{"id":3164,"date":"2021-08-06T08:51:34","date_gmt":"2021-08-06T08:51:34","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/ratgeber\/article\/verhaltenstherapie\/"},"modified":"2023-02-17T09:10:53","modified_gmt":"2023-02-17T08:10:53","slug":"verhaltenstherapie","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/verhaltenstherapie\/","title":{"rendered":"Verhaltenstherapie"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Was versteht man unter einer Verhaltenstherapie? <\/strong><\/h2>\n<p>Die Theorie der Verhaltenstherapie geht davon aus, dass menschliches Verhalten und unsere Einstellungen erlernt sind und daher auch wieder ver\u00e4ndert oder neu gelernt werden k\u00f6nnen. Die Basis f\u00fcr die Entwicklung der heutigen Verhaltenstherapie stellen die ber\u00fchmten Experimente zur klassischen Konditionierung des russischen Psychologen Ivan Pawlow dar. Er fand heraus, dass man Hunde durch gezieltes Training darauf konditionieren kann, das L\u00e4uten einer Glocke mit der Gabe von Futter zu verbinden und entsprechend darauf zu reagieren. Reaktionen auf Reize werden auch vom Menschen erlernt. Wir gehen zum Beispiel zum Telefon, wenn es l\u00e4utet.<\/p>\n<p>In psychischer Hinsicht problematisch wird das, wenn etwas gelernt wurde, das sich langfristig als ung\u00fcnstig erweist, denn durch ung\u00fcnstige oder belastende Lernerfahrungen k\u00f6nnen nach dieser Theorie auch psychische St\u00f6rungen entstehen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch nicht unmittelbar nachweisbare Gef\u00fchle, Gedanken, Motive und Bewertungen&nbsp; &#8211; so genannte Kognitionen. Auch sie k\u00f6nnen \u201efehlerhaft\u201c bzw. f\u00fcr Betroffene ung\u00fcnstig sein \u2013 etwa wenn man dazu neigt, vieles negativ zu bewerten. Auch das wird in der modernen Verhaltenstherapie verst\u00e4rkt beachtet \u2013 man spricht daher heute auch von kognitiver Verhaltenstherapie und geht zudem davon aus, dass \u201efalsche\u201c Verhaltensweisen, die man erlernt hat, auch wieder verlernbar sind und dass man sich positive Verhaltensweisen neu aneignen kann.<\/p>\n<p>Anders als in anderen Psychotherapierichtungen wie etwa der Psychoanalyse geht es in der Verhaltenstherapie nicht darum zu verstehen, warum welche Probleme aus der Vergangenheit (Kindheit) zu einer bestimmten Symptomatik gef\u00fchrt haben, sondern der Fokus wird auf die Gegenwart und auf aktuelle Probleme und konkrete Situationen aus dem Alltag der Patienten gelegt. Dabei steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Das hei\u00dft, dass die Patienten ihr Leben so rasch wie m\u00f6glich wieder ohne die Hilfe eines Therapeuten bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen sollen.<\/p>\n<h2><strong>Grundprinzipien der Verhaltenstherapie<\/strong><\/h2>\n<ul>\n<li><strong>Problemorientierung:<\/strong> Die Therapie setzt in der Regel an der momentan bestehenden Problematik an.<\/li>\n<li><strong>Ansatz an den Problembedingungen:<\/strong> Es werden verschiedene Problembedingungen unterschieden und die Interventionen setzen dort an, wo f\u00fcr die dauerhafte L\u00f6sung eines Problems \u00c4nderungen notwendig sind.<\/li>\n<li><strong>Zielorientierung:<\/strong> Nach der Identifikation des Problems legen Therapeut und Patient gemeinsam ein Therapieziel fest.<\/li>\n<li><strong>Handlungsorientierung:<\/strong> Es geht nicht (nur) um die Einsicht und das Reflektieren von Problemen, sondern der Patient muss sich auch aktiv an der Therapie beteiligen und etwa neue Verhaltensweisen und Probleml\u00f6sestrategien ausprobieren.<\/li>\n<li><strong>Keine Begrenzung auf das therapeutische Setting:<\/strong> Neu erworbene Strategien m\u00fcssen regelma\u0308\u00dfig zwischen den Sitzungen ausprobiert und ge\u00fcbt werden.<\/li>\n<li><strong>Transparenz<\/strong>: Der Patient wird genau aufgekl\u00e4rt, sodass er seine Lage verstehen und die Therapiema\u00dfnahmen gut akzeptieren kann.<\/li>\n<li><strong>Hilfe zur Selbsthilfe:<\/strong> Durch Transparenz und die Erh\u00f6hung der allgemeinen Probleml\u00f6sef\u00e4higkeit erh\u00e4lt der Patient generelle Fertigkeiten zur selbststa\u0308ndigen Analyse und Bew\u00e4ltigung zuk\u00fcnftiger Probleme.<\/li>\n<\/ul>\n<h2><strong>Methoden und Techniken der Verhaltenstherapie<\/strong><\/h2>\n<p>Es gibt mittlerweile \u00fcber 50 verschiedene Einzelverfahren, die je nach Beschwerdebild und individueller Auspr\u00e4gung einzeln oder in Kombination zum Einsatz kommen k\u00f6nnen. Die bekanntesten und am h\u00e4ufigsten eingesetzten sind:<\/p>\n<p><strong>kognitive Techniken:<\/strong> Ausgangspunkt daf\u00fcr ist die Annahme, dass etwa <a title=\"Depression \u2013 Symptome, Diagnose, Behandlung, Selbsthilfe\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/depression-symptome-ursachen-selbsthilfe-1209\">Depressionen<\/a>, <a title=\"Angstst\u00f6rungen \u2013 Was ist das? Welche Formen gibt es?\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/angststoerungen-was-ist-das-welche-formen-gibt-es-5272\">Angst-<\/a> und <a title=\"Zwangsst\u00f6rung \u2013 Definition, Ursache, Symptome und Behandlung\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/zwangsstoerung-5398\">Zwangsst\u00f6rungen<\/a> mit negativen, realit\u00e4tsfremden und verzerrten Denkmustern wie Verallgemeinerungen, einseitiger Themenwahl und Schwarz-Weiss-Denken zusammenh\u00e4ngen. Daher geht es in der Therapie darum, sich selbst zu beobachten, Probleme zu identifizieren, individuelle Blockaden zu erkennen, Alternativen zu entwickeln und auszuprobieren und im Anschluss daran die eigenen Denk- und Verhaltensmuster neu zu bewerten \u2013 etwa durch bewusste Distanzierung oder positive Umdeutung.<\/p>\n<p><strong>Reizkonfrontation (Exposition):<\/strong> Sie zielt auf den Abbau von \u00c4ngsten, wobei vor allem dem Vermeidungsverhalten entgegengewirkt werden soll. Das geschieht zum Beispiel mit systematischer Desensibilisierung, bei der man davon ausgeht, dass \u00e4ngstliche Erregung und k\u00f6rperliche Entspannung nicht gleichzeitig bestehen k\u00f6nnen. Deshalb soll der Patient seine Angst bew\u00e4ltigen, indem er unter Einsatz von Entspannungsmethoden schrittweise mit dem Angst ausl\u00f6senden Objekt oder der be\u00e4ngstigenden Situation konfrontiert wird \u2013 in einem Zustand der Entspannung. Die spezifische Situation soll von Beginn an angstfrei erlebbar werden.<\/p>\n<p><strong>Operante Verfahren:<\/strong> Hier geht es vor allem darum, neues, erw\u00fcnschtes Verhalten \u00fcber zumeist positive Verst\u00e4rker wie etwa Lob, Zuwendung oder materielle Dinge zu bewirken bzw. zu verfestigen. Der Patient kann mitbestimmen, welche Verst\u00e4rker das sein sollen.<\/p>\n<p><strong>Modell-Lernen:<\/strong> Es basiert auf der Tatsache, dass Menschen komplexe Verhaltensweisen bei Personen mit Vorbildfunktion beobachten, nachahmen und ggf. in ihr eigenes Verhaltensrepertoire \u00fcbernehmen. Modell-Lernen wird zum Beispiel bei Zwangsst\u00f6rungen eingesetzt, wobei der Therapeut vorf\u00fchrt, wie etwa \u201enormales\u201c H\u00e4ndewaschen oder Kontrollieren der Haust\u00fcr abl\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Aufbau von Kompetenzen:<\/strong> Hier geht es um den Aufbau von bestimmten F\u00e4higkeiten in pers\u00f6nlich unterentwickelten Bereichen. So kann etwa ein Patient mit Sozialphobie mittels Kontakttraining lernen, eigene Anspr\u00fcche zu haben, sie zu \u00e4u\u00dfern und sich selbst zu behaupten.<\/p>\n<p><strong>St\u00f6rungsspezifische Methoden:<\/strong> Darunter versteht man Methoden, die speziell f\u00fcr bestimmte St\u00f6rungsbilder wie etwa die <a title=\"Borderline Syndrom \u2013 Therapieformen und Verlauf\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/borderline-syndrom-5378\">Borderline-St\u00f6rung<\/a> oder chronische Depressionen entwickelt wurden.<\/p>\n<h2><strong>Was passiert bei einer Verhaltenstherapie?<\/strong><\/h2>\n<p>Zu Beginn der Therapie versucht der Therapeut, gemeinsam mit dem Patienten das eigentliche Problem zu analysieren und das dahinter liegende Verhaltensmuster zu erkennen. Dabei geht es darum herauszufinden, welche Bedingungen bestimmte Reaktionen des Patienten verursachen oder aufrechterhalten, wie der oder die Betroffene damit umgeht und welche Konsequenzen folgen. Danach werden die Therapieziele definiert, die Behandlungsprinzipien erkl\u00e4rt und ein genauer Therapieplan festgelegt. In einem weiteren Schritt werden die passenden Methoden gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ein Kernst\u00fcck der Verhaltenstherapie ist die aktive, \u00fcbende Mitarbeit des Patienten, der zwischen den Sitzungen Hausaufgaben erh\u00e4lt, der er oder sie alleine durchf\u00fchren soll. Solche Hausaufgaben sind zum Beispiel das Protokollieren von Gedanken, Gef\u00fchlen und Verhaltensweisen, die \u00dcberpr\u00fcfung von Vorannahmen, das \u00dcben spezieller verhaltenstherapeutischer Techniken oder das Experimentieren mit neuen Verhaltensweisen.<\/p>\n<p>Die Therapie endet in der Regel, wenn das Behandlungsziel erreicht ist, und da die Verhaltenstherapie die Hilfe zur Selbsthilfe als Prinzip hat und Patienten zu Experten in eigener Sache machen will, sollten sie im Anschluss an die Therapie dazu in der Lage sein, ihre Probleme im Alltag grunds\u00e4tzlich besser l\u00f6sen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Verhaltenstherapie wird in Einzel-, Paar- oder Gruppensitzungen durchgef\u00fchrt, und die therapeutischen Interventionen finden teilweise im nat\u00fcrlichen Lebensumfeld statt, also dort, wo die Problematik unmittelbar erlebbar und somit ver\u00e4nderbar wird.<\/p>\n<p>Die Dauer der Behandlung variiert je nach Problemstellung von einigen Sitzungen bis zu mehreren Jahren.<\/p>\n<h2><strong>Hauptindikationsbereiche der Verhaltenstherapie<\/strong><\/h2>\n<ul>\n<li>Angstst\u00f6rungen<\/li>\n<li>Zwangsst\u00f6rungen<\/li>\n<li>Depressionen<\/li>\n<li><a title=\"Bulimie: Die heimliche Krankheit\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/bulimie-5711\">Essst\u00f6rungen<\/a><\/li>\n<li>Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen<\/li>\n<li><a title=\"Alkoholismus: die untersch\u00e4tzte Sucht\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/alkoholismus-5730\">Suchterkrankungen<\/a><\/li>\n<li><a title=\"Psychose\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/psychose-5863\">Psychosen<\/a> (zus\u00e4tzlich zu anderen Ma\u00dfnahmen)<\/li>\n<li>hirnorganische St\u00f6rungen<\/li>\n<li>k\u00f6rperliche Erkrankungen wie etwa chronische Schmerzen, <a title=\"Was ist Diabetes (Diabetes mellitus, Zuckerkrankheit)\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/diabetes-1191\">Diabetes<\/a>, <a title=\"Asthma\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/asthma-5258\">Asthma<\/a>, <a title=\"Neurodermitis \u2013 Ursachen, Symptome, Behandlung\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/neurodermitis-3721\">Neurodermitis<\/a>,<a title=\"Bluthochdruck \u2013 Definition, Symptome, Diagnose, Behandlung\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/bluthochdruck-2806\"> Hypertonie<\/a>,<a title=\"Tinnitus \u2013 Ursache, Symptome, Diagnose, Behandlung\" href=\"https:\/\/www.docfinder.at\/ratgeber\/tinnitus-4875\"> Tinnitus<\/a> u.a.m.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[26,2444,2413],"tags":[852,575,356,853,813,189,413,854,855,391,733],"class_list":["post-3164","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemeinmedizin","category-psychiatrie","category-psychologie","tag-angststorung","tag-depression","tag-essstorung","tag-kognitive-verhaltenstherapie","tag-leben","tag-psychiatrie","tag-psychologie","tag-schmerzen","tag-selbsthilfe","tag-sucht","tag-verhaltenstherapie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3164","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3164\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9685,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3164\/revisions\/9685"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3165"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3164"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3164"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3164"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}