u.a. an der Lernfähigkeit, Appetitkontrolle und am Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. Weiters ist Histamin wichtig für die Verdauung und stimuliert hierbei die Magensaftsekretion und steigert die Darmbewegung.

Wie entsteht eine Histaminintoleranz?

Bei einer Histaminintoleranz handelt es sich um die Unverträglichkeit von Histamin, das mit der Nahrung aufgenommen wird. Zu einer Histaminintoleranz kommt es aufgrund einer Enzymmangelerscheinung. Der Körper kann wegen eines Mangels an DAO das mit der Nahrung aufgenommene Histamin nicht mehr ausreichend abbauen.

Die Intoleranz kann vorübergehend oder dauerhaft auftreten. Es kann einerseits sein, dass im Körper ein Histaminüberschuss entsteht, beispielsweise durch den Verzehr von histaminreicher Nahrung, Stress oder körperliche Belastung, DAO dabei jedoch nicht in ausreichender Menge vorhanden ist um das Histamin abzubauen – es besteht also ein Missverhältnis zwischen der Zufuhr und dem Abbau von Histamin. Andererseits kann die körpereigene Produktion von DAO beeinträchtigt sein, mögliche Ursachen hierfür sind u.a. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Chron oder Zöliakie. Bei einer Histaminintoleranz handelt es sich nicht um eine Allergie, eine Histaminallergie gibt es nicht.

Was ist der Unterschied zwischen einer Intoleranz und einer Allergie?

Bei einer Allergie handelt es sich um eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf den wiederholten Kontakt mir normalerweise harmlosen Stoffen, die vom Körper als fremd wahrgenommen werden (Allergene). Allergene veranlassen den Körper zur Bildung von Antikörpern (Abwehrstoffen). Hat der Körper erneut Kontakt mit dem jeweiligen Stoff, reagieren die Antikörper und es kommt zu einer allergischen Reaktion.

Bei einer Intoleranz gibt es hingegen keine Abwehrreaktion des Immunsystems. Im Fall einer Histaminintoleranz bildet der Körper also keine Antikörper gegen Histamin. Es handelt sich um eine nicht immunologisch bedingte Unverträglichkeit, bei welcher das Enzym, welches zum Abbau der Nahrungsmittelkomponente benötigt wird fehlt bzw. nicht in ausreichender Menge verfügbar ist.

Weitere Unterscheidungsmerkmale zwischen Allergien und Intoleranzen finden sich in Bezug auf die Symptome, den Zeitpunkt des Auftretens der Reaktion und die Diagnostik. Bei einer Allergie kommt es meistens unmittelbar nach Kontakt mit dem jeweiligen Allergen zu einer Reaktion, bei einer Intoleranz tritt die Reaktion häufig verzögert auf, wobei die Reaktionszeiten sehr verschieden sein können. Und während bei Allergien bereits kleine Mengen ausreichend sind um eine allergische Reaktion auszulösen, kann es bei einer Intoleranz auch erst bei größeren aufgenommenen Mengen zu einer körperlichen Reaktion kommen (Die Menge macht das Gift).

Symptome bei Histaminintoleranz

Eine Histaminintoleranz kann sich bei jedem Betroffenen anders äußern und unterschiedliche Beschwerden verursachen. Prinzipiell ist bei einer Histaminintoleranz eine sehr große Palette an überwiegend unspezifischen Symptomen möglich. Häufig sind die Symptome einer Histaminintoleranz nur schwer von anderen Erkrankungen zu unterscheiden.

Zu den häufigsten Beschwerden zählen Kopfschmerzen, Migräne und Magen-Darm-Beschwerden, darunter Bauchschmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Durchfall, Magenkrämpfe und Blähungen. Weiters zeigen sich häufig Hautreaktionen (Rötungen, Juckreiz, Ausschlag, Flush).

Auch das Herz-Kreislaufsystem kann auf den gestörten Histaminabbau im Körper reagieren. Mögliche Symptome sind niedriger Blutdruck, Herzklopfen, Schwindel, Schweißausbrüche, starke Müdigkeit und Schwächegefühl. Werden die Atemwege in Mitleidenschaft gezogen, kann es zu Hustenreiz, asthmaähnlichen Anfällen und Atemnot kommen. Weitere mögliche Symptome sind u.a. eine laufende Nase, chronischer Schnupfen, tränende Augen und Menstruationsbeschwerden.

Histaminintoleranz und andere Erkrankungen

Allergien: Da bei einer Allergie Histamin in größeren Mengen ausgeschüttet wird, ähneln die Symptome einer Histaminintoleranz oft jenen einer Allergie.

Asthma bronchiale: Asthma bronchiale kann durch Histamin ausgelöst werden, weswegen es für betroffene Patienten wichtig ist, auf eine möglichst histaminfreie Ernährung zu achten.

Neurodermitis: Histamin wird vom Körper bei Entzündungsreaktionen gebildet und kann bei Neurodermitikern einen Neurodermitis-Schub auslösen, verlängern oder verstärken. Eine histaminarme Ernährung kann in vielen Fällen helfen, die Symptome der Neurodermitis zu verringern.

Seekrankheit: Im Gehirn wird bei der Seekrankheit eine große Menge an Histamin ausgeschüttet. Dies verbraucht viel Vitamin C, welches wiederum beim Abbau von Histamin wichtig ist, weswegen die Einnahme von Vitamin C (über die Mundschleimhaut, z.B. Vitamin C-Lutschtabletten) bei Seekrankheit wirksam ist.

Parodontitis: Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung des Zahnhalteapparats und der häufigste Grund für Zahnverlust im Erwachsenenalter. Die zum Entzündungsprozess beitragenden Bakterien in den Zahnfleischtaschen (z.B. Tannerella forsythensis, Prevotella intermedia) produzieren Histamin, weswegen bei Vorliegen einer Parodontitis erhöhte Histamin-Werte im Blut nachgewiesen werden können.

Histaminunverträglichkeit – wer ist besonders betroffen?

Frauen leiden wesentlich öfter unter der Unverträglichkeit als Männer, mehr als drei Viertel aller Betroffenen sind weiblich. Die Beschwerden machen sich häufig in den Wechseljahren bemerkbar.

Histaminintoleranz in der Schwangerschaft

Die gute Nachricht: Bei Schwangeren mit einer Histaminintoleranz nehmen die Beschwerden in den meisten Fällen ab, was auf eine stark erhöhte Produktion von DAO während der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Die übermäßige Produktion von DAO dient vermutlich dem Schutz des Kindes, da schwangere Frauen besonders sensibel auf Histamin reagieren, was wiederum zum Komplikationen führen könnte. Damit es nicht dazu kommt, produziert der weibliche Körper während der Schwangerschaft mehr DAO.

Die schlechte Nachricht: Nach der Schwangerschaft nimmt die übermäßige Produktion von DAO im Regelfall wieder ab, die Unverträglichkeit kann sich nach der Geburt also wieder einstellen.

Diagnose einer Histaminintoleranz

Da die Symptome einer Histaminunverträglichkeit unspezifisch sind und unterschiedliche Ursachen haben können, ist die Diagnose nicht immer schnell gestellt.

Das Führen eines Ernährungs-/Symptomtagebuches ist eine gute Möglichkeit, um einer Histaminintoleranz auf die Spur zu kommen und kann beim Eingrenzen der Beschwerden und dem Stellen der Diagnose hilfreich sein. Im Tagebuch sollte genau erfasst werden was gegessen wurde und ob bzw. wann welche Beschwerden und Reaktionen aufgetreten sind. Auch die Einnahme von Medikamenten und der Menstruationszyklus sollten vermerkt werden.

Nach der Anamnese wird der Arzt versuchen, andere Erkrankungen und Unverträglichkeiten, die ähnliche Beschwerden hervorrufen können (z.B. Allergien, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption), auszuschließen (Differentialdiagnose). Besonders allergische Reaktionen sollten mittels Hauttest und Blutuntersuchung ausgeschlossen werden. Durch eine Blutuntersuchung wird versucht die Aktivität von DAO im Blut zu bestimmen. Zwar lässt sich durch den Bluttest häufig relativ schnell bestimmen, ob eine Histaminintoleranz für die jeweiligen Beschwerden verantwortlich sein könnte, allerdings wird der DAO-Spiegel im Blut auch durch andere Faktoren wie etwa Stress beeinflusst, weswegen für eine sichere Diagnose auch eine Eliminationsdiät durchgeführt werden sollte.

Die Eliminationsdiät dauert mehrere Wochen und basiert auf einer histaminarmen bzw. histaminfreien Ernährung, wodurch sich im Regelfall eine Aussage darüber treffen lässt, ob die jeweiligen Beschwerden tatsächlich auf eine Histaminunverträglichkeit zurückzuführen sind. Bessern sich die Symptome, ist eine Histaminintoleranz nach Ausschluss anderer möglicher Erkrankungen sehr wahrscheinlich.

Behandlungsmöglichkeiten bei Histaminintoleranz

Therapeutisch ist vor allem eine histaminarme Ernährung wirksam. Eine vollständig histaminfreie Ernährung – im Sinne einer ausgewogenen Ernährungsweise – ist praktisch nicht möglich, da Histamin in fast allen Lebensmitteln vorkommt. Betroffene sollten jedoch vor allem über Lebensmittel mit einer hohen Histaminkonzentration Bescheid wissen, um Beschwerden gezielt vorbeugen zu können. Nach der Eliminationsdiät werden die jeweiligen Lebensmittel langsam und stufenweise wieder in den Ernährungsplan integriert. Bei der Erstellung eines individuellen Ernährungsplans ist die Beratung durch den behandelnden Arzt oder einen Diätologen wichtig, um Mangelernährung zu vermeiden. Durch eine Anpassung der Ernährung lassen sich die Beschwerden im Regelfall gut reduzieren, sodass die Lebensqualität – auch bei lebenslanger Histaminunverträglichkeit – nicht spürbar beeinträchtigt wird.

Die zweite Säule der Therapie bei Histaminintoleranz ist die medikamentöse Therapie. Sogenannte Antihistaminika blockieren Histamin-Rezeptoren und verhindern so, dass Histamin im Körper seine volle Wirkung entfalten kann. Dadurch können die Symptome gemildert werden. Die Einnahme von Antihistaminika sollte nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.

Weiters stehen DAO-haltige Präparate zur Verfügung. Hierbei handelt es sich um Präparate, die das fehlende Enzym DAO beinhalten, welches dem körpereigenen Enzym entspricht, das für den Abbau von Histamin zuständig ist. Durch die Einnahme eines DAO-Präparats vor dem Essen wird die Menge an DAO im Dünndarm erhöht, was sich positiv auf den Histaminabbau auswirkt. Die Einnahme solcher Enzympräparate ist für den Verzehr histaminreicher Mahlzeiten vorgesehen und wird nicht zur Dauermedikation empfohlen. Vielen Betroffenen wird es durch DAO-haltige Präparate möglich, bestimmte Gelegenheiten (z.B. Essenseinladung, Feierlichkeiten, Restaurantbesuche etc.) unbeschwert genießen zu können.

Histaminreiche Lebensmittel – je frischer, desto histaminärmer

Grundsätzlich ist zu beachten, dass frische und unverarbeitete Lebensmittel wenig Histamin enthalten, während die Histaminkonzentration in gelagerten und industriell verarbeiteten Lebensmitteln hoch ist.

Folgende Lebensmittel haben einen hohen Histamingehalt oder setzen im Körper gespeichertes Histamin frei: Käse (v.a. gereifter harter Käse), geräucherte Fleisch- und Wurstwaren, Rohschinken, Salami, Faschiertes, Leber und Leberwurst, aufgewärmte Fleischgerichte, Sojasaucen, Balsamico, Weinessig, eingemachte Essiggurken und Pilze, Sauerkraut, Fischkonserven (z.B. Thunfisch, Sardellen) und Meeresfrüchte, Tomaten und daraus hergestellte Produkte (Tomatensaft, Ketchup, Tomatenmark), Ananas, Spinat, Kakao, Schokolade, Rotwein, Sekt, Schnaps u.a.

Allgemein gültige Aussagen darüber, was bei einer Histaminintoleranz strikt gemieden werden sollte sind kaum möglich, da Betroffene sehr unterschiedlich auf einzelne Nahrungsmittel reagieren und deren Histamingehalt variieren kann. Betroffene sollten auf ihren Körper hören und im Zweifelsfall immer einen Arzt zu Rate ziehen.

Fact-Box

  • Histaminintoleranz: Unverträglichkeit von mit der Nahrung aufgenommenem Histamin, bei welcher das zum Histaminabbau benötigte Enzym fehlt/nicht in ausreichender Menge verfügbar ist.
  • Für den Abbau von Histamin verantwortliches Enzym: Diaminoxidase (DAO)
  • Ursache Histaminintoleranz: Enzymmangelerscheinung (Missverhältnis zwischen Histaminzufuhr und -abbau oder Vorliegen einer beeinträchtigten DAO-Produktion)
  • Mögliche Beschwerden: Kopfschmerzen, Migräne, Bauchschmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Durchfall, Magenkrämpfe, Blähungen, Rötungen, Juckreiz, Ausschlag, Flush, niedriger Blutdruck, Herzklopfen, Schwindel, Schweißausbrüche, starke Müdigkeit, Schwächegefühl, Hustenreiz, Atemnot, laufende Nase, chronischer Schnupfen, tränende Augen, Menstruationsbeschwerden u.a.
  • Diagnose: Ernährungs-/Symptomtagebuch, Untersuchungen zum Ausschluss anderer möglicher Erkrankungen, Blutuntersuchung, Eliminationsdiät
  • Behandlungsmöglichkeiten: Histaminarme Ernährung, Antihistaminika, DAO-haltige Präparate

Autor:
Quellen:
Robert M.; Wenn Ernährung krank macht - Allergie oder Intoleranz?, ARS Medici 09/2016, Rosenfluh Publikationen AG

Kramer L.; Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Nahrhafte Quälgeister, Universum Innere Medizin 10/2015, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Gazar I.; Histaminintoleranz – Wechselwirkung mit Arzneimitteln berücksichtigen, Apotheker Krone 02/2015, Ärztekrone VerlagsgesmbH

Jarisch R.; Histamin-Intoleranz, Akt Dermatol 2011; 37: 1-8, Georg Thieme Verlag KG

Wüthrich B.; Histaminintoleranz: Fakt oder Fiktion?, TMJ 02/2009, Rosenfluh Publikationen AG

Zopf Y. et al.; Differenzialdiagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Deutsches Ärzteblatt 2009; 106(21): 359-69, Deutscher Ärzteverlag GmbH
ICD-10: T78.1

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