Depression bei Kindern

Depression bei Kindern

Stand: März 2021

Depressionen bei Kindern sind ein häufiges und ernstzunehmendes Gesundheitsproblem. Die Störung äußert sich oftmals anders als bei Erwachsenen und sollte möglichst frühzeitig abgeklärt und behandelt werden.

Factbox 

Häufigkeit: eines der häufigsten psychiatrischen Krankheitsbilder bei Kindern

Ursachen und Risikofaktoren: Erblichkeit:  50 bis 70 Prozent; Neurobiologie: gestörter Neurotransmitterhaushalt; chronische Erkrankungen, negative Lebensereignisse; Familie: beeinträchtigte Interaktion zwischen depressiv erkrankten Eltern und ihren Kindern; Soziales: Aufwachsen unter psychosozial erschwerten Bedingungen

Schutzfaktoren: positives Familienklima, Erleben von Selbstwirksamkeit und Unterstützung

Symptome: reduzierte Fähigkeit zum positiven emotionalen Erleben, Schuldgefühle, Erschöpfung, Reizbarkeit, Selbstabwertung, Entscheidungsprobleme, Schlafstörungen, Appetitmangel, psychosomatische Beschwerden, Unruhe, oppositionelles Verhalten, Suizidalität

Therapie: bei leichten Depressionen zunächst abwarten und das Kind besonders unterstützen; bei stärkeren Symptomen Psychotherapie; bei schweren Depressionen auch Antidepressiva

Depressionen bei Kindern sind ein häufiges und ernstzunehmendes Gesundheitsproblem. Die Störung äußert sich oftmals anders als bei Erwachsenen und sollte möglichst frühzeitig abgeklärt und behandelt werden.

Ein häufiges Problem

Es ist noch nicht lange her, dass depressive Störungen bei Kindern kaum beachtet wurden bzw. dass man sogar davon ausging, dass es dieses Gesundheitsproblem bei jungen Menschen gar nicht gibt. Heute weiß man, dass Depressionen bei Kindern zu den häufigsten psychiatrischen Krankheitsbildern gehören und für die Betroffenen ein großes Entwicklungsrisiko bedeuten. Studien zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zeigen, dass mehr als fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sieben und 17 Jahren Anzeichen für eine depressive Störung aufweisen. Schon im Vorschulalter sind zwischen 0,5 bis 2,1 Prozent, im Grundschulalter bis zu 3,4 Prozent von einer diagnostizierbaren Depression betroffen, im Jugendalter steigen diese Prävalenzraten auf bis zu 8,9Prozent.

Zwar erholen sich Kinder oft schneller und öfter als Erwachsene von einer Depression (ohne dass man allerdings von einer Heilung sprechen kann), aber sie erleiden sehr häufig auch Rückfälle bzw. wiederkehrende Depressionen, und: Betroffene haben ein deutlich erhöhtes Risiko, auch als Erwachsene unter der Störung zu leiden. Auch das Risiko, später eine bipolare Erkrankung zu entwickeln, ist bei diesen jungen Menschen signifikant erhöht.

Ursache und Risikofaktoren

Depressive Störungen entwickeln sich in einem Zusammenspiel von genetischen, neurobiologischen, persönlichen, sozialen und familiären Faktoren.

Die Erblichkeit der Depression ist insbesondere bei schweren Formen und frühem Beginn sehr hoch und wird mit bis zu 50 bis 70 Prozent angegeben. Auch Verwandte ersten Grades, wie Geschwister, haben ein mindestens dreifach erhöhtes Risiko, auch eine Depression zu entwickeln.

Was die Neurobiologie der Depression betrifft, so dürfte ein gestörter Neurotransmitterhaushalt eine wichtige Rolle spielen, wobei es vor allem um eine nicht ausreichende Verfügbarkeit des Botenstoffs Serotonin geht, aber auch andere Transmitter wie Noradrenalin und Dopamin könnten ursächlich für die Entstehung depressiver Erkrankungen sein. Zudem gibt es Befunde, die auf eine gestörte Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei Betroffenen hinweisen. Über diese Achse wird die Abgabe einiger wichtiger Hormone reguliert, die im Zusammenhang mit Depressionen ebenfalls eine Rolle spielen können.

An persönlichen Faktoren werden in der wissenschaftlichen Literatur vor allem das kindliche Temperament, chronische Erkrankungen und negative Lebensereignisse genannt.

Aber auch familiäre Risikofaktoren spielen gerade bei der kindlichen Erkrankung eine große Rolle. So kann etwa die Interaktion zwischen depressiv erkrankten Eltern und ihren Kindern von frühester Kindheit an nachhaltig beeinträchtigt sein und das Risiko für das Kind, eine Depression zu entwickeln, erhöhen. Das gilt auch für die pränatale Phase, also wenn die Mutter in der Schwangerschaft depressiv war.

Außerdem ist bekannt, dass die Entwicklung depressiver Symptome bei Kindern, die bei psychisch oder körperlich erkrankten Eltern unter psychosozial erschwerten Bedingungen leben, begünstigt werden kann, wenn also die Eltern beispielsweise finanzielle oder existenzielle Sorgen haben, sich nicht gut um ihre Kinder kümmern können oder wenn Missbrauch in der Familie stattfindet.

Im Umkehrschluss gilt aber auch, dass ein positives Familienklima und das Erleben von Selbstwirksamkeit und unterstützenden sozialen Faktoren wichtige Schutzfaktoren darstellen.

Kinder leiden anders als Erwachsene

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, demzufolge können sich depressive Störungen in diesem Alter deutlich von denen Erwachsener unterscheiden. Im Vorschulalter leiden depressive Kinder häufig unter einer Unfähigkeit oder starken Reduktion der Fähigkeit zum positiven emotionalen Erleben. Sie leiden oft Schuldgefühlen, sind erschöpft und gereizt. Das Spielen freut sie kaum, und die Spiele, die sie dennoch spielen, haben oft auffällig negative Inhalte.

Kinder neigen zudem dazu, sich selbst abzuwerten und haben häufig Entscheidungsprobleme.  Manchmal treten auch die bei Erwachsenen prominent vertretenen Symptome wie Schlafstörungen oder Appetitmangel, psychosomatische Beschwerden, Konzentrationsprobleme oder psychomotorische Unruhe auf, und viele betroffene Kinder zeigen oppositionelle Verhaltensweisen. Diese können sekundär zu Schulproblemen und Leistungsabfall führen.

Leider treten auch suizidale Gedanken und Impulse nicht selten auf. Je älter die Kinder werden, desto mehr Parallelen zeigen sich zu dem für Erwachsene typischen Vollbild einer depressiven Störung mit Niedergestimmtheit, Interessenverlust und Erschöpfung bzw. Antriebsmangel.

Leidet das Kind unter einer chronischen Erkrankung wie zum Beispiel Diabetes mellitus, kann sich die Depression außerdem darin äußern, dass das Kind notwendige Therapiemaßnahmen, wie etwa das Insulin spritzen verweigert oder generell Verhaltensregeln im Zusammenhang mit der chronischen Erkrankung nicht befolgt.

Insgesamt ist zumeist nicht nur ein Symptom vorherrschend, sondern es gibt eine große Fülle an möglichen Beschwerden. In der Pubertät kommt dazu, dass es  für die Eltern nicht immer leicht ist, eine Depression von alterstypischen Verhaltensweisen abzugrenzen.

Therapeutisches Vorgehen bei kindlichen Depressionen

Die Therapie von kindlichen Depressionen richtet sich nach der Schwere der Symptome und den individuellen Bedürfnissen des Kindes.

Bei leichten depressiven Störungen empfehlen viele Experten zunächst abzuwarten, ob sich die Beschwerden auch ohne Behandlung wieder geben. In dieser Zeit ist es für Eltern wichtig, das Kind mehr als sonst zu unterstützen, zu versuchen, seine Bedürfnisse besser zu verstehen und ernst zu nehmen, das Selbstwertgefühl zu stärken und geduldig zu sein. Eventuell kann man sich auch um psychologische Beratung – zum Beispiel bei einer Familienberatungsstelle – kümmern, und die Eltern sollten sich ebenfalls professionell beraten lassen. Wichtig ist auch immer die Reduktion oder Beseitigung emotional belastender Faktoren.

Sind die Symptome stärker ausgeprägt oder geben sich die Beschwerden nicht mit der Zeit, sollte ein Kinder- und Jugendpsychiater oder eine auf Kinder spezialisierte Psychotherapeutin beigezogen werden. Es wird vielfach empfohlen, vor allem mit Psychotherapie (wie etwa einer kognitiven Verhaltenstherapie) zu behandeln und Medikamente nur zurückhaltend anzuwenden, auch deshalb, weil manche Antidepressiva dazu führen können, dass das Kind (häufiger) suizidale Gedanken entwickelt.

Bei schweren Depressionen sollte man eine stationäre Behandlung ins Auge fassen. In vielen Fällen ist hier wegen des hohen Suizidrisikos auch ein früher Einsatz von Antidepressiva wichtig.

Mitentscheidend für den Behandlungserfolg bei jedem therapeutischen Ansatz ist die Miteinbeziehung der Eltern. Sie können und sollen dem Kind genügend Raum für Gespräche anbieten und sollten vor allem gut zuhören. Tipps wie „Es wird schon wieder“ oder gar „Reiß dich zusammen“ sind nicht angebracht und erhöhen den Druck auf das depressive Kind noch weiter. Eltern können erfragen, ob sich das Kind unglücklich oder einsam fühlt, wenig Freude an den Dingen hat oder vielleicht sogar schon daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn das Kind eine dieser Fragen mit Ja beantwortet, sollte unbedingt ein Kinder- und Jugendpsychiater zu Rate gezogen werden. Er oder sie kann die exakte Unterscheidung zwischen einer normalen Verstimmung und einer Depression treffen,  aber der familiäre Rückhalt und das soziale Umfeld sind ebenfalls sehr wichtig für Therapieplanung und  Risikoabschätzung hinsichtlich Suizid. Deshalb sollen gegebenenfalls auch Geschwister, Freunde und Lehrpersonen ins therapeutische Vorgehen miteinbezogen werden. So können etwa Lehrer Warnsignale wahrnehmen und sie in ihrem Kontext einschätzen, ein positives Klassenklima schaffen, positive Beziehungen zu Mitschülern bewusst fördern und bei Fachpersonen wie Schulpsychologinnen Unterstützung organisieren.

 

 

 

 

 

 

Autor:
Quellen:
Gesundheit.gv.at; Depressionen und bipolare Störungen bei Kindern/Jugendlichen
https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/psyche/depression/depressionen-kinder; Zugriff 1.3.2021

MSD Manual, Depression und Launenfehlregulationsstörung bei Kindern und Jugendlichen
https://www.msdmanuals.com/de/profi/pädiatrie/psychiatrische-störungen-im-kindes-und-jugendalter/depressive-störungen-im-kindes-und-jugendalter, Zugriff: 15.1.2021

Neurologen und Psychiater im Netz, Was sind Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, Zugriff 1.3.2021
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/depression/was-ist-eine-depression/

PSYCH up2date 2020; 14(02): 131-145, Thieme Verlag
https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-0888-7850?utm_campaign=newsletterwhoosh&utm_source=themen-nl&utm_medium=email&utm_content=20ku12_20o7xv_20o2js&update=true&update=true

 
ICD-10: F32

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