{"id":6313,"date":"2022-01-04T09:31:15","date_gmt":"2022-01-04T08:31:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/?post_type=article&#038;p=6313"},"modified":"2022-01-20T17:37:32","modified_gmt":"2022-01-20T16:37:32","slug":"orthorexie-der-zwang-zum-gesunden-essen","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/orthorexie-der-zwang-zum-gesunden-essen\/","title":{"rendered":"Orthorexie &#8211; der Zwang zum gesunden Essen"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Was ist Orthorexie? <\/strong><\/h2>\n<p>Gesunde Ern\u00e4hrung ist f\u00fcr viele Menschen ein wichtiges Thema. F\u00fcr Orthorektiker aber hat die Idee, sich gesund zu ern\u00e4hren, einen zwanghaften Charakter. Sie sind fixiert auf den ausschlie\u00dflichen Verzehr von Nahrungsmitteln, die sie subjektiv als gesund einsch\u00e4tzen, wobei lustvolles Essen ganz in den Hintergrund tritt.<\/p>\n<p>Der Begriff Orthorexie wurde 1997 von dem US-amerikanischen Mediziner Steven Bratman gepr\u00e4gt und setzt sich aus dem griechischen \u201eortho\u201c f\u00fcr richtig und \u201eorexis\u201c f\u00fcr Appetit zusammen. Demzufolge gibt es f\u00fcr Menschen mit Orthorexie eine rigide Einteilung von Lebensmitteln in gesunde und ungesunde: Letztere werden konsequent vom Speiseplan gestrichen, wobei die Anzahl der verbotenen Nahrungsmittel mit der Zeit immer gr\u00f6\u00dfer wird. Anders als etwa bei der <a href=\"https:\/\/staging.docfinder.farm\/wissensmagazin\/magersucht-anorexie\/\">Anorexia nervosa<\/a> geht es Betroffenen nicht um die Quantit\u00e4t, sondern die Qualit\u00e4t der Lebensmittel, und sie besch\u00e4ftigen sich intensiv und oft viele Stunden lang mit dem Beschaffen oder Vorbereiten von Nahrung, die sie als qualitativ hochwertig einsch\u00e4tzen und geben h\u00e4ufig auch viel Geld daf\u00fcr aus. Was die von ihnen als ungesund kategorisierten Nahrungsmittel betrifft, so besteht die Sorge, dadurch krank zu werden. Werden Sie doch konsumiert, kommt es zu Schuldgef\u00fchlen. Daraus kann eine einseitige Ern\u00e4hrungsweise entstehen, etwa eine Mangelern\u00e4hrung und eine Beeintr\u00e4chtigung der physischen Gesundheit. Zudem kann starker Leidensdruck bestehen, der auch das soziale Leben der Betroffenen beeintr\u00e4chtigt. Trotzdem fehlt bei Menschen, die von Orthorexie betroffen sind, oft die Einsicht, dass das eigene Essverhalten sch\u00e4dlich ist, und die Problematik bleibt h\u00e4ufig lange unerkannt.<\/p>\n<p>Wichtig zu wissen ist weiters, dass der Versuch, sich gesund zu ern\u00e4hren, auch ein Versuch sein kann, eine vorhandene Esssto\u0308rung zu bew\u00e4ltigen, und umgekehrt kann orthorektisches Verhalten auch die Entwicklung einer Esssto\u0308rung beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p>Was die H\u00e4ufigkeit des Ph\u00e4nomens betrifft, so liegt sie Sch\u00e4tzungen zufolge bei ein bis drei Prozent in der Gesamtbev\u00f6lkerung, wobei es aber bestimmte Risikogruppen gibt, bei denen die Pr\u00e4valenzzahlen deutlich h\u00f6her liegen. Dazu z\u00e4hlen beispielsweise Menschen, die sich bereits von Berufs wegen viel mit dem Thema Ern\u00e4hrung auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Die Orthorexie gilt bisher nicht als eigenst\u00e4ndige Krankheit oder St\u00f6rung, wird aber zunehmend wissenschaftlich untersucht. Unter Experten wird derzeit diskutiert, ob es sich dabei \u201enur\u201c um einen extremen Lebensstiltrend handelt, um eine Begleiterscheinung einer Ess- oder Zwangssto\u0308rung oder doch um ein eigenst\u00e4ndiges, abgrenzbares Krankheitsbild.<\/p>\n<h2><strong>Ursachen des krankhaft gesunden Lebenstils<\/strong><\/h2>\n<p>Die Ursachen der Orthorexie sind vielf\u00e4ltig, denn ein problematisches Essverhalten kann von individuellen, biologischen, famili\u00e4ren oder gesellschaftlichen Faktoren ausgel\u00f6st werden. Experten nehmen an, dass Menschen mit bestimmten Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr eine Orthorexie sind und sehen Zusammenh\u00e4nge mit Perfektionismus, <a href=\"https:\/\/staging.docfinder.farm\/wissensmagazin\/narzissmus-narzisstische-persoenlichkeitsstoerung\/\">Narzissmus <\/a>und einer Orientierung auf das k\u00f6rperliche \u00c4u\u00dfere. Vermutet werden auch Ver\u00e4nderungen im serotonergen und dopaminergen System, denn diese wurden sowohl bei zwanghaftem, unsicherem Verhalten wie auch bei fehlreguliertem Essverhalten festgestellt. Weiters wird vermutet, dass St\u00f6rungen in neurobiologischen Regelkreisen der <a href=\"https:\/\/staging.docfinder.farm\/wissensmagazin\/stress-definition-ursache-stressbewaltigung\/\">Stress<\/a>&#8211; und Emotionsregulation sowie der Appetit- und S\u00e4ttigungskontrolle vorliegen. Auch das Essverhalten in der Familie kann eine Rolle spielen, und gesellschaftliche Tendenzen wie die Allgegenw\u00e4rtigkeit von teilweise extremen Ern\u00e4hrungstrends, Ratschl\u00e4gen und -regeln sowie eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Fitness- und Gesundheitsorientierung k\u00f6nnen orthorektisches Verhalten beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<h2><strong>Wie \u00e4u\u00dfern sich die Symptome?<\/strong><\/h2>\n<p>Die Symptome einer Orthorexie \u00e4u\u00dfern sich individuell unterschiedlich, aber es gibt typische Anzeichen, die bei Orthorektikern vermehrt auftreten. Dazu z\u00e4hlen:<\/p>\n<ul>\n<li>das st\u00e4ndige Kreisen der Gedanken um gesunde Ern\u00e4hrung<\/li>\n<li>das Planen von Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus<\/li>\n<li>das ausschlie\u00dfliche Essen von gesunden und das strikte Vermeiden von ungesunden Lebensmitteln<\/li>\n<li>das zwanghafte Vergleichen und Bewerten von N\u00e4hrstoffwerten, Vitamin- und Mineralstoffgehalt in Lebensmitteln<\/li>\n<li>das Erachten der eigenen Ern\u00e4hrungsweise als der einzig richtigen<\/li>\n<li>ein missionarisches Verhalten anderen Personen gegen\u00fcber<\/li>\n<li>das Auftreten von Versagens- und Schuldgef\u00fchlen, wenn selbstauferlegte Regeln gebrochen werden<\/li>\n<li>das Ignorieren von Genuss und pers\u00f6nlichen Essensvorlieben (es z\u00e4hlt nur der Gesundheitsaspekt)<\/li>\n<li>ein sozialer R\u00fcckzug<\/li>\n<\/ul>\n<h2><strong>Diagnose der Orthorexie<\/strong><\/h2>\n<p>Allgemein anerkannte Diagnosekriterien zur eindeutigen Feststellung einer Orthorexia nervosa liegen noch nicht vor, da die Orthorexie bisher noch nicht als eigenst\u00e4ndige Erkrankung angesehen wird. Der Erstbeschreiber Steven Bratman hat aber einen Fragenkatalog zur \u00dcberpr\u00fcfung einer m\u00f6glichen Orthorexie aufgestellt. Dieser umfasst folgende Fragen:<\/p>\n<ul>\n<li>Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag \u00fcber Ihre Ern\u00e4hrung nach?<\/li>\n<li>Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?<\/li>\n<li>Ist Ihnen der ern\u00e4hrungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als Ihr Genuss?<\/li>\n<li>Haben Sie das Gef\u00fchl, je ges\u00fcnder Sie sich ern\u00e4hren, desto schlechter sei Ihre Lebensqualit\u00e4t?<\/li>\n<li>Sind Sie in letzter Zeit strenger mit sich geworden?<\/li>\n<li>Steigert sich Ihr Selbstwertgef\u00fchl durch gesunde Ern\u00e4hrung?<\/li>\n<li>Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie fr\u00fcher genossen haben, um nun \u201erichtige\u201c Lebensmittel zu essen?<\/li>\n<li>Haben Sie durch Ihre Essensgewohnheiten Probleme auszugehen und distanzieren Sie sich dadurch von Freunden und Familie?<\/li>\n<li>F\u00fchlen Sie sich schuldig, wenn Sie von Ihrer Di\u00e4t abweichen?<\/li>\n<li>F\u00fchlen Sie sich gl\u00fccklich und unter Kontrolle, wenn Sie sich gesund ern\u00e4hren?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Laut Bratman kann eine Person von Orthorexie betroffen sein, wenn sie vier oder mehr dieser Fragen mit Ja beantwortet.<\/p>\n<h2><strong>Behandlung &#8211; Orthorexia nervosa<\/strong><\/h2>\n<p>Da Orthorektiker in der Regel vollkommen davon \u00fcberzeugt sind, sich gesund und richtig zu ern\u00e4hren, ist es oft sehr schwierig, sie zu einer Behandlung zu motivieren. Viele Betroffene wenden sich erst dann an Ihren Arzt, wenn sie bereits unter belastenden Folgeerscheinungen leiden.<\/p>\n<p>Helfen k\u00f6nnen hier eine <a href=\"https:\/\/staging.docfinder.farm\/wissensmagazin\/verhaltenstherapie\/\">Verhaltenstherapie<\/a> und psychodynamisch-biographische Verfahren. Als Behandlungsziele gelten\u00a0die Normalisierung des Essverhaltens und das Korrigieren von ern\u00e4hrungsbezogenen <a href=\"https:\/\/staging.docfinder.farm\/wissensmagazin\/angststoerungen-was-ist-das-welche-formen-gibt-es\/\">\u00c4ngsten<\/a> und dysfunktionalen Vorstellungen \u00fcber \u201egesundes\u201c Essen. Betroffene sollen lernen, sich wieder etwas zu g\u00f6nnen, weil es gut schmeckt oder weil sie es m\u00f6gen, ohne zwanghaft nach dem N\u00e4hrwert und den gesundheitlichen Konsequenzen zu fragen. Experten empfehlen idealerweise Interventionen in einem interdisziplina\u0308ren Team, das ern\u00e4hrungstherapeutische und psychotherapeutische Ans\u00e4tze verkn\u00fcpft. Sollte es bei Betroffenen bereits zu einer Mangelern\u00e4hrung und Untergewicht gekommen sein, so geht es auch darum, eine Gewichtszunahme im Bereich des Normalgewichts zu erreichen.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[26,2831,78,66,2444,2413],"tags":[182,356,2818,189,413,579],"class_list":["post-6313","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemeinmedizin","category-ernaehrung","category-gastroenterologie","category-gesundheitsnews","category-psychiatrie","category-psychologie","tag-ernahrung","tag-essstorung","tag-orthorexie","tag-psychiatrie","tag-psychologie","tag-verhalten"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/6313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/6313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6345,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/6313\/revisions\/6345"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}