Autismus – Definition, Symptome, Formen, Therapie

Autismus – Definition, Symptome, Formen, Therapie

Stand: September 2018
Autistisches Kind schaut gegen Sofa

Bei Autismus handelt es sich um eine Gruppe tiefgreifender Entwicklungsstörungen, die sich bereits in den ersten Lebensjahren bemerkbar machen. Betroffene "sehen die Welt mit anderen Augen", leiden mitunter unter Beeinträchtigungen im Bereich der sozialen Interaktion und haben Probleme in der Kommunikation. Lesen Sie hier, was Autismus genau ist, welche Formen unterschieden werden, welche Kernmerkmale und Therapieansätze es gibt und was im Umgang mit Betroffenen beachtet werden sollte.

Was ist Autismus?

Unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) werden verschiedene tief greifende Entwicklungsstörungen zusammengefasst. Es handelt sich um von Geburt an vorliegende Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörungen des Gehirns, die sich bereits im frühen Kindesalter bemerkbar machen. Bei der Entwicklung von Autismus scheinen mehrere Faktoren eine Rolle zu spielen, wobei die Ursachen bislang nicht gänzlich erforscht sind. Als Hauptursache gelten genetische Faktoren, als mögliche Risikofaktoren diskutiert werden u.a. ein höheres Alter der Eltern und das Einnehmen bestimmter Medikamente während der Schwangerschaft. Die einzelnen Formen des Autismus haben gemeinsame Merkmale, machen sich jedoch in unterschiedlichen Ausprägungen und Schweregraden bemerkbar.

Symptome

Prinzipiell kann das genaue Bild einer Autismus-Spektrum-Störung sehr variieren. Während manche Menschen nur leicht von einzelnen Symptomen betroffen sind, zeigt sich bei anderen eine schwer ausgeprägte Störung. Allgemeine Kernsymptome sind:

Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion

Betroffenen fällt es schwer, mit anderen Menschen zu interagieren. So zeigt ein Kind beispielsweise wenig Interesse an anderen Menschen, Sozialkontakten und sozialen Interaktionen und ist lieber für sich alleine. Ein Mensch mit Autismus hat Probleme zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen, grundlegende soziale Fertigkeiten wie Augenkontakt, soziales Lächeln, Imitation, das Teilen von Interesse und/oder andere sind eher unzureichend ausgeprägt. Charakteristisch für ein autistisches Kind ist beispielsweise auch, dass es Schwierigkeiten hat auf Umgebungsreize zu reagieren oder eine enge Bindung zu seinen Eltern aufzubauen. Aufmerksame Eltern bemerken häufig ziemlich rasch, dass ihr Kind ein anderes Verhalten zeigt als andere Kinder.

Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation

Beeinträchtigungen im Bereich der Kommunikation und der Sprache sind ein weiteres charakteristisches Merkmal. Die Störung zeigt sich beispielsweise dadurch, dass die Sprache fehlt oder verzögert ist, das Kind zeigt Probleme im Sprachverständnis und eine mangelnde Fähigkeit im Bereich der Kommunikation wird von Betroffenen typischerweise auch nicht durch eine entsprechende Gestik oder Mimik ausgeglichen. Einem Kind mit Autismus fehlt oftmals die Fähigkeit eine Unterhaltung zu beginnen und aufrechtzuerhalten (zuhören, andre nicht unterbrechen), der Umfang der Sprache ist häufig begrenzt bzw. einseitig, Fragen und Sätze werden nachgesprochen (Echolalie) und es kommt zur Vertauschung von “Ich” und “Du” (pronominale Umkehr). Bei gelungenem Spracherwerb können sich verschiedene Auffälligkeiten zeigen: Die Kommunikation und Sprache können zu schnell oder zu laut sein, in einer zu hohen Tonlage oder ohne Modulation und Sprachmelodie, was einen roboterhaften Eindruck vermittelt.

Sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster und eingeschränkte Interessen

Das Wiederholen bestimmter Verhaltensmuster und das Festhalten an bestimmten Gewohnheiten und Tagesabläufen sind weitere charakteristische Merkmale von Menschen, die unter einer Autismus-Spektrum-Störung leiden. Veränderungen werden von Betroffenen oftmals als irritierend wahrgenommen, nicht selten reagieren sie auf diese mit Unsicherheit und Angst. Ein Mensch, der autistisch ist zeigt oftmals ein Verhalten, das durch einen stereotypen Bewegungsablauf charakterisiert ist, etwa Finger- und Handschlagen, Hand- und Fingerbewegungen vor den Augen, stereotype Körperbewegungen, Echolalie und/oder andere verbale/vokale Stereotypien und sensorische Stereotypien (z.B. an anderen Menschen riechen oder an Gegenständen lecken). Häufig beobachtet werden kann zudem eine Fokussierung auf ganz bestimmte Interessensgebiete, welche die Person dann voll und ganz einnehmen (z.B. Uhren, Lego-Bausteine, Räder eines Autos). Auch das Spielverhalten eines Kindes mit Autismus ist oftmals stereotyp und wirkt auf andere phantasielos, “Als-ob-Spiele” fallen dem Kind sehr schwer bzw. sind unmöglich ebenso wie das Spielen mit anderen Gleichaltrigen. Zusätzlich zu diesem Verhalten zeigt sich bei manchen autistischen Kindern eine zu niedrige oder zu hohe sensorische Reizschwelle, sodass z.B. Gerüche, Geräusche, Kälte oder Hitze entweder nur abgeschwächt oder als sehr störend empfunden werden. Bei vielen Kindern zeigt sich eine intellektuelle Minderbegabung, ebenso kann bei Kindern mit Autismus nicht selten eine isolierte herausragende geistige Fähigkeit beobachtet werden.

Autismus – Formen

Je nach Intensität und Ausprägung werden bei Autismus drei Formen unterschieden, darunter frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger Autismus (Asperger-Syndrom).

Frühkindlicher Autismus

Für eine Diagnose des frühkindlichen Autismus müssen alle drei Kernmerkmale vorhanden sein und sich vor dem dritten Lebensjahr des Kindes zeigen. Erste Auffälligkeiten zeigen sich häufig zwischen dem zehnten und 12. Lebensmonat des Kindes.

Atypischer Autismus

Unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus dadurch, dass sich die Störung entweder erst nach dem dritten Lebensjahr zeigt oder, dass das Kind nicht alle typischen Symptome zeigt (das Kind erfüllt die Kriterien einer Diagnose des frühkindlichen Autismus nicht vollständig und weist nur einen Teil der autistischen Auffälligkeiten auf).

Asperger Autismus

Asperger Autismus fällt in der Regel erst nach dem dritten Lebensjahr auf. Im Gegensatz zu frühkindlichem und atypischem Autismus kommt es beim Asperger-Syndrom nicht zu Sprachentwicklungsstörungen, die Sprache ist häufig sehr hoch entwickelt, wirkt allerdings pedantisch, “gestelzt”, seltsam monoton bzw. emotional kühl. Erste Auffälligkeiten können Ungeschicklichkeit und andere Koordinationsprobleme sowie eine intensive Beschäftigung mit sich selbst und ein Mangel an Empathie sein. Das Intelligenzlevel von Betroffenen ist häufig normal bis hin zu überdurchschnittlich hoch.

In Bezug auf die intellektuelle Begabung ist anzuführen, dass viele Betroffene Beeinträchtigungen aufweisen, autistisch zu sein ist allerdings keinesfalls mit “nicht intelligent” oder “dumm” gleichzusetzen. Viele Autisten haben ein normales Intelligenzniveau oder sind überdurchschnittlich intelligent, einige weisen auch besondere oder erstaunliche Fähigkeiten und Begabungen auf, beispielsweise in Musik oder Mathematik (Inselbegabungen).

Diagnose

Erste Auffälligkeiten und Hinweise darauf, dass das Kind möglicherweise autistisch ist lassen sich nicht bei der Geburt feststellen, sondern zeigen sich zumeist im frühen Kleinkindalter in Form einer atypischen Entwicklung im Bereich der Kommunikation und sozialen Interaktion und/oder in Form von auffälligem Verhalten und auffälligen Verhaltensmustern. Eine frühe Diagnose zu stellen ist oftmals nicht leicht, da sich die sprachlichen und motorischen Fähigkeiten in den ersten Lebensmonaten sehr unterschiedlich entwickeln. Mögliche körperliche Erkrankungen und eine mögliche Störung der Hör- und Sehfähigkeit werden durch entsprechende Blutuntersuchungen, neurologische und bildgebende Verfahren, Sehtests, Hörprüfungen und andere Untersuchungen ausgeschlossen. Bei Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung erfolgt die Abklärung beim Kinder- und Jugendpsychiater.

Im Rahmen der Abklärung werden unterschiedliche Untersuchungen und Tests durchgeführt, u.a. um die Symptome näher zu beurteilen, den Intelligenzquotienten zu ermitteln und den Schweregrad der Störung einschätzen zu können (Fragebögen, Beobachtung des Kindes über einen bestimmten Zeitraum, Einschätzung durch die Eltern, diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS), diagnostisches Interview für Autismus (ADI-R), verschiedene Intelligenz- und Sprachtests u.a.). Der genaue Ablauf der Abklärung richtet sich ganz nach der individuellen Situation.

Therapie

Autismus lässt sich ursächlich nicht behandeln und ist nicht heilbar. Der Krankheitsverlauf hängt sehr von der Form des Autismus, von dessen Intensität und Ausprägung und von der Therapiegestaltung ab und lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Die Therapie zielt darauf ab die Kommunikation und Wahrnehmung und das Alltagsverhalten sowie die Empathie und die Handlungskompetenzen zu fördern und bestimmte Fähigkeiten wie die Kontaktbereitschaft, soziale Kompetenzen, die Sprache, das Sprachverständnis und das Verständnis von Gesten zu verbessern.

Die Ausprägung einer autistischen Störung kann individuell sehr unterschiedlich sein, weswegen jeder Therapieplan individuell erstellt werden muss. Die Therapie richtet sich ganz nach dem jeweiligen Entwicklungsstand, sie sollte vorhandene Fähigkeiten unterstützen und dem Kind helfen diese auszubauen und neue zu entwickeln. Wichtig sind eine möglichst frühe Diagnose und Therapie, um eine schnelle Förderung zu beginnen. Das Umfeld des Kindes wird in die Therapie einbezogen.
Mögliche therapeutische Maßnahmen sind z.B.

  • Verhaltenstherapie (Applied Behaviour Analysis (ABA) – ganzheitliche auf Frühförderung ausgerichtete Therapieform, baut darauf auf, welche Fähigkeiten das Kind bereits besitzt und welche noch nicht.
  • Einbezug und Training der Eltern – Eeine Stressreduktion der Eltern kann zu deutlichen Verbesserungen im Verhalten des Kindes führen.
  • Kompetenztraining – Sozial und kommunikativ
  • Logopädie – Sprachtraining mit Fokus auf Normalisierung von Sprachauffälligkeiten
  • Ergotherapie – Spielerische, gestalterische und handwerkliche Übungen zur Verbesserung von beeinträchtigten Fähigkeiten
  • Physiotherapie – Zur Verbesserung motorischer Beeinträchtigungen
  • Ergänzende Maßnahmen wie Musik-, Kunst- und Tiertherapien
  • Medikamentöse Behandlung – Bei Vorliegen von Depressionen, Zwängen, Aggressivität und/oder Angst u.a.

<h2>Wie sehen Autisten die Welt und wie verhalte ich mich “richtig”?</h2>
Jeder Mensch erlebt Situationen auf seine eigene Art und Weise. So auch Autisten, die ihre Umgebung anders wahrnehmen als Menschen ohne Autismus-Spektrum-Störung. Autisten leben in ihrer eigenen Welt, die für andere nur schwer zu begreifen sein kann, und nehmen ihre Umgebung häufig nicht in ihrer Gesamtheit wahr. Stattdessen erkennen sie viele Einzelheiten. Der Blick für das große Ganze fehlt häufig, gleichzeitig nehmen sie viele Details wahr, die anderen oftmals entgehen.

nEin guter Anfang in Hinblick auf den Umgang mit Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sind die Akzeptanz von Eigenarten und das Unterlassen von Interpretationsversuchen von Mimik, Gestik und Tonfall um Missverständnissen vorzubeugen – Autisten meinen im Regelfall was sie sagen und sind nicht in der Lage ihren Worten durch Mimik, Gestik und Tonfall eine andere Bedeutung zu geben, man sollte diese also nehmen wie sie sind.

Das Verstehen von ironischen Aussagen, Wortspielereien und Witzen sollte nicht vorausgesetzt sein. Diese zu erläutern ist wichtig im verständnisvollen Umgang mit autistischen Menschen, ebenso wie realistische Erwartungen zu emotionalen Reaktionen, das Akzeptieren der jeweiligen Ordnung und Regeln (z.B. Besuche ankündigen, Ausflüge planen und nicht spontan einschieben) und etwaiger Befindlichkeiten (z.B. Berührungsempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit). Als Verwandter, Freund oder Bekannter ist es in jedem Fall ratsam, sich genauer über Autismus zu informieren und sich bei Bedarf professionelle Unterstützung zu suchen.

Fact-Box

Autismus-Spektrum-Störung: Gruppe von Entwicklungsstörungen des Gehirns, die von Geburt an vorliegen und ab dem Kindesalter auftreten

Formen: Frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Autismus

Allgemeine Kernmerkmale: Beeinträchtigungen im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, eingeschränkte Interessen

Ursachen: Nicht gänzlich geklärt, als Hauptursache gelten genetische Faktoren

Diagnose: Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie; Fragebögen, Beobachtung, Einschätzung durch die Eltern, diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS), diagnostisches Interview für Autismus (ADI-R), Intelligenztests, Sprachtests u.a.; der genaue Ablauf der Abklärung richtet sich nach der individuellen Situation

Behandlung: Individueller Therapieplan; Verhaltenstherapie, Einbezug und Training der Eltern, Kompetenztraining, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, ergänzende Maßnahmen wie Musik- und Kunsttherapie u.a.

Quellen:
Scherer G.; Autismus-Spektrum-Störung: Eine Spurensuche nach den Ursachen, Deutsches Ärzteblatt 115(15)/2018, Deutscher Ärzteverlag GmbH

Hackenberg B.; ADHS und Asperger-Syndrom, Spectrum Psychiatrie 03/2014, MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH

Schmeck K. et al.; Frühinterventionen bei Autismus-Spektrum-Störungen, Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 02/2014, Rosenfluh Publikationen AG

Asperger Felder M.; Phänomen Autismus - Konzepte der Ätiologie, Psychopathologie und Behandlung, Pädiatrie 05/2013, Rosenfluh Publikationen AG

Herbrecht E. et al.; Was ist Autismus? - Eine klinische Einführung, Pädiatrie 05/2013, Rosenfluh Publikationen AG

Sappok T. et al.; Menschen mit Autismus: Barrierefreier Zugang zur Versorgung, Deutsches Ärzteblatt 108(44)/2011, Deutscher Ärzteverlag GmbH
ICD-10: F84

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