Depressionen bei Männern
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Depressionen bei Männern

Die Depression äußert sich bei Männern anders als bei Frauen: Betroffene Männer zeigen oft depressionsuntypische Symptome und haben ein höheres Suizidrisiko.

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Depression bei Männern, Depression beim Mann, männliche Depression

Definition Depression: psychische Störung mit Symptomen wie gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit, Antriebslosigkeit über einen längeren Zeitraum; zusätzlich häufig vielfältige körperliche Beschwerden und hoher Leidensdruck

Ursachen männliche Depression: genetisch-biologische, psychosoziale

Symptome, typisch männliche: Suchtverhalten, Risikoverhalten, sozialer Rückzug, Abstreiten von Traurigkeit oder psychischen Problemen, rigide Forderung nach Autonomie, Ablehnung der Hilfe von anderen, zunehmende Häufigkeit von Wutausbrüchen, zunehmende Aggressivität, Feindseligkeit

Diagnose: Patientengespräch, Anamnese, Fragebögen, körperliche Untersuchung, Blutuntersuchung, ggf. CT, MRT, Ultraschall,

Behandlung: Medikamente (Antidepressiva), Psychotherapie

Die Depression äußert sich bei Männern anders als bei Frauen: Betroffene Männer zeigen oft depressionsuntypische Symptome und haben ein höheres Suizidrisiko. Gleichzeitig wird die Erkrankung bei ihnen häufig nicht als solche wahrgenommen. Eine frühzeitige Therapie bei einem Facharzt ist aber von entscheidender Bedeutung für den Krankheitsverlauf und die Heilung.

Wie unterscheidet sich die Depression bei Männern von der bei Frauen?

Dass es große Unterschiede in der Gesundheit von Mann und Frau gibt, ist heute dank der Genderforschung weitgehend bekannt. Weniger bekannt sind die Details, und das gilt besonders für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern was psychische Gesundheit und im Speziellen die Depression betrifft. Lange Zeit nahm man an, dass Frauen weitaus häufiger von Depression betroffen sind als Männer, und erst in den letzten Jahren konnten wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass dem nicht so ist.

Heute geht man davon aus, dass der Mann ebenso häufig wie die Frau an einer Depression erkranken kann, doch zeigen die männlichen Patienten andere Symptome, die in den klassischen Diagnosekriterien teilweise noch nicht erfasst sind. So sind etwa Symptome wie Gereiztheit, Aggressivität und Ärgeranfälle typisch für die männliche Depression, während die klassischen Depressionsbegleiterscheinungen wie Antriebsmangel, Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit bei ihnen zwar auch vorhanden sind, aber von den anderen Symptomen überlagert werden und erst spät im Verlauf der Erkrankung sichtbar werden. Das wiederum erklärt, warum die Depression beim Mann so häufig unterdiagnostiziert ist. 

Ein weiterer Grund dafür liegt darin, dass Männer auch ein anderes Gesundheitsverhalten haben als Frauen. Sie suchen weitaus seltener von sich aus Hilfe, neigen dazu, die Erkrankung zu verdrängen und führen depressive Symptome oft auf Stress und berufliche Belastungen zurück, ohne daran zu denken, dass es sich um psychische Probleme bzw. eine depressive Erkrankung handeln könnte. Auch Ärzte können daher häufig nicht erkennen, dass ein Mann an einer Depression leidet, und: Sie werden von Männern oft erst dann konsultiert, wenn es zu körperlichen Beschwerden wie Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder einem Burnout-Gefühl kommt.  

Was die männliche Depression noch häufig kennzeichnet sind begleitende Suchterkrankungen und die Neigung zum Suizid mit aggressiven Methoden. So ist die Suizidrate bei Männern etwa dreimal höher als bei Frauen, obwohl Frauen häufiger den Versuch machen.  

Was die Behandlung der Depression beim Mann betrifft, so gilt leider, dass sie häufig versuchen, sich mit Alkohol und leistungssteigernden Medikamenten selbst zu behandeln, was in der Regel nur tiefer in die Depression hineinführt. Dabei könnte aber eine professionelle Therapie auch ihnen gut helfen: Depressionen sind heute effizient mit Antidepressiva und Psychotherapie behandelbar. 

Männliche Depression: Welche Ursachen?  

Die Ursachen einer Depression sind immer individuell, und es gibt zahlreiche Faktoren, die an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind. Gemäß dem bio-psycho-sozialen Erklärungsmodell gibt es zum einen genetisch-biologische Risikofaktoren, zum anderen psychische und soziale. Zu den psychosozialen Risikofaktoren, die bei Männern eine Depression oder Angst auslösen können, zählen unter anderem: 

  • körperliche Erkrankungen 
  • Beziehungsprobleme
  • berufliche Probleme und Stress
  • Einsamkeit oder das Gefühl, ausgeschlossen zu sein
  • signifikante Veränderungen im Leben (z.B. Scheidung)
  • Schwangerschaft der Partnerin und Geburt eines Kindes
  • Drogen- und Alkoholkonsum

Zudem gibt es unter Männern besonders gefährdete Gruppen. Dazu zählen etwa junge Männer zwischen 16 und 24 Jahren, Männer, die ihre erste Zeit der Vaterschaft und dabei problematische Umstände erleben, oder ältere Männer, die zum Beispiel von schweren körperlichen Krankheiten betroffen sind, unter Nebenwirkungen von Medikamenten leiden, Verluste und Einsamkeit erleben oder wesentliche Veränderungen wie etwa eine Übersiedlung in eine Pflegeeinrichtung in Kauf nehmen müssen. Auch Männer, die schwierige Arbeitsbedingungen haben oder arbeitslos sind, haben ein erhöhtes Risiko, eine Depression zu entwickeln. Das selbe gilt für Männer, die unerwartete Einkommensverluste hinnehmen müssen und daher unter Zukunftsängsten leiden, und nicht zuletzt sind auch Alkohol- und Drogenkonsum einerseits oft mitbeteiligt an der Entstehung einer Depression oder können die Folge einer Depression sein. 

Männliche Depression – welche Symptome?  

Grundsätzlich sind Depressionen psychische Störungen, die nicht durch ein einzelnes Symptom, sondern durch eine Vielzahl von Beschwerden – der depressiven Symptomatik – gekennzeichnet sind. Dazu zählen eine deutlich gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit und Antriebsmangel über einen längeren Zeitraum. Daneben leiden die Patienten häufig unter verschiedensten körperlichen Beschwerden, und Betroffene sind durch ihre Erkrankung meist in ihrer ganzen Lebensführung beeinträchtigt, haben Schwierigkeiten, Alltagsaufgaben zu meistern, leiden unter starken Selbstzweifeln, Konzentrationsstörungen und grübeln viel. Damit verbunden ist ein hoher Leidensdruck. 

Was depressive Störungen bei Männern betrifft, so zeigen neuere Studien, dass die Krankheit sich bei ihnen häufig hinter depressionsuntypischem Verhalten wie gesteigerter Aggressivität, Irritabilität, antisozialem Verhalten oder Sucht- und Risikoverhalten verbergen kann. 

Typische Symptome und Verhaltensänderungen bei depressiven Männern sind: 

  • Suchtverhalten (Arbeit, Sport, Alkohol, Internet, Sex,…)
  • Risikoverhalten
  • sozialer Rückzug
  • Abstreiten von Traurigkeit oder psychischen Problemen
  • rigide Forderung nach Autonomie
  • Ablehnung der Hilfe von anderen
  • zunehmende Häufigkeit von Wutausbrüchen 
  • zunehmende Aggressivität
  • Feindseligkeit

Männliche Depression: Wie kann sie diagnostiziert werden? 

Grundsätzlich stehen bei der Diagnose einer Depression das Gespräch mit dem Patienten und die Erhebung der Krankengeschichte am Beginn. Die Symptome werden gezielt abgefragt, wobei es spezielle Fragebögen gibt, und eine körperliche Untersuchung wird durchgeführt. Zudem können Laboruntersuchungen, CT, MRT des Gehirns, Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße angeordnet werden. 

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Depression als eine typische Frauenkrankheit gilt, und dass die Erkrankung bei depressiven Männern seltener erkannt und behandelt wird. Die Unterdiagnostizierung wird von den Experten auf verschiedene Gründe zurückgeführt: Einerseits nehmen Männer seltener professionelle Hilfe in Anspruch, orientieren sich oft an Normen traditioneller Maskulinität und typischen Abwehrstrategien und präsentieren häufig in erster Linie körperliche Symptome. Das Thema Depression ist für sie oft kein Thema. Andererseits fokussieren die Diagnosekriterien für Depression auf „typisch weibliche Symptome“, die von Männern seltener berichtet werden. Weiters nennen die Fachleute strukturelle Defizite im Versorgungssystem, Kommunikationsdefizite in der Arzt-Patienten-Kommunikation und die weiterhin bestehende soziale Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen als Gründe für die unzureichende Diagnostik und Behandlung der Depression bei Männern. Sie fordern daher eine bessere und frühere Identifikation von depressiven Männern, eine männersensitive Depressionsdiagnostik schon in der Primärversorgung, das Bemühen um eine männersensitive Arzt-Patienten-Kommunikation sowie eine leitliniengerechte Behandlung insbesondere von Männern. 

Männliche Depression – wie wird sie behandelt? 

Männer tendieren häufig dazu, eine Depression nicht als Erkrankung, sondern als Schwäche anzusehen. Das ist mit ein Grund dafür, dass sie oft versuchen, sich selbst mit Hilfe von Alkohol, leistungssteigernden Mitteln oder auch illegalen Substanzen zu therapieren, doch dies führt in der Regel noch tiefer in die Depression hinein. 

Bei der professionellen Behandlung werden Medikamente (verschiedene Antidepressiva) und Psychotherapie eingesetzt. Häufig ist die Kombination beider Ansätze erfolgreich, und bei leichteren bis mittelschweren Formen der Erkrankung kann Psychotherapie als alleinige Therapiemethode genügen. 

Weitere zusätzliche Behandlungsmaßnahmen sind unter anderem: 

  • Ergotherapie
  • Physiotherapie
  • Lichttherapie
  • Behandlung mit Johanniskrautextrakt (leichte Depression) 
  • ggf. Elektrokrampftherapie (schwere Depression, die auf keine andere Methode anspricht)

FAQ

Viele Experten betonen, dass bei Männern die Bewältigung von Verlusten eine zentrale Belastung ist, die eine depressive Erkrankung auslösen kann. Dazu zählen zum Beispiel Scheidung, Tod eines geliebten Menschen, Arbeitsplatzverlust oder Statusverlust.

Die Fachleute führen die typisch männliche Depressionssymptomatik auf ein Verhaftetsein der Männer in ein maskulines Rollenbild zurück.

Empfohlen werden die Pflege von sozialen Kontakten, das Meiden von zu viel Alkohol und ein gesunder Lebensstil. Sport in einem gesunden Ausmaß kann helfen, die Ausschüttung von Endorphinen zu aktivieren.

Wenn die Symptome länger als zwei Wochen andauern und den Alltag zu sehr beeinträchtigen, sollte man sich um professionelle Hilfe bemühen – am besten bei einem Facharzt für Psychiatrie.

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (Hg): Gender-Gesundheitsbericht Schwerpunkt Psychische Gesundheit am Beispiel Depression und Suizid, Ergebnisbericht 2019

Martin L: The Experience of Symptoms of Depression in Men vs Women, JAMA Psychiatry. 2013;70(10):1100-1106. doi:10.1001/jamapsychiatry.2013.1985, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23986338/, Abruf November 2022

Cavanagh A et al: Symptom endorsement in men versus women with a diagnosis of depression: A differential item functioning approach, Int J Soc Psychiatry. 2016 Sep;62(6):549-59.  doi: 10.1177/0020764016653980. Epub 2016 Jun 21. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27335340/, Abruf November 2022

Scherber L: Depression beim Mann : Epidemiologisches Paradoxon, Österreichische Ärztezeitung Nr. 19 /10.10.2019, https://aerztezeitung.at/2019/oaz-artikel/medizin/depression-beim-mann/, Abruf November 2022

S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression, 2. Auflage 2015

https://www.leitlinien.de/themen/depression/2-auflage, Abruf November 2022

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/ratgeber-archiv/artikel/reizbarkeit-aerger-sucht-sind-typische-depressionssymptome-bei-maennern , Abruf November 2022

https://www.der-niedergelassene-arzt.de/medizin/kategorie/neurologie-1/anzeichen-einer-depression-bei-maennern-erkennen, Abruf November 2022

https://psychische-hilfe.wien.gv.at/zielgruppen/depression-und-angststoerung-bei-maennern/ursachen-von-angststoerung-und-depression-bei-maennern/, Abruf November 2022

https://www.stiftung-maennergesundheit.de/files/SMG/img/Wissensreihe%20PDF/01_Depression.pdf, Abruf November 2022

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