Lipödem Reiterhosen
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Lipödem

Der Begriff Lipödem bezeichnet eine chronische, schmerzhafte Erkrankung, bei der sich Fettgewebe an Beinen, seltener auch an Armen, unkontrolliert vermehrt. Betroffen sind vorwiegend Frauen, über die Ursache und die tatsächliche Häufigkeit der Erkrankung lassen sich keine gesicherten Aussagen treffen.

Factbox – Lipödem 

Synonyme: Lipohyperplasia dolorosa, Reiterhosenphänomen, Suavenhose, Säulenbeine

Definition: chronische, schmerzhafte Fettverteilungsstörung mit deutlicher Ungleichverteilung des Fettgewebes an Extremitäten und Rumpf, die fast ausschließlich bei Frauen auftritt

Symptome: Neigung zu Blutergüssen, Druckempfindlichkeit, Ödeme an den betroffenen Körperstellen (Arme und Beine)

Therapie: Komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) mit manueller Lymphdrainage, Kompressionsstrümpfen, Bewegung und Hautpflege, Fettabsaugung (Liposuktion)

Was ist ein Lipödem?

Bei einem Lipödem handelt es sich um eine krankhafte Vermehrung des Unterhaut-Fettgewebes (subkutanes Fett). Dieses Fett dient ursprünglich der Wärmeisolation und ist auch ein Energiespeicher. Beim Lipödem vermehren sich die Fettzellen besonders im Bereich der Oberschenkel, seltener auch an den Armen, unkontrolliert. Die Fetteinlagerungen sind immer symmetrisch an den Extremitäten verteilt. Die Füße, Hände und der Rumpf bleiben von den Fetteinlagerungen verschont. Betroffene können also sehr schlank am Oberkörper und von der Hüfte abwärts sehr voluminös sein. Daher rührt auch der Name „Reiterhosenphänomen“, der oft für die Erkrankung verwendet wird. Wenn sich die Erkrankung weiter auf die Unterschenkel ausdehnt, spricht man auch von „Suavenhosen“, da die Fetteinlagerungen am Knöchel aufhören und das Fett überlappt.

Ein Lipödem geht mit Schmerzen und erhöhter Druckempfindlichkeit der Haut einher. Da die Erkrankung auch zu einer Gefäßbrüchigkeit und -durchlässigkeit führt, neigen Betroffene zu Wassereinlagerungen, was zur Bildung von Ödemen führt. Blaue Flecken werden dadurch ebenfalls begünstigt und entstehen schon bei kleinsten Verletzungen.

In einem Teil der Fälle kommt es im Verlauf der Erkrankung zur Entstehung eines sekundären Lymphödems. Das bezeichnet eine Schwellung unter der Haut, die durch einen gestörten Lymphabfluss bedingt ist, der infolge des Lipödems auftritt. Dieses wird auch als Lipo-Lymphödem bezeichnet. Auch Hautverdickungen (Papillomatose) und Verhärtungen des Gewebes (Sklerose) sind Folgeerkrankungen.

Neben den physischen leiden die Betroffenen häufig auch unter psychischen Beschwerden, da sie sich für ihr Aussehen schämen und sich selbst die „Schuld“ an ihrer Erkrankung geben. Oftmals tritt ein Lipödem in Kombination mit einer Adipositas (Fettleibigkeit) auf, wodurch die Belastung noch größer wird.

Wodurch entsteht ein Lipödem?

Unter der chronischen Krankheit leiden fast ausschließlich Mädchen und Frauen. Zumeist tritt die Erkrankung zu Zeiten hormoneller Umstellungen auf, wie z.B. während der Pubertät, einer Schwangerschaft oder seltener auch während der Wechseljahre. Expertinnen und Experten vermuten daher, dass die Ursache hormonell bedingt sein könnten. Die Gene scheinen ebenso involviert zu sein, da häufig mehrere weibliche Mitglieder einer Familie betroffen sind. Diese genetische Komponente wurde in über 60 Prozent der Fälle beschrieben.

Männer, die betroffen sind, haben meist Erkrankungen, die ihren Hormonhaushalt beeinflussen (z.B. Leberschäden, Prostatakrebs).

Auch wenn hormonelle Störungen Einfluss auf die Entstehung eines Lipödems haben dürften dürften, muss an den Ursachen und den Mechanismen noch weiter geforscht werden, um gesicherte Aussagen über die Auslöser treffen zu können.

Wie verläuft die Erkrankung?

Das Lipödem wird am häufigsten in drei Stadien unterteilt. Diese beschreiben Form und Aussehen der betroffenen Extremitäten. Die Beschwerden werden hier allerdings nicht berücksichtigt.

  • Stadium 1: Die Hautoberfläche ist glatt, das Unterhautgewebe ist gleichmäßig verdickt. Das Fettgewebe fühlt sich wie kleine Styroporkugeln an, die schmerzhaft sind.
  • Stadium 2: Die Hautoberfläche wird uneben, das Fettgewebe wird grob, die Dellen somit größer. Die Disproportion zwischen Rumpf und Extremitäten nimmt zu, die Fettverteilung an den Oberschenkeln wird zunehmend reiterhosenartig.
  • Stadium 3: Ausgeprägte Umfangsvermehrung an den betroffenen Körperstellen, das Gewebe ist verhärtet und sehr grob, es bilden sich unförmige Hautlappen, die herabhängen (Wammenbildung). Durch das hohe Gewicht bilden sich X-Beine.

Weitere Symptome, die unabhängig von den Stadien auftreten, sind:

  • Druckempfindlichkeit, Spannungsgefühl und Schmerzen: schon die leichtesten Berührungen sind schmerzhaft, der Druck kann aber auch ohne Einwirkung von außen unangenehm sein
  • Hämatome: ein leichter Stoß reicht aus, um blaue Flecken zu erzeugen
  • Schwere Beine: Die Beschwerden werden bei Hitze oder niedrigem Luftdruck, und nach langem stehen, stärker.
  • Tastbare Verdickungen
  • Volumenzunahme
  • Wunde Stellen: durch das Aneinanderreiben der Haut wird diese wund und reißt, was wiederum zu Infektionen führen kann

Wie wird ein Lipödem diagnostiziert?

Bei vielen Betroffenen wird erst nach Jahren des Leidens ein Lipödem diagnostiziert. Um die Diagnose stellen zu können, ist eine Begutachtung des Körpers notwendig. Typisch sind die ungewöhnlichen Körperproportionen und dass die Fettpölsterchen an Füßen und Händen plötzlich enden. Betroffene klagen auch über ein Schwere- und Spannungsgefühl an den betroffenen Körperstellen, haben Ödeme, neigen zu Blutergüssen (Hämatome) und die Haut ist gedellt (Cellulite, Orangenhaut).

Im Gegensatz zu einem Lymphödem ist das sogenannte Stemmerzeichen negativ: Das bedeutet, dass sich die Haut über den Zehen- bzw. Fingerrücken mit den Fingern leicht abheben lässt. Bei einem Lymphödem wäre dies nicht möglich.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie ein Lipödem haben könnten, wenden Sie sich am besten an ein Lipödemzentrum oder eine/n Phlebologin/Phlebologen. Ärztinnen und Ärzte, die Erfahrung mit der Erkrankung haben, können die Erkrankung zuverlässig feststellen bzw. ausschließen. Durch eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können gute Behandlungsergebnisse erzielt werden.

Lipödem oder Lipohypertrophie?

Eine Lipohypertrophie bezeichnet eine ungleiche/disproportionale Fettgewebsvergrößerung an den Beinen. Dabei handelt es sich allerdings um keine Erkrankung, sondern lediglich um ein ästhetisches Problem.

Während Lipödempatientinnen über Schmerzen und ein oft ausgeprägtes Schweregefühl in den Beinen klagen, ist dies bei Frauen mit Lipohypertrophie nicht der Fall. Es besteht auch keine Druckempfindlichkeit. Eine Neigung zu blauen Flecken kann bei einer Lipohypertrophie auftreten, Ödeme bilden sich wiederum aber nicht.

Können Betroffene selbst etwas gegen die Fettansammlungen tun?

Häufig werden die Frauen einfach als übergewichtig bezeichnet und es wird zu Sport und Ernährungsumstellung geraten. Da Übergewicht und wenig Bewegung die Erkrankung verschlimmern können, sind vermehrte sportliche Aktivität und bewusste Ernährung auf jeden Fall sinnvoll. Verschwinden werden die Fettansammlungen bei einem Lipödem allerdings nicht, da es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die unabhängig vom Gewicht auftritt. Auch sehr schlanke Frauen können von der krankhaften Fettvermehrung betroffen sein.

Versuchen stark übergewichtige Patientinnen abzunehmen, wird Fett vor allem in den nicht vom Lipödem betroffenen Regionen des Körpers reduziert, wodurch die unausgeglichene Fettverteilung sogar noch verstärkt werden kann. Dennoch ist es wichtig, auf eine gesunde Ernährung und Bewegung zu achten, um die Symptome des Lipödems durch zusätzliches Übergewicht nicht zu verstärken. Außerdem ist Bewegung für die Vorbeugung eines Lymphödems wichtig. Oftmals haben Betroffene schon zahlreiche erfolglose Diätversuche hinter sich und daher viel Frust bzw. sogar Essstörungen entwickelt. Daher ist eine Ernährungsumstellung mit psychologischer Betreuung ratsam. Als Sportarten eignen sich Schwimmen und Aqua-Jogging, da sie schonend für die Gelenke sind und der Wasserdruck sich positiv auf Ödeme auswirkt.

Welche Therapie gibt es?

Es gibt sowohl konservative (nicht-operative) als auch operative Behandlungsmöglichkeiten. Zunächst wird versucht, den Patientinnen ohne Operation zu helfen. Die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) beinhaltet manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, Bewegungstherapie und Hautpflege. Diese helfen, die Schwellungen und Schmerzen zu mindern. Die manuelle Lymphdrainage wird anfangs täglich durchgeführt. Wenn die Entstauung der Beine vollzogen wurde, reichen in der Erhaltungsphase ein bis zwei Massagen pro Woche.

Unbedingt erforderlich ist auch die tägliche Kompression, die in der Entstauungsphase mit Verbänden durchgeführt wird. Nachdem das Volumen reduziert wurde, erhalten Patientinnen Flachstrick-Kompressionsstrümpfe, die optimal an sie angepasst sind. Ergänzend kann eine apparative intermittierende Kompression (AIK) verordnet werden. Hier wird mittels Luftkammer-Manschetten intermittierende Kompression durchgeführt, die den Fluss in den Lymphgefäßen stimuliert.

Bei vielen Patientinnen lässt sich durch die KPE auch das Volumen der Beine und/oder Arme etwas verringern, da die Wassereinlagerungen abgebaut werden. Die Fettzellen können allerdings nur im Rahmen einer Fettabsaugung (Liposuktion) entfernt werden. Diese wird schon in frühen Stadien empfohlen, da sich die Lebensqualität erheblich verbessert.

Bei einer Liposuktion (Fettabsaugung) werden die krankhaft vermehrten Fettzellen gezielt abgesaugt. Die zwei Operationsmethoden, die zumeist angewendet werden, sind die wasserstrahlassistierte (WAL) und die vibrationsassistierte (VAL) Liposuktion. Beide Methoden sind schonend für das umliegende Gewebe und die Lymphgefäße.

  • VAL: Zunächst wird eine sogenannte Tumeszenzlösung in die Fettschicht injiziert. Nach entsprechender Einwirkzeit lösen sich die Fettzellen aus dem Gewebe und können mittels vibrierender Kanüle abgesaugt werden. Diese Technik kann in Lokalanästhesie durchgeführt werden.
  • WAL: Die Fettzellen werden mit einem dünnen Wasserstrahl aus dem Gewebe gelöst und sofort abgesaugt. Auch dieser Eingriff kann unter Lokalanästhesie vorgenommen werden und dauert kürzer als die VAL. Allerdings gilt diese Methode als schmerzhafter.

Bei den meisten Frauen sind zwei bis vier Eingriffe notwendig und das endgültige OP-Ergebnis ist etwa drei Monate danach sichtbar. Die abgesaugten Fettzellen können nicht wieder entstehen. Damit sich aber kein neues Fettgewebe bilden kann, sind Sport und gesunde Ernährung als Erhaltungstherapie notwendig. Bei einem Teil der Frauen ist der operative Eingriff so erfolgreich, dass sie fortan ohne Lymphdrainage und Kompression leben können. Doch bei viele Frauen kommen die Schmerzen wieder und die Erkrankung schreitet nach einiger Zeit fort.

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