Autistisches Kind hält sich die Ohren zu.
Foto: Roman Yanushevsky/shutterstock

Frühkindlicher Autismus

Der frühkindliche Autismus wird zu den schwerwiegendsten Formen der Autismus-Spektrum-Störungen gezählt. Betroffene Kinder haben große Probleme mit sozialen Situationen und massive Kommunikationsschwierigkeiten. Zudem zeigen sie ein ungewöhnliches Spielverhalten. Lesen Sie hier die wichtigsten Fakten über Ursachen, Symptome und Therapieansätze.

Frühkindlicher Autismus, Kanner-Autismus, Kanner-Syndrom

Definition: tiefgreifende Entwicklungsstörung

Ursachen und Risikofaktoren: vor allem genetische, weiters Störungen während der Hirnentwicklung, Frühgeburtlichkeit, höheres Lebensalter der Eltern, Infektionskrankheiten der Mutter (Röteln) oder die Einnahme bestimmter Medikamente in der Schwangerschaft etc.

Symptome: Probleme in sozialer Interaktion, Kommunikation, Verhalten

Behandlung: u.a. ABA, TEACCH, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Musiktherapie usw.

Was ist frühkindlicher Autismus?

Der frühkindliche Autismus, auch bekannt als Kanner-Autismus oder Kanner-Syndrom, ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung die zu den Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) gehört und sich schon in den ersten Lebensjahren manifestiert. Der frühkindliche Autismus zählt zu den schwerwiegenden Formen von Autismus.

Die Störung manifestiert sich bereits vor dem dritten Lebensjahr und ist durch Auffälligkeiten in den drei Bereichen „soziale Interaktion“, „Kommunikation“ und „Verhalten“ gekennzeichnet.

Typisch ist vor allem auch das Ausbleiben oder die starke Verzögerung einer normalen Sprachentwicklung, die oft fehlerhaft bleibt. Oft ist auch die Intelligenz beeinträchtigt. Menschen, die unter frühkindlichem Autismus leiden, haben große Schwierigkeiten, mit anderen in Beziehung zu treten und ein normales Leben zu führen. Sie benötigen aufgrund ihrer Beeinträchtigungen meist lebenslang Unterstützung.

Frühkindlicher Autismus ist nicht heilbar, aber durch möglichst frühe intensive Förderungsmaßnahmen lassen sich Verbesserungen in den Sozialkompetenzen Betroffener und damit eine größere Selbständigkeit erreichen.

Wie häufig ist frühkindlicher Autismus?

Die Entwicklungsstörung wird seit einigen Jahren zunehmend häufiger diagnostiziert. Aktuellen Studien zufolge liegt der Anteil der erkrankten Personen an der Gesamtbevölkerung bei 0,3 Prozent, wobei Jungen etwa zwei bis drei Mal häufiger als Mädchen an autistischen Störungen leiden.

Welche Ursachen und Risikofaktoren gibt es?

Wie bei allen Autismus-Spektrum-Störungen wird auch der frühkindliche Autismus in erster Linie auf genetische Ursachen zurückgeführt. Die Forschung geht davon aus, dass bei bei Betroffenen Veränderungen in bestimmten Genabschnitten vorliegen. Erbliche Faktoren spielen eine große Rolle bei der Entwicklung der Störung: So ist etwa das Risiko bei Eltern, die an der Erkrankung leiden, für ihre Kinder signifikant erhöht und bei eineiigen Zwillinge sind häufig beide betroffen.

Auch Störungen während der Hirnentwicklung kann eine Ursache für frühkindlichen Autismus sein. So hat sich etwa gezeigt, dass das Hirnwachstum bei betroffenen Kindern im Mutterleib schneller vorangeht und auch ihr Hirnvolumen ist größer als bei Gleichaltrigen.

Als weitere Risikofaktoren gelten ein höheres Lebensalter der Eltern, Infektionskrankheiten der Mutter während der Schwangerschaft (Röteln) oder die Einnahme bestimmter Medikamente wie Valproinsäure in der Schwangerschaft sein.

Symptome bei Babys und Kleinkindern

Es gibt eine Reihe von möglichen Anzeichen dafür, dass ein Kind an Autismus leidet. Im Baby- und Kleinkindalter können das unter anderem folgende Symptome sein:

  • Ablehnung der Mutterbrust und Probleme beim Zufüttern (z.B. das Kind ist auf bestimmte Speisen starr fixiert)
  • scheinbare Selbstzufriedenheit mit sich allein
  • massive Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus
  • kein Blickkontakt
  • keine Reaktion auf den eigenen Namen oder vertraute Stimmen
  • kein Imitationsverhalten
  • kein Lächeln
  • kein Brabbeln, keine Babysprache
  • motorische Stereotypien
  • starre Konzentration auf bestimmte Gegenstände
  • kein kreativer Umgang mit Spielzeug
  • Echolalie (stereotypes Wiederholen von Wörtern)
  • ständige Wiederholung von bestimmten Verhaltensweisen
  • kein Interesse an anderen Kindern
  • Angst vor Veränderungen

Symptome bei Kindergarten- und Schulkindern

Im Lauf der Zeit werden die Anzeichen vielfältiger: Die betroffenen Kinder zeigen allgemein wenig soziale Kompetenz, haben zunehmend Probleme, nonverbale Kommunikation zu verstehen oder auszusenden und ihr Verhalten ist oft starr und stereotyp. Zudem haben sie Schwierigkeiten, Gefühle zu verstehen oder über sie zu sprechen und wirken generell uninteressiert an ihrer Umgebung. Typisch ist auch die Entwicklung sprachlicher Besonderheiten: Sie wiederholen immer wieder dieselben Wörter und Sätze, verwechseln „Du“ und „Ich“, verstehen oft einfache Fragen oder Aufforderungen nicht und haben keinerlei Sinn für Humor und Ironie. Sie selbst verwenden wenig Gesten und ihre Mimik passt oft nicht zu einer aktuellen Situation. Stattdessen folgen sie oft einer starren Routine und beschäftigen sich häufig intensiv mit einem sehr eingegrenzten Interessensgebiet. Typisch ist weiters ein selbst stimulierendes Verhalten wie etwa mit dem Oberkörper zu schaukeln oder sich zu drehen. Viele autistische Kinder haben auch Angst vor Berührungen und es kann sein, dass sie dies als schmerzhaft empfinden.

Warum ist eine frühe Diagnose wichtig?

Autismus-Spektrum-Störungen sind zwar nicht heilbar, aber heute geht man davon aus, dass bei rechtzeitigem therapeutischem Intervenieren viele Schwierigkeiten, unter denen Betroffene leiden, deutlich gemindert werden können. Eine frühe autismusspezifische Therapie kann helfen, fehlende Fähigkeiten auszugleichen und vorhandene Stärken zu erweitern. Dafür ist eine möglichst frühe Diagnose notwendig. Möglich ist das oft schon im Alter von zwei Jahren.

Wichtig ist die frühe Diagnose und eine daran anschließende Behandlung auch für Eltern von autistischen Kindern, denn sie müssen in das therapeutische Geschehen miteinbezogen werden und können dabei lernen, die Verhaltensweisen ihres Kindes richtig zu deuten und es besser zu verstehen.

Welcher Arzt ist zuständig?

Erster Ansprechpartner bei einem Verdacht auf frühkindlichen Autismus kann der Kinderarzt sein. Er kann eine orientierende Einschätzung machen und wird gegebenenfalls an spezialisiertere Stellen verweisen. Das sind Kinder- und Jugendpsychiater oder Ambulatorien für Entwicklungspsychologie und -neurologie.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Autismus kann nicht ursächlich behandelt werden, aber bei entsprechender Therapie lassen sich oft Verbesserungen der Lebensqualität und der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten erzielen. Die Experten betonen auch, dass therapeutische Maßnahmen nur nach einer entsprechenden differenzierten Diagnostik stattfinden sollen. Die Ziele einer solchen Therapie müssen klar definiert, realistisch und individuell angepasst sein. Wichtig ist auch die Miteinbeziehung der Familie in die Therapie. Es sollte zudem zu keiner Unter- oder Überforderung durch therapeutische Maßnahmen kommen.

Was konkrete Therapieansätze betrifft, so gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Methoden, von denen nicht wenige auch umstritten sind. Schwerpunkte betreffen die Förderung von sozialer Interaktion, Kommunikation, Spielverhalten und Wahrnehmung sowie die Erweiterung der Handlungskompetenzen und die Behandlung von den Autismus oft begleitenden Verhaltensproblemen und Erkrankungen.

Etablierte autismus-spezifische Methoden sind unter anderem:

  • ABA (Applied Behavior Analysis): Dabei werden auf Grundlage individuell angepasster Förderprogramme selbstbestimmtes Handeln, Sprache und Kommunikation, Imitationsverhalten, Aufmerksamkeit, Sozialverhalten, Spielverhalten, Motorik und Selbständigkeit trainiert. ABA kann bereits ab dem Alter von einem Jahr eingesetzt werden.
  • TEACCH (Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children): Dabei geht es vor allem um die individuelle visuelle Strukturierung von Lern- und Sozialumfeld, wobei man davon ausgeht, dass dies Orientierung vermittelt, Zusammenhänge erkennen und eigenes und fremdes Verhalten besser verstehen lässt. Die enge Zusammenarbeit mit Eltern und anderen Bezugspersonen ist ein wichtiges Kriterium bei TEACCH.

Weitere Therapieansätze sind unter anderem:

  • Logopädie
  • Ergotherapie
  • Physiotherapie
  • Musiktherapie

Wichtig sind zudem eine geregelte Tagesstruktur und stabile soziale Kontakte sowie soziale Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag wie etwa eine Assistenz in der Schule. Auch Eltern und andere Bezugspersonen können Unterstützung in Anspruch nehmen – etwa bei einer Elternberatung oder in einer Selbsthilfegruppe.

Umgang mit Begleiterkrankungen

Autismus-Spektrum-Störungen gehen oft mit sogenannten Komorbitäten, also Begleiterkrankungen einher. Dazu zählen im Besonderen ADHS, Schlafstörungen, Zwangsstörungen, Angsterkrankungen und Epilepsie. Auch ein (selbst)aggressives Verhalten kann auftreten. Die Experten betonen, dass es wichtig ist, solche komorbiden Störungen zu berücksichtigen und gegebenenfalls zu behandeln. Und: Wenn die autismus-spezifische Therapie frühzeitig einsetzt, kann das dazu beitragen, dass diese Begleiterkrankungen nicht oder nur in geringerem Ausmaß auftreten.

Tipps für den Umgang mit autistischen Kindern

  • Struktur und Routine; Mehr noch als andere brauchen autistische Kinder starke Strukturen, fixe Regeln und Abläufe.
  • Reizüberflutungen vermeiden: Es kann hilfreich sein, eine sensorisch angepasste Umgebung zu schaffen und individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen.
  • Verhalten und Gefühle erklären: Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben Probleme damit Gefühle und Bedürfnisse andere Menschen zu verstehen. Daher ist es hilfreich das eigenen Verhalten und die eigenen Gefühle zu erklären.
  • Der Umgebung erklären was Autismus bedeutet
  • Individuelle Stärken fördern

FAQ

An der Diagnose sind meist nicht nur Ärzte, sondern auch Entwicklungspsychologen, Logopäden und Vertreter anderer Gesundheitsberufe beteiligt. Neben Anamnese, körperlicher und neurologischer Untersuchung gibt es standardisierte Interview- und Beobachtungsinstrumente, die speziell für die Diagnose von ASS entwickelt wurden. Auch EEG, Überprüfung von Hören und Sehen und ein genetischer Test können zum Einsatz kommen.

Zu den möglichen frühen Anzeichen zählen die Ablehnung der Mutterbrust, Probleme beim Zufüttern und deutlich ausgeprägte Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen. Etwas später fällt oft ein sehr stereotypes Spielverhalten auf.

Frühkindlicher Autismus ist zurzeit nicht heilbar und viele betroffene Kinder benötigen intensive Betreuung. Bei früh einsetzenden therapeutischen Maßnahmen sind aber Abmilderungen und Veränderungen der Symptomatik möglich.

  • Autor

    Mag. Gabriele Vasak

    Medizinjournalistin

    Gabriele Vasak ist seit 2019 freie Journalistin in der DocFinder-Redaktion. Ihr besonderes Interesse liegt schon lange im Bereich der medizinischen Contentproduktion. Im Jahr 2006 wurde sie mit dem Medienpreis für Gesundheitsförderung & Prävention des Fonds Gesundes Österreich ausgezeichnet, und im Jahr 2010 erhielt sie den Pressepreis der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie.

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