Alkoholismus: die unterschätzte Sucht

Alkoholismus: die unterschätzte Sucht

Stand: Dezember 2020

Alkoholismus (auch Alkoholsucht, Alkoholkrankheit, Alkoholabhängigkeit) ist eine hochkomplexe chronische Suchtkrankheit und Folge biologischer, genetischer, psychologischer Prozesse sowie sozialer Einflüsse. Alkoholabhängigkeit ist mit zahlreichen körperlichen und psychischen Krankheiten vergesellschaftet und mit großem Leid für Betroffene und ihre Angehörigen verbunden.

Was ist Alkoholismus/Alkoholabhängigkeit?

Der Konsum von Alkohol gehört seit Jahrtausenden zu den gesellschaftlichen Ritualen vieler Völker und Kulturen und ist auch in unserer gegenwärtigen Gesellschaft gang und gäbe. Die Grenzen zwischen unbedenklichem, problematischem oder missbräuchlichem Konsum und Alkoholabhängigkeit sind nicht leicht zu ziehen. Tatsache ist aber auch, dass alkoholabhängige Menschen sehr oft stigmatisiert werden, und ihr Umgang mit Alkohol wird häufig mit Charakterschwäche bzw. mangelnder Willensstärke in Verbindung gebracht.
Demgegenüber steht die Tatsache und wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Alkoholabhängigkeit eine hochkomplexe chronische Suchtkrankheit und Folge biologischer, genetischer, psychologischer Prozesse sowie sozialer Einflüsse ist. Alkoholabhängigkeit ist mit zahlreichen körperlichen und psychischen Krankheiten vergesellschaftet und mit großem Leid für Betroffene und ihre Angehörigen verbunden.
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen, und auch die Gefährdungsgrenzen sind für beide Geschlechter unterschiedlich:

Unbedenklicher KonsumGesundheitsgefährdender Konsum
FrauenBis 16 Gramm Alkohol pro Tag = ca. 0,4 Liter Bier/ca. 0,2 Liter WeinAb 40 Gramm Alkohol pro Tag = ca. 1 Liter Bier/ca. 0,5 Liter Wein
MännerBis 24 Gramm Alkohol pro Tag = ca. 0,6 Liter Bier/ ca. 0,3 Liter WeinAb 60 Gramm Alkohol pro Tag = ca 1,5 Liter Bier/ca. 0,75 Liter Wein

Zudem werden zwei alkoholfreie Tage pro Woche sowohl Frauen als auch Männern empfohlen.

Nach epidemiologischen Berechnungen sind fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung alkoholabhängig und zwölf Prozent gefährdet. Das heißt, dass mehr als 1,2 Millionen Österreicher Alkohol in einem riskanten Ausmaß konsumieren, von diesen erfüllen 350.000 die Kriterien einer Alkoholabhängigkeit und weitere 850.000 die Kriterien eines missbräuchlichen Konsums. Allerdings erhält derzeit nur eine Minderheit dieser Menschen eine suchtspezifische Therapie – nicht zuletzt deshalb, weil sich wegen der starken Stigmatisierung der Alkoholkrankheit nur sehr wenige Betroffene für die Inanspruchnahme einer Behandlung entscheiden.

Risikofaktoren

Für die Entstehung der Alkoholkrankheit ist aus heutiger Sicht eine so genannte multifaktorielle Genese verantwortlich. Das heißt, dass es biologische, psychologische und soziale Faktoren gibt, die zusammenwirken und so zur Entwicklung einer Abhängigkeit führen.
Faktoren, die demgemäß eine Rolle spielen sind:

  • genetische Faktoren: Wenn beide Eltern alkoholabhängig sind, entwickeln rund 30 Prozent der Kinder später ebenfalls eine Alkoholkrankheit; Eineiige Zwillinge haben ein deutlich erhöhtes Risiko alkoholkrank zu werden, wenn ein Zwilling betroffen ist.
  • Umgang mit Alkohol in der Familie und im Freundeskreis: Kinder lernen das Muster von Eltern, die Alkohol zur Bewältigung von Problemen oder als Muntermacher einsetzen. Wenn später im Freundeskreis viel getrunken wird, verstärkt sich der Effekt.
  • traumatische oder belastende Erfahrungen: Vor allem Missbrauch oder Verluste nahestehender Personen stehen oft am Anfang der Entwicklung einer Abhängigkeit. Auch Kinder, deren Mütter nicht auf ihre Bedürfnisse eingehen oder die ohne feste Bezugspersonen sind, werden später anfälliger für die Alkoholkrankheit.
  • Alkohol als „Medikament“: Da unter Einfluss von Alkohol Ängste und Hemmungen kurzfristig reduziert werden, steigt für alle, die diesem Muster folgen, vor allem in schwierigen Lebenssituationen die Gefahr des Alkoholmissbrauchs und der Abhängigkeit.
  • Alkohol als „Belohnung“: Alkohol erhöht die Freisetzung des Neurotransmitters Dopamin, der das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert und Glücksgefühle erzeugt. Menschen, die das bewusst und häufig einsetzen, werden unempfindlicher gegen Dopamin, brauchen mit der Zeit immer größere Mengen an Alkohol und entwickeln ein heftiges Verlangen danach, wenn sie weniger oder nicht trinken.

Wann ist man alkoholabhängig?

Die Alkoholabhängigkeit entwickelt sich in der Regel nicht innerhalb kurzer Zeit, sondern ist ein schleichender Prozess, den viele Betroffene selbst zunächst gar nicht wahrnehmen. Am Anfang steht oft gesellschaftlich motiviertes Trinken, und viele spätere Alkoholkranke beginnen auch zu trinken, weil sie glauben mit Alkohol ihre Probleme besser lösen zu können. Ob jemand einen problematischen Alkoholkonsum pflegt, erkennt man auch daran, dass das Trinken von Alkohol für Betroffene eine Funktion übernimmt: Man trinkt zum Stressabbau, zum Abschalten, um die Stimmung zu verbessern, um sich zu beruhigen, um Angst oder Schmerz zu lösen,…
Von Alkoholabhängigkeit spricht man dann, wenn irgendwann während des vergangenen Jahres drei oder mehr der folgenden Kriterien gleichzeitig aufgetreten sind:

  • zwanghaftes Trinken
  • Verlust der Kontrolle über die aufgenommene Alkoholmenge
  • Auftreten von Entzugssymptomen, wenn der Alkoholkonsum eingeschränkt wird
  • Entstehen einer Toleranz: Es sind immer höhere Mengen an Alkohol nötig um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
  • Vernachlässigung von Freizeitaktivitäten und erhöhter Zeitaufwand für Beschaffung, Konsum und Erholung von Alkohol
  • Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Wissens um negative Folgen

Von schädlichem Gebrauch von Alkohol spricht man, wenn nachweislich eine sowohl körperliche als auch psychische schädigende Wirkung durch Alkohol, nicht aber eine tatsächliche Abhängigkeit vorliegt.

Äußere Symptome einer Alkoholabhängigkeit

Menschen, die schon seit längerer Zeit einen erhöhten Alkoholkonsum pflegen, fallen oft durch leicht erkennbare Symptome bzw. durch körperliche und psychische Merkmale auf, die allerdings auch andere Ursachen haben können. Dazu gehören etwa:

  • Alkoholgeruch bzw. Alkoholfahne
  • akuter Rauschzustand
  • Zittern der Hände
  • starkes Schwitzen
  • Hautveränderungen
  • Gangunsicherheit
  • Bluthochdruck
  • depressive Verstimmungen
  • sexuelle Funktionsstörungen

Phasen der Alkoholabhängigkeit

Nicht alle Alkoholerkrankungen verlaufen gleich, aber es gibt auffällige Ähnlichkeiten. Deshalb haben Wissenschaftler (vor allem der US-amerikanische Physiologe Elvin Morton Jellinek) schon in den 1950er Jahren das Modell eines Phasenverlaufs entwickelt und beschrieben. Das Modell Jellineks gibt auch heute noch einen groben Überblick über den Verlauf einer Alkoholsucht. Die einzelnen Phasen dieses Modells können unterschiedlich lange andauern bzw. können verschiedene Symptome auch gleichzeitig auftreten. Sicher ist auch, dass im Lauf der Erkrankung die Folgeschäden immer weiter zunehmen. Jellinek unterscheidet folgende Phasen:

Voralkoholische Phase

Es kommt zu gelegentlichem oder dauerhaftem Erleichterungstrinken, und Alkohol wird immer mehr dazu eingesetzt, Spannungen abzubauen und Probleme zu „bewältigen“. Die Trinkhäufigkeit nimmt zu.

Anfangsphase

Infolge des hohen Alkoholkonsums treten Gedächtnisstörungen oder Blackouts auf, und auch das Verhalten ändert sich. Die Betroffenen beginnen heimlich zu trinken und haben dabei ein schlechtes Gewissen.

Kritische Phase

Es besteht keine Kontrolle mehr über das Trinken, und andere Interessen werden zugunsten des Alkohols vernachlässigt. Wenn nicht getrunken wird, treten körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern oder Schweißausbrüche auf. Die Betroffenen versuchen, gegen die Erkrankung anzukämpfen, scheitern dabei aber immer wieder. Es kommt zu Konflikten mit Familie, Freunden und am Arbeitsplatz sowie zum Rückzug der Betroffenen.

Chronische Phase

Alkohol dominiert das Leben der Betroffenen und oft auch das ihrer Angehörigen. Ein Leben oder Arbeiten ohne Alkohol ist nicht mehr möglich. Oft sind die Alkoholkranken in dieser Phase tagelang im Rausch oder haben permanent einen hohen Alkoholspiegel ohne die Auffälligkeit eines Rausches. Toleranzverlust kann einsetzen, das heißt, dass Alkohol nicht mehr so wie vorher vertragen wird, und dass geringe Mengen ausreichen, um betrunken zu werden. Persönlichkeitsveränderungen zeigen sich, das soziale Leben ist stark beeinträchtigt, und Körper und Psyche nehmen erheblichen Schaden.

Alkoholikertypologie

Es gibt mehrere Klassifikationssysteme, die versuchen, Menschen, die einen problematischen Alkoholkonsum aufweisen, einzuteilen. Die bekannteste und in der Medizin häufig noch immer gebräuchliche Alkoholikertypologie stammt von Elvin Morton Jellinek. Er unterscheidet fünf Typen von „Alkoholikern“:

  • Alpha-Trinker (Problemtrinker): Diese Menschen trinken, um seelische Belastungen leichter zu ertragen. Es besteht keine körperliche, wohl aber eine psychische Abhängigkeit. Das Trinkverhalten ist undiszipliniert, es kommt aber nicht zu einem Kontrollverlust. Gesundheitsschäden und soziale Auffälligkeiten können auftreten, und ein Übergang in die Alkoholabhängigkeit vom Gamma-Typ (siehe weiter unten) ist häufig.
  • Beta-Trinker (Gelegenheitstrinker): Diese Menschen trinken, weil sie damit gesellschaftliche Konsummuster übernehmen. Sie sind zwar weder körperlich noch psychisch abhängig, aber leicht zum Konsum zu verleiten und zeigen aufgrund des Trinkens unverantwortliche Handlungsmuster, mit denen sie ihre Gesundheit schädigen. Beta-Trinker gelten als suchtgefährdet. Es kommt häufig zum Übergang in die Alkoholabhängigkeit vom Delta-Typ.
  • Gamma-Trinker (Suchttrinker): Diese Menschen trinken und erfahren dabei Kontrollverlust. Der erste Schluck Alkohol löst bei ihnen zunehmend ein scheinbar unstillbares Verlangen nach immer mehr Alkohol aus. Trinkexzesse und unauffällige Phasen wechseln einander ab. Gamma-Trinker sind psychisch stärker abhängig als körperlich.
  • Delta-Trinker (Spiegeltrinker): Diese Menschen benötigen eine bestimmte Mindestmenge an Alkohol, um sich gut zu fühlen. Ohne Alkohol leiden sie häufig unter unerwartet heftigen Entzugserscheinungen wie Zittern, Durchfall und Schlaflosigkeit, und sie fallen sozial eher auf. Delta-Trinker sind körperlich stärker abhängig als psychisch.
  • Epsilon-Trinker (Quartalstrinker): Diese Menschen können über Monate abstinent sein, haben aber immer wieder Episoden exzessiven Alkoholkonsums, in denen sie auch Kontrollverlust erfahren. Die Trinkexzesse können tagelang andauern und zu vorübergehendem Gedächtnisschwund (Blackouts) und illusionärer Verkennung führen. Nach einer solchen Phase folgt in der Regel wieder eine Phase der Abstinenz. Epsilon-Trinker sind psychisch abhängig.

Diagnose der Alkoholabhängigkeit

Die Diagnose der Alkoholabhängigkeit ist oft schwierig, nicht zuletzt deshalb, weil viele Betroffene aufgrund der starken Stigmatisierung der Krankheit ihren Alkoholkonsum vor sich selbst, ihren Angehörigen und auch ihren Ärzten herunterspielen oder sogar versuchen, ihn ganz zu verheimlichen.
Wichtig ist daher die Einfühlsamkeit des Arztes bei der genauen körperlichen Untersuchung und dem ausführlichen Anamnesegespräch, in dem er auch auf typische körperliche und psychische Anzeichen (siehe dazu auch Symptome) achten und eventuell Aussagen von Angehörigen mitberücksichtigen muss. Hilfreich für die Diagnostik sind weiters spezifische Fragebögen wie der AUDIT oder der CAGE-Fragebogen, die helfen können abzuschätzen, ob eine Abhängigkeit vorliegt.
Was die körperliche Untersuchung betrifft, so werden auch bestimmte Laborparameter genutzt. Dazu zählen:

  • die Bestimmung von Gamma-GT: Das ist ein Enzym, das vor allem in der Leber, aber auch in den Nieren, Gallengängen und im Darm vorkommt und Hinweise auf entsprechende Erkrankungen liefert. Bei chronischem Alkoholkonsum kommt es zu einer GGT-Erhöhung.
  • die Bestimmung von CDT (Carbohydrate Deficient Transferrin rel.): Das ist ein in der Leber gebildeter Bluteiweißstoff. Eine Erhöhung von CDT ist fast nur bei chronischem Alkoholkonsum gegeben. CDT wird auch bestimmt, um einen Rückfall nach einer Alkoholentzugstherapie nachzuweisen.
  • die Bestimmung von MCV (Mittleres Zellvolumen): Es beziffert das durchschnittliche Volumen der roten Blutkörperchen. Dieser Wert ist bei chronischem Alkoholmissbrauch erhöht.
  • die Bestimmung weiterer Leberwerte wie GOT (Glutamat-Oxalacetat-Transaminase) und GPT (Glutamat-Pyruvat-Transaminase): Auch diese Werte liefern Hinweise auf etwaige bereits bestehende Leberschädigungen.
  • Zudem wird die Bestimmung von EtG (Ethylglucuronid) in Haaren und PEth (Phosphatidylethanol) im Blut zur Diagnostik herangezogen. Das sind so genannte direkte Zustandsmarker für Alkoholkonsum.

Die Diagnose der Alkoholabhängigkeit erfolgt in Europa nach dem so genannten ICD-10 und umfasst folgende Punkte:

  • ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren: Man spricht hier auch von Craving, und dieses Craving hat nichts mit dem „Gusto“ oder der Vorfreude auf einen bestimmten Konsum zu tun, sondern stellt ein fast unstillbares Verlangen, Alkohol zu sich zu nehmen, dar.
  • verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums: Das heißt, dass Alkoholkranke sich zwar oft vornehmen, weniger und seltener zu trinken, aber es gelingt ihnen in der Regel nicht mehr.
  • Alkoholkonsum mit dem Ziel der Linderung von Entzugssymptomen und der Wiederherstellung der entsprechenden positiven Erfahrung
  • ein körperliches Entzugssyndrom: Das Entzugssyndrom tritt meist bei einem regelmäßigen bzw. täglichen Konsum auf, äußert sich vor allem durch Zittern, Schwitzen und Schlaflosigkeit sowie innere Unruhe, morgendliche Übelkeit bis zum Erbrechen und findet vorerst rasch Linderung durch neuerlichen Alkoholkonsum. Das Entzugssyndrom kann unbehandelt in ein lebensbedrohliches Alkoholentzugsdelir übergehen. Dabei handelt es sich um einen Zustand der psychomotorischen Unruhe, Orientierungsstörungen und optische Halluzinationen.
  • Nachweis einer Toleranz: Um die ursprünglich durch niedrige Dosen hervorgerufene Wirkung zu erreichen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, die bei Konsumenten ohne Toleranzentwicklung zu schweren Beeinträchtigungen oder sogar zum Tod führen würden.
  • ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol: Das ist zum Beispiel die Tendenz, sich nicht an gesellschaftlich übliche Abstinenzzeiten zu halten und immer den gleichen Umgang mit Alkohol zu pflegen.
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen und Interessen
  • anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweis eindeutig schädlicher Folgen.

Für die Diagnose Abhängigkeit müssen nach dieser Klassifikation während des letzten Jahres mindestens drei der genannten Kriterien zutreffen.

Behandlung der Alkoholabhängigkeit

In der Behandlung der Alkoholabhängigkeit hat in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden. War früher das Therapieziel immer absolute Abstinenz, so geht man heute davon aus, dass es in bestimmten Fällen möglich ist, die Patienten zu einem kontrollierten, das heißt gesundheitlich und sozial angemessenen Alkoholkonsum heranzuführen. Fachleute sprechen hier auch von reduziertem oder moderatem Trinken und sehen die Gruppe der Menschen mit hochproblematischem Trinkverhalten, die aber noch nicht körperlich abhängig sind, als Hauptzielgruppe dafür. Bei körperlicher und starker psychischer Abhängigkeit bleibt hingegen nur die Abstinenz als Therapieziel.

Die konkrete Behandlung der Alkoholsucht findet meist in vier aufeinanderfolgenden Phasen statt:

Vorbereitungsphase

Hier geht es darum, die Therapie vorzubereiten und vor allem auch eine Motivation aufzubauen, die eine Behandlung grundsätzlich erst ermöglicht. Schlüsselpersonen in dieser Phase sind Hausärzte, Suchtberatungsstellen, Psychologen und Psychotherapeuten.

Entzugs- oder Entgiftungsphase

In dieser Phase, die nur wenige Tage dauert, findet der körperliche Alkoholentzug statt. Da in dieser Zeit oft starke körperliche Entzugserscheinungen auftreten, wird der Entzug meist stationär und mit Unterstützung von Medikamenten durchgeführt. Die Substanzen, die dabei eingesetzt werden, sind beruhigende Antidepressiva, Neuroleptika und Benzodiazepine (Beruhigungsmittel). In leichteren Fällen kann der Entzug auch ambulant geschehen, wobei die Patienten etwa durch einen niedergelassenen Facharzt betreut werden.

Entwöhnungs- und Rehabilitationsphase

In dieser Phase, die längere Zeit in Anspruch nimmt, geht es darum, die Patienten körperlich, psychisch und sozial zu stabilisieren. Schlüsselpersonen sind hier meist Psychotherapeuten, Sozialtherapeuten und medizinische Fachkräfte, die eng zusammenarbeiten und die Betroffenen mit Hilfe umfassender, individueller Maßnahmen unterstützen. Diese Maßnahmen richten sich nach der Schwere der Abhängigkeit und der Motivation der Patienten, und die Behandlung kann entweder stationär, teilstationär oder ambulant erfolgen.

Phase der Nachsorge

Nun geht es darum, die Behandlungserfolge zu stabilisieren. Das kann zum Beispiel die weitere Teilnahme an einer Psychotherapie, den regelmäßigen Besuch von Beratungsterminen bei einer Suchtberatungsstelle oder den ebenfalls regelmäßigen Austausch mit Gleichbetroffenen in einer Selbsthilfegruppe bedeuten und ist sehr wichtig, um langfristig abstinent zu bleiben oder das Therapieziel des reduzierten Trinkens einzuhalten.

Bei Patienten, die „nur“ einen riskanten oder schädlichen Umgang mit Alkohol pflegen und nicht körperlich abhängig sind, entfällt die Phase des Entzugs, und die Phasen der Entwöhnung und Nachsorge finden in der Regel ambulant statt – zum Beispiel in Form einer Psychotherapie oder regelmäßiger Einzel- oder Gruppengespräche in einer Suchtberatungseinrichtung.

Wichtig zu wissen ist auch, dass es selbst nach einer erfolgreichen Therapie häufig zu Rückfällen kommen kann. Das betrifft etwa 50 bis 60 Prozent der Patienten, die an einer Therapie teilgenommen haben. Doch Untersuchungen an Alkoholabhängigen zeigen, dass nicht jeder einmalige „Ausrutscher“ automatisch zum Rückfall in die alten Verhaltensmuster führt. Manchen Betroffenen gelingt es durchaus, aus kleineren Rückfällen selbst oder mit therapeutischer Unterstützung wieder zur Abstinenz zu finden. Wichtig dabei ist unter anderem die Bewertung und Verarbeitung des Ausrutschers durch die Betroffenen selbst: Eine negative Bewertung mit Schuld- und Schamgefühlen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem vollständigen Rückfall kommt; bei einer konstruktiven Verarbeitung des kleinen Rückfalls mit der Bereitschaft, es in Zukunft anders zu machen, ist diese Wahrscheinlichkeit geringer.

Mögliche Folgen der Alkoholabhängigkeit

Menschen, die über lange Zeit und in großen Mengen Alkohol konsumieren, haben eine deutlich verkürzte Lebenserwartung und ein hohes Risiko, zahlreiche schwere körperliche und psychische Folgeerkrankungen zu entwickeln.

Körperliche Folgeerkrankungen

Sehr häufig kommt es zu Erkrankungen der Leber: Sie vergrößert sich zunächst (Fettleber) und wird später chronisch geschädigt (Leberzirrhose). Zudem können Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Schädigungen der Skelett- und Herzmuskulatur, Störungen im Herz-Kreislaufsystem und Schädigungen der Magen- und Darmschleimhaut auftreten.

Auch das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen wie Mund-, Rachen-, Speiseröhren- oder Brustkrebs ist bei chronisch übermäßigem Alkoholkonsum erhöht.
Weiters kann es zu Potenzstörungen sowie Blutbildungsstörungen oder Blutarmut kommen.
Auch die Nervenzellen im Gehirn und die Nerven des Körpers werden durch einen chronisch erhöhten Alkoholkonsum angegriffen: Mit der Zeit kommt es Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen, das Lernen fällt schwer, und die Gedächtnisfähigkeit ist gestört. Eine andere Folge der Nervenschädigung ist die Polyneuropathie: Dabei treten Empfindungsstörungen, Kribbeln und später Bewegungseinschränkungen der Beine auf.

Eine sehr schwere, nicht selten tödlich verlaufende Folgeerkrankung ist die so genannte Wernicke-Enzephalopathie, die sich in Augensymptomen, Gang- und Bewusstseinsstörungen äußert. Auch Herzrasen, Atembeschwerden und ein plötzlicher lebensgefährlicher Blutdruckabfall können auftreten. Selbst wenn Betroffene das aufgrund ärztlicher Intervention überleben, leiden sie in Folge meist dauerhaft am Korsakow-Syndrom: Das bedeutet, dass sie zwar bewusstseinsklar, aber zeitlich und örtlich desorientiert sind. Zudem bestehen schwere Gedächtnisstörungen, die oft mit so genannten Konfabulationen kompensiert werden. Darunter versteht man in der Medizin das Erzählen von frei erfundenen, objektiv falschen Begebenheiten oder Informationen, die keinen Zusammenhang zur Realität haben, die Betroffene aber in dem Moment für wahr halten.

Psychische Störungen im Zusammenhang mit Alkoholismus

Die Alkoholproblematik tritt auch sehr häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auf. Am häufigsten sind in diesem Zusammenhang depressive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen (vor allem Borderline-Typ) und Medikamentenmissbrauch. Viele dieser Störungen können eine Folge des Alkoholproblems sein, aber sie können auch schon vorher bestanden und möglicherweise das problematische Trinken ausgelöst haben.

Soziale Folgen

Auch die sozialen Folgen der Alkoholabhängigkeit sind weitreichend und betreffen insbesondere die Bereiche Familie, Arbeit und Öffentlichkeit. Zerrüttete Familien, Arbeitsunfälle, Entlassungen, Arbeitslosigkeit und delinquentes Verhalten müssen dazu gezählt werden, und Angehörige von Alkoholkranken tragen in der Regel viel Leid mit.

Welcher Arzt behandelt Alkoholabhängigkeit?

Erste Ansprechpartner sind oft Hausärzte, Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten. Sie alle können auch in den Behandlungsprozess involviert sein. Die Therapie selbst erfolgt erfolgt meist in spezialisierten stationären oder ambulanten Einrichtungen.

Factbox

Was ist Alkoholismus/Alkoholabhängigkeit?
Alkoholismus ist eine hochkomplexe chronische Suchtkrankheit und Folge biologischer, genetischer, psychologischer Prozesse sowie sozialer Einflüsse.

Risikofaktoren
- genetische Faktoren, - Lernen vom Umgang mit Alkohol in der Familie und im Freundeskreis, - traumatische oder belastende Erfahrungen, – Nutzung von Alkohol als „Medikament“, – Nutzung von Alkohol als „Belohnung“

Wann ist man alkoholabhängig?
Von Alkoholabhängigkeit spricht man, wenn irgendwann während des vergangenen Jahres drei oder mehr der folgenden Kriterien gleichzeitig aufgetreten sind:

- zwanghaftes Trinken, - Verlust der Kontrolle über die aufgenommene Alkoholmenge, – Auftreten von Entzugssymptomen, wenn der Alkoholkonsum eingeschränkt wird, – Entstehen einer Toleranz, – Vernachlässigung von Freizeitaktivitäten und erhöhter Zeitaufwand für Beschaffung, Konsum und Erholung von Alkohol, – Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Wissens um negative Folgen

Von schädlichem Gebrauch von Alkohol spricht man, wenn nachweislich eine sowohl körperliche als auch psychische schädigende Wirkung durch Alkohol, nicht aber eine tatsächliche Abhängigkeit vorliegt.

Äußere Symptome einer Alkoholabhängigkeit
- Alkoholgeruch bzw. Alkoholfahne, - akuter Rauschzustand, - Zittern der Hände, - starkes Schwitzen, - Hautveränderungen, - Gangunsicherheit, – Bluthochdruck, - depressive Verstimmungen, - sexuelle Funktionsstörungen

Phasen der Alkoholabhängigkeit (nach Jellinek)
- voralkoholische Phase , – Anfangsphase, - kritische Phase, - chronische Phase

Alkoholikertypologie (nach Jellinek)
- Alpha-Trinker (Problemtrinker), - Beta-Trinker (Gelegenheitstrinker), - Gamma-Trinker (Suchttrinker), - Delta-Trinker (Spiegeltrinker), - Epsilon-Trinker (Quartalstrinker)

Diagnose der Alkoholabhängigkeit
- Anamnese, - spezifische Fragebögen, - körperliche Untersuchung, - Bestimmung von Gamma-GT, CDT, MCV, evtl. GOT, GPT, EtG und PEth, - Diagnose nach ICD-10

Behandlung der Alkoholabhängigkeit
- Vorbereitungsphase, - Entzugs- oder Entgiftungsphase (kann bei Patienten mit „nur“ riskantem Konsum entfallen), - Entwöhnungs- und Rehabilitationsphase, - Phase der Nachsorge

Mögliche Folgen der Alkoholabhängigkeit
- verkürzte Lebenserwartung, – Erkrankungen der Leber, - Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, - Potenzstörungen, - Blutbildungsstörungen oder Blutarmut, - Schädigung der Nervenzellen im Gehirn und der Nerven des Körpers, - Wernicke-Enzephalopathie, - depressive Störungen, - Angststörungen, - Persönlichkeitsstörungen, - Medikamentenmissbrauch, - soziale Folgen

Welcher Arzt behandelt Alkoholabhängigkeit?
Hausärzte, Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten

Autor:
Quellen:
Gesundheit Österreich GmbH (im Auftrag des BMASG): Handbuch Alkohol Österreich 2020

https://api.or.at/Klinikum/Abhangigkeit/Alkoholsucht.aspx

https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/sucht/alkoholismus/inhalt

http://www.alkoholohneschatten.at

https://oegpb.at/wp-content/uploads/2014/07/Kasper_Haring_Alkohol_Konsensus_13.pdf

https://dassuchtportal.de/alkoholsucht/

https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/alkoholsucht/therapie-entzug/

https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/alkoholsucht/

https://www.aerzteblatt.de/archiv/177659/Abhaengigkeit-und-schaedlicher-Gebrauch-von-Alkohol
ICD-10: F10

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