{"id":8525,"date":"2022-07-29T10:35:11","date_gmt":"2022-07-29T08:35:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/?post_type=article&#038;p=8525"},"modified":"2023-02-28T09:40:05","modified_gmt":"2023-02-28T08:40:05","slug":"fakten-und-mythen-ueber-das-mikrobiom","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/fakten-und-mythen-ueber-das-mikrobiom\/","title":{"rendered":"Fakten und Mythen \u00fcber das Mikrobiom"},"content":{"rendered":"\n<p>In einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten sprach Prof. Dr. Thomas Frieling, Chefarzt der Medizinischen Klinik II am Helions Klinikum Krefeld (D) \u00fcber das Mikrobiom und den derzeitigen Wissensstand zum Thema. Dabei ging es auch um Mythen und angebliche gesundheitsf\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Magen-Darm-Trakt ist das l\u00e4ngste Organ im K\u00f6rper und jeder Bereich davon ist von Bakterien besetzt. Die Sammlung von Mikroorganismen (Mikrobiota), die in einer bestimmten Umgebung wie dem Magen-Darm-Trakt leben, wird Mikrobiom genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gastrointestinale Mikrobiom hat dem derzeitigen Wissenstand zufolge eine enorme Bedeutung f\u00fcr Gesundheit, z.B. f\u00fcr das Immunsystem. Diese \u201eBakterienflora\u201c im Darm spielt aber auch eine bedeutende Rolle bei der Regulation vieler K\u00f6rperfunktionen (z.B. Verdauungsfunktionen) und bei Erkrankungen (z.B. chronisch-entz\u00fcndliche Darmerkrankungen, Reizdarmsyndrom und St\u00f6rungen der Darm-Hirn-Achse).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-welche-bakterien-bevolkern-den-darm\"><strong>Welche Bakterien bev\u00f6lkern den Darm?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In gro\u00dfen Analysen, sogenannten Metagenomanalysen, wurden weltweit fast 2.000 verschiedene Darmbakterien gefunden. Diese sind aber nicht alle zu gleichen Teilen in unserem gastrointestinalen Mikrobiom anzutreffen. Einige St\u00e4mme, wie <em>Bacteriodetes<\/em> und <em>Firmicutes<\/em>, sind dominant. Andere, wie <em>Actinobacteria<\/em>, <em>Proteobacteria<\/em> und <em>Verrucomicrobia<\/em>, sind in geringerer Anzahl zu finden. \u201eEs scheint, dass einzelne individuelle Gruppen eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des gastrointestinalen Mikrobioms haben\u201c, erkl\u00e4rte Frieling.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ist ein gesundes Magen-Darm-Mikrobiom?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Obwohl es viele wissenschaftliche Untersuchungen gibt, ist noch immer nicht m\u00f6glich, das \u201egesunde\u201c Mikrobiom im menschlichen Darm zu definieren. \u201eDerzeit bestehen noch gro\u00dfe Wissensl\u00fccken. Dazu kommen viele Mythen, die falsche Informationen \u00fcber das gastrointestinale Mikrobiom beinhalten\u201c, kl\u00e4rte Frieling auf. So seien grundlegende Vorstellungen \u00fcber die Menge des Mikrobioms nach neueren wissenschaftlichen Untersuchungen falsch. Anders als lange angenommen wiege das Mikrobiom im Magen-Darm-Trakt nicht 1,5 bis zwei Kilogramm, sondern \u201enur\u201c rund 100 Gramm (im gesamten menschlichen K\u00f6rper liegt die Bakterienmasse bei etwa 200 Gramm). \u201eAuch die Behauptung, die Menge der Bakterien in unseren K\u00f6rpern \u00fcbersteige die Zahl der menschlichen K\u00f6rperzellen um das Zehnfache hat sich als haltlos herausgestellt. Heute wei\u00df man, dass das Verh\u00e4ltnis von Bakterien- und K\u00f6rperzellenzahl etwa gleichwertig ist\u201c, so Frieling.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8220;Das Aufdecken von Mythen soll die Bedeutung des Mikrobioms nicht mindern, sondern zeigen, dass viele grundlegende Dinge noch nicht erforscht sind.&#8221;<\/p><cite>Prof. Dr. Thomas Frieling<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Derzeit wisse man auch noch zu wenig \u00fcber die \u201erichtige\u201c Zusammensetzung der Bakterien. \u201eDie Gr\u00fcnde f\u00fcr etwa 80 Prozent der wichtigen Bakterienvielfalt (Diversit\u00e4t) im Magen-Darm-Trakt sind noch v\u00f6llig unklar\u201c, konkretisierte Frieling. Daher sei es auch nicht m\u00f6glich, das menschliche Mikrobiom so zu beeinflussen, dass die Gesundheit gef\u00f6rdert wird. Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr die Beeinflussung des Mikrobioms d\u00fcrfte die Ern\u00e4hrung sein. Diese spielt auch f\u00fcr die Energiebilanz \u2013 also das Verh\u00e4ltnis zwischen Energiezufuhr und -verbrauch \u2013 eine bedeutende Rolle. Allerdings ist auch hierzu das Wissen noch zu l\u00fcckenhaft, um gesicherte Aussagen treffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bringen Bakterienuntersuchungen im Stuhl?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein weiteres, noch zu wenig erforschtes und somit wissenschaftlich nicht fundiertes Feld sind Bakterienuntersuchungen. Die Suche nach pathogenen (krankheitserregenden) Erregern im Stuhl (z.B. Salmonellen, Rotaviren) wird zur Kl\u00e4rung von Durchfallerkrankungen erfolgreich eingesetzt. Anders sehe dies bei der Untersuchung des individuellen Mikrobioms aus: \u201eHart ausgedr\u00fcckt w\u00fcrde ich Stuhltests zur Analyse des Darmmikrobioms als \u201aVoodoo-Medizin\u2018 bezeichnen. Klinisch haben diese Untersuchungen jedenfalls keine Bedeutung\u201c, stellte Frieling klar. Schon alleine der Zeitrahmen den es von der Probeentnahme bis zur Untersuchung im Labor nach etwa ein bis drei Tagen ben\u00f6tigt, mache derartige Stuhluntersuchungen unbrauchbar. Denn w\u00e4hrenddessen wachsen die Bakterien im Stuhl weiter und damit seien die Proben nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die aktuelle Situation im Darm.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ergebnisse von Mikrobiomanalysen im Stuhl sind selbst in wissenschaftlichen Studien unklar. Grund daf\u00fcr ist die unzureichende Standardisierung des Stuhlverhaltens \u2013 sprich, die Werte sind nicht vereinheitlicht und somit nicht vergleichbar. Das Mikrobiom und seine Bakterienvielfalt werden von der H\u00e4ufigkeit des Stuhls, der Menge, der Beschaffenheit\/Konsistenz und dem Wassergehalt darin bestimmt. Dies wird mit der sogenannten Bristol Stool Form Scale beschrieben. Au\u00dferdem h\u00e4ngen alle diese Faktoren mit der Zeit, die die Nahrung braucht, um den Darm zu durchlaufen (die Darmtransitzeit), zusammen. All das werde aber in den meisten Studien nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls noch zu wenig Wissen g\u00e4be es \u00fcber die Bakterien in der Darmschleimhaut (Mukosa-assoziierte Bakterien). Diese Schleimhaut nimmt einerseits Wasser und N\u00e4hrstoffe aus der Nahrung auf, andererseits bildet sie eine Schutzschicht vor Krankheitserregern. \u201eDie Bakterien, die hier arbeiten, k\u00f6nnen wie aber im Stuhl gar nicht messen\u201c, erkl\u00e4rte Frieling. \u201eDas ist aber wahrscheinlich der entscheidende Teil des Mikrobioms, der \u00fcber die Schleimhaut mit dem Immun- und Nervensystem interagiert. Viele der heute bekannten Ergebnisse werden also in ihrer klinischen Relevanz \u00fcbersch\u00e4tzt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Bedeutung hat das Darmmikrobiom bei Erkrankungen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>So wie es noch gro\u00dfe Wissensl\u00fccken \u00fcber die Zusammensetzung des gastrointestinalen Mikrobioms gibt, bestehen diese auch \u00fcber die Relevanz des Mikrobioms bei Erkrankungen. In Tierversuchen g\u00e4be es bereits beeindruckende Ergebnisse, wie Frieling berichtete. Durch die \u00dcbertragung von Stuhl von einem Tier in ein anderes (f\u00e4kaler Mikrobiomtransfer) konnten Erkrankungen beeinflusst oder auch ausgel\u00f6st werden. In diesem Zusammenhang gibt es viele Daten zur \u00dcbertragung von rheumatoider Arthritis und Diabetes mellitus durch Darmbakterien von kranken auf gesunde Tiere. Auch zu neurologischen Erkrankungen und zum Reizdarmsyndrom gibt es Untersuchungen. Viele der Ergebnisse stammen allerdings aus grundwissenschaftlichen Arbeiten und lassen sich nicht 1:1 auf den Menschen \u00fcbertragen, stellte Frieling klar. W\u00e4hrend es also in Tierversuchen beeindruckende Ergebnisse zur Stuhltransplantation g\u00e4be, sei diese bei Menschen nur f\u00fcr die Clostridium-difficile-Infektion etabliert und zugelassen. \u201eBei den meisten Erkrankungen kann zwar eine Abnahme der Mikrobiomdiversit\u00e4t nachgewiesen werden, eine verl\u00e4ssliche Charakterisierung von typischen krankheitsbestimmenden Bakterien ist aber aufgrund der heterogenen und unzureichenden Studienlage nicht m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Rolle spielt das Darmmikrobiom beim Reizdarmsyndrom?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/ernaehrung-bei-reizdarm-die-low-fodmap-diaet\/\">Reizdarmsyndrom<\/a> spielt das Mikrobiom eine gro\u00dfe Rolle. Wie bei fast allen Erkrankungen hat man auch hier festgestellt, dass die Vielf\u00e4ltigkeit der Bakterien \u2013 die Diversit\u00e4t \u2013 reduziert ist, so Frieling. Es sei aber noch nicht gelungen, ausreichend Bakterien zu identifizieren, die f\u00fcr die Erkrankung verantwortlich sind. Versuche man also, \u00fcber das Mikrobiom therapeutisch einzuwirken, entspr\u00e4che das einem Trial-and-Error-Konzept. Man m\u00fcsse also gewisse Dinge ausprobieren. \u201eDer Einsatz von Probiotika ist beispielsweise absolut gerechtfertigt, aber man kann nicht ein Probiotikum favorisieren. Es gibt in der Reizdarmleitline Empfehlungen f\u00fcr bestimmte Probiotika bezogen auf die vorherrschenden Symptome. Die Datenlage hierzu ist aber so schlecht, dass man in der klinischen Praxis immer ausprobieren muss, was wirkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als bei der Clostridium-Difficile-Kolitis sei eine Stuhltransplantation beim Reizdarmsyndrom au\u00dferhalb von Studien unzul\u00e4ssig. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen sich allerdings Effekte f\u00fcr Untergruppen von Reizdarmsyndrom-Patientinnen\/Patienten. Dabei k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise nicht die Bakterien selbst, sondern Bestandteile der Darmfl\u00fcssigkeit (u.a. Bakteriophagen) f\u00fcr die gesundheitsf\u00f6rdernden Effekte verantwortlich sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gastrointestinale Mikrobiom spiele eine enorme Rolle f\u00fcr Magen-Darm-Erkrankungen, auch f\u00fcr das Reizdarmsyndrom. Bis auf eine verminderte Diversit\u00e4t konnten aber noch keine einzelnen Bakterien identifiziert werden, die f\u00fcr eine Behandlung der Erkrankungen eingesetzt werden k\u00f6nnten, stellte Frieling abschlie\u00dfend fest.<\/p>\n","protected":false},"author":42,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[78,3115,8],"tags":[3089,3087,3086,1051,3085,1362,3074,3088],"class_list":["post-8525","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-gastroenterologie","category-reizdarmsyndrom","category-wissenschaft","tag-bakterienuntersuchung","tag-clostridium-difficile-colitis","tag-clostridium-difficile-infektion","tag-darmmikrobiom","tag-gastrointestinales-mikrobiom","tag-probiotika","tag-reizdarmsyndrom","tag-stuhltransplantation"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/8525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/8525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10014,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/8525\/revisions\/10014"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}