Stottern – was nun?

Stottern – was nun?

Stand: Juli 2021

Stottern ist eine Störung im Redefluss, die sich in Form von hörbaren oder stummen Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen von Lauten, Silben oder Wortteilen äußert. Zusätzlich treten Begleitsymptome auf. Die Störung ist gerade im Kindesalter häufig vorübergehend, wichtig ist eine frühzeitige Therapie. Diese hilft auch Erwachsenen flüssiger zu artikulieren.

Fact Box – Stottern

Stottern: Balbuties

Definition: Redeflusstörung in Form von Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen von Lauten, Silben oder Wortteilen

Ursachen: genetische, neurophysiologische, zusätzlich ggf: auslösende und aufrechterhaltende Faktoren aus dem psychischen, sprachlichen und sozialen Bereich

Formen: originäres Stottern, erworbenes Stottern

Therapie: Verfahren der Sprechrestrukturierung (z.B. Fluency Shaping), Verfahren der Stottermodifikation, indirekte Verfahren.  Es gibt keine medikamentöse Behandlung!

Was ist Stottern?

Sprechunflüssigkeiten kommen entwicklungsbedingt bei fast jedem Kind im Alter zwischen zwei und fünf Jahren vor. Dabei kommt es zu lockeren Wiederholungen vor allem von Silben und Wörtern. Im Gegensatz dazu versteht man unter Stottern eine Störung im Redefluss, die sich in Form von hörbaren oder stummen Blockaden (Gar—-ten, —–Kiste), Wiederholungen oder Dehnungen von Lauten, Silben oder Wortteilen (k-k-k-k-kalt, wwwwarm) äußert. Betroffene müssen sich beim Sprechen häufig übermäßig anstrengen, und diese Anstrengung kann auch in auffälligen Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur oder in zusätzlichen Bewegungen von Kopf, Arm oder Oberkörper sichtbar werden. Viele Stotternde leiden auch unter Erröten oder Schwitzen, wenn sie stottern, oder haben Angst vor dem Sprechen oder vor bestimmten Wörtern. Vielfach nutzen sie Füllwörter und leichter zu sprechende Wörter statt jenen, die ihnen Schwierigkeiten bereiten, um ihr Stottern zu verschleiern.

Im Moment des Stotterns wissen Stotternde genau, was sie sagen wollen, sind aber nicht in der Lage dazu, es störungsfrei auszusprechen. Es kommt zu Störungen des Sprechablaufs, des Sprechrhythmus, der Sprechbewegung, der Sprechatmung, der Aussprache und der Stimme. Stottern tritt unbeabsichtigt und wiederholt auf und kann willentlich nicht unterdrückt werden. Es ist sehr individuell, und die Schwere der Störung kann je nach Situation, Wörtern, Gefühlslage oder körperlicher Verfassung stark schwanken.

Experten unterscheiden auch zwischen originärem Stottern und erworbenem Stottern. Originärem oder gewöhnlichem Stottern liegt eine genetische Disposition zugrunde, und es ist mit strukturellen und funktionellen Hirnveränderungen verbunden. Eine Sonderform ist hier das originär neurogen syndromale Stottern, das im Rahmen der Trisomie 21 auftritt. Was das erworbene Stottern betrifft, so kann eine Hirnschädigung (etwa nach einem Schlaganfall) dazu führen, oder es handelt sich um ein – seltenes – psychogenes Stottern, bei dem eine psychiatrische Grunderkrankung oder ein Psychotrauma dahinter steht.

Stottern beginnt meist ohne offensichtlichen Anlass im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, nur selten auch noch später. Etwa doppelt so viele Buben wie Mädchen sind von Stottern betroffen. Bei vielen Kindern verliert sich das Stottern bis zur Pubertät und sie sprechen wieder flüssig. Bei Erwachsenen schätzt man, dass ein Prozent stottert, und bei ihnen kommt es meist zu keiner vollständigen Wiederherstellung des ungestörten Redeflusses.

Zu den Ursachen des Stotterns 

Die genaue Ursache des Stotterns ist bis heute nicht vollständig geklärt. Vorurteile wie etwa jenes, dass Stotternde besonders nervös oder ängstlich sind oder dass der Umgang der Eltern mit dem Kind eine ursächliche Rolle spielt, sind aber widerlegt. Vieles spricht hingegen für eine starke erbliche Komponente beim Stottern: Viele stotternde Menschen haben stotternde Eltern. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass beim Stottern das neurophysiologische Zusammenspiel zwischen Sprechplanung, Wortwahl und Aussprache beeinträchtigt ist, und dass die dafür benötigten Hirnregionen und Nervenbahnen nicht so reibungslos zusammenarbeiten wie bei flüssigen Sprechern.

Hinzukommen können dann noch auslösende und aufrechterhaltende Faktoren aus dem psychischen, sprachlichen und sozialen Bereich, und in der weiteren Entwicklung des Stotterns versuchen viele Betroffene, die Redeflussstörung mit großer Anstrengung zu vermeiden. Daraus kann sich ein Teufelskreis aus Angst und Vermeidung entwickeln, und das Stottern wird dann erst recht aufrechterhalten bzw. kann umso schwerer verändert werden, je länger es andauert.

Diagnostik des Stotterns

In der Diagnostik geht es nicht nur um die Erfassung der offen erkennbaren Symptome, sondern auch um jene der verdeckten, um die Auswirkungen der Störung auf die Lebensqualität und die bisherigen Bewältigungsstrategien der Betroffenen. Bei einem Kind muss auch oft geprüft werden, ob die Sprechunflüssigkeiten noch ein normales Sprachentwicklungsgeschehen sind oder ob es sich tatsächlich um Stottern handelt. Neben dem anamnestischen Gespräch werden daher auch freie Sprech- und Leseproben erhoben, bei jüngeren Kindern auch eine Spontanspracherhebung und gegebenenfalls eine Sprachentwicklungsuntersuchung. Dabei kann festgestellt werden, welche Symptome auftreten und wann flüssiges Sprechen gelingt. Wichtig bei Kindern ist auch die Miteinbeziehung der Eltern, die viel dazu beitragen können, dass die Redeflussstörung nicht zu einer tiefen Verunsicherung bei ihrem Kind führt. Eltern können es dabei unterstützen, nicht gegen das Stottern anzukämpfen, indem sie es in seiner Art zu sprechen, akzeptieren und gelassen zuhören, ohne die Wörter oder Sätze selbst zu ergänzen. Zeit geben ist hier die Devise.

Therapie des Stotterns 

Von großer Bedeutung für die weitere Sprechentwicklung von Stotternden ist eine früh einsetzende Therapie. Sie kann dazu führen, dass sich ein stotterndes Kind ganz normal sprechflüssig weiterentwickeln kann. Aber auch Erwachsene und chronisch stotternde Menschen können durch eine adäquate Therapie viel an der Symptomatik und den Auswirkungen der Störung auf ihren Alltag verändern.

Die meisten Stottertherapien finden ambulant ein bis mehrmals pro Woche bei niedergelassenen Sprachtherapeutinnen oder Logopädinnen statt. Daneben gibt es auch stationäre und intensivtherapeutische Angebote. Die Therapien können einzeln oder in Gruppen geführt werden. Ziele sind die Beseitigung oder Reduktion von Stottersymptomen und das Gelingen eines natürlichen Sprechens mit motorischer und mentaler Leichtigkeit ohne ständige Selbstkontrolle. Außerdem sollen Begleitsymptome und die psychische Belastung abgebaut werden.

Das methodische Angebot ist breit, und man unterscheidet:

- Verfahren der Sprechrestrukturierung (zum Beispiel Fluency Shaping oder Camperdown): Hier wird das gesamte Sprechmuster umgestellt, indem zunächst auf der Silben- und Wortebene, später in größeren Sprecheinheiten eine neue Art des Sprechens trainiert wird. Die Methode erfordert viel Übung, Kontrolle und Konsequenz, gilt aber als sehr erfolgreich.

- Verfahren der Stottermodifikation: Die Methoden arbeiten am auftretenden Stottersymptom und erfordern keine Umstellung des gesamten Sprechens. Man lernt, das einzelne Symptom zu mildern, indem man etwa Blockierungen auflöst.

Weiters gibt es unter anderem Kombinationen aus Sprechrestrukturierung und Stottermodifikation, das Lidcombe-Verfahren und indirekte Methoden, bei denen durch die Elternmitarbeit individuell erforderliche Bedingungen geschaffen werden, unter denen die Sprechflüssigkeit beim Kind zunehmen soll. Solche Bedingungen sind zum Beispiel die Verlangsamung des Sprechvorbildes, linguistische Vereinfachungen und eine gelassene Reaktion auf das Stottern.

Medikamentöse Behandlungen sollen nicht angewendet werden.

Empfohlen wird vielfach auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe.

Positive Bedingungen für die Kommunikation mit stotternden Menschen

  • Zeit, Zuwendung, Interesse und Aufmerksamkeit
  • Zuhören und ausreden lassen
  • Konzentration auf den Inhalt und weniger auf die Form
  • ermutigende Rückmeldungen zum Gesprächsinhalt
  • natürlicher, wechselnder Blickkontakt

An wen kann kann man sich wenden?

Erste Ansprechpartner bei Sprechproblemen sind der Allgemeinmediziner bzw. der Kinderarzt. Diese können an weitere Fachleute, die auf Stottern spezialisiert sind, verweisen. Dazu zählen etwa Logopäden, Sprachtherapeuten oder Kinder- und Jugendpsychiater. Sie sollten in jedem Fall herangezogen werden, wenn die Sprechstörung bereits eine seelische Belastung für den Sprecher darstellt.

Autor:
Quellen:
Neumann K, Euler HA, Bosshardt HG, Cook S, Sandrieser P, Schneider P, Sommer M, Thum G.* (Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie). Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen. Evidenz- und konsensbasierte S3- Leitlinie, AWMF-Registernummer 049-013, Version 1. 2016; http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-013.html. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/049-013l_S3_Redeflusstoerungen_2016-09-verlaengert.pdf, abgerufen am 27.5.2021

Neumann K, Euler HA, Bosshardt HG, Cook S, Sandrieser P, Sommer M:
Clinical practice guideline: The pathogenesis, assessment and treatment of speech fluency disorders. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 383–90. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0383 https://www.aerzteblatt.de/archiv/189075/Pathogenese-Diagnostik-und-Behandlung-von-Redeflussstoerungen, abgerufen am 27.5.2021

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/news-archiv/meldung/article/stottern-stoppsignale-im-gehirn-verhindern-fluessiges-sprechen/, abgerufen am 27.5.2021

https://www.dbl-ev.de/logopaedie/stoerungen-bei-kindern/stoerungsbereiche/sprechen/stottern/, abgerufen am 27.5.2021

https://www.dbs-ev.de/fileadmin/dokumente/Publikationen/dbs-Broschuere_Stottern_2016.pdf, abgerufen am 27.5.2021
ICD-10: F98.5