{"id":3160,"date":"2021-07-29T14:10:02","date_gmt":"2021-07-29T14:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/ratgeber\/article\/hilfe-ich-habe-ein-schreikind\/"},"modified":"2023-08-31T14:31:50","modified_gmt":"2023-08-31T12:31:50","slug":"hilfe-ich-habe-ein-schreikind","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/hilfe-ich-habe-ein-schreikind\/","title":{"rendered":"Hilfe, ich habe ein Schreikind!"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Warum schreien Babys? <\/strong><\/h2>\n<p>Dass Babys schreien, kommt immer wieder vor und ist Ausdruck einer normalen Reaktion auf die Herausforderungen der komplexen Anpassungs- und Entwicklungsprozesse, die so ein kleiner Mensch bew\u00e4ltigen muss. Schreien geh\u00f6rt zu den wichtigsten Kommunikationsmitteln eines S\u00e4uglings und zeigt nicht immer \u201eNot\u201c wie Hunger oder Schmerz an. Das Baby l\u00f6st sich auch schrittweise aus der symbiotischen Beziehung zur Mutter, beginnt, eine eigenst\u00e4ndige Regulation k\u00f6rperlicher, emotionaler und sozialer Funktionen zu entwickeln, und passt sich dabei in seinem Verhalten den Umweltbedingungen an, die es vorfindet. Das Kind lernt so nach und nach, sich in den verschiedenen Entwicklungsbereichen selbst zu regulieren \u2013 etwa im Schlaf-Wach-Rhythmus oder in der F\u00e4higkeit, sich selbst zu beruhigen. Im Rahmen dieser Prozesse kann es kurzfristige \u201eKrisen\u201c geben, auf die das Kind eben auch oft mit Schreien reagiert. Heute spricht man in diesem Zusammenhang von fr\u00fchkindlichen Regulationsst\u00f6rungen, und Experten unterscheiden bei S\u00e4uglingen drei Arten von Schreien:<\/p>\n<p><strong>&#8211; physiologisches Schreien:<\/strong> Das Kind schreit zum Beispiel bei Hunger, nasser Windel oder Bed\u00fcrfnis nach Zuwendung.<\/p>\n<p><strong>&#8211; pathologisches Schreien:<\/strong> das Kind schreit aufgrund organischer Ursachen wie etwa einer akuten Erkrankung.<\/p>\n<p><strong>&#8211; unspezifisches Schreien:<\/strong> das Kind schreit ohne erkennbare Ursache. Hintergrund sind die oben beschriebenen Entwicklungsprozesse, die bei allen S\u00e4uglingen auftreten. Das unspezifische Schreien beginnt in der zweiten Lebenswoche, erreicht den H\u00f6hepunkt in der sechsten Lebenswoche und flacht dann bis zum dritten Lebensmonat wieder ab. (Fr\u00fcher sprach man in diesem Zusammenhang von \u201eDreimonatskoliken\u201c, da man annahm, dass der Grund f\u00fcr die Schreiattacken Kr\u00e4mpfe und Bl\u00e4hungen sind. Das ist heute widerlegt. Verdauungsst\u00f6rungen sind nur selten Ursache des exzessiven Schreiens.)<\/p>\n<p>Etwa 15 bis 25 Prozent aller S\u00e4uglinge und Kleinkinder zeigen in ihren ersten Lebensmonaten und -jahren derartige Auff\u00e4lligkeiten im Verhalten. Das kann f\u00fcr das gesamte Familiensystem sehr belastend sein, es gibt aber M\u00f6glichkeiten gegenzusteuern.<\/p>\n<h2><strong>Ursachen f\u00fcr Schreiattacken<\/strong><\/h2>\n<p>Babys brauchen ein konstantes und sicheres Gegen\u00fcber, um Spannungen herunterregulieren zu k\u00f6nnen oder einen guten Schlafrhythmus und inneres Gleichgewicht zu finden. Wenn es zu Schreiattacken kommt, so sollte die Bezugsperson angemessen darauf reagieren, also etwa das Kind pflegen und versorgen oder Blick- und Hautkontakt suchen und halten. So kann eine positive Feedback-Schleife entstehen: Das Kind beruhigt sich, die Bezugsperson beruhigt sich ebenfalls und kann ein elterliches Kompetenzgef\u00fchl entwickeln, das in sp\u00e4teren Krisensituationen hilfreich ist. Allerdings kann diese Synchronisation mit der Bezugsperson bereits durch geringf\u00fcgige Anl\u00e4sse gest\u00f6rt werden, sodass das Gleichgewicht kippt und es zu den beschriebenen Verhaltensproblemen kommt. Ursache daf\u00fcr sind oft psychosoziale Belastungen, unter denen die Bezugsperson des Kindes steht. Dazu z\u00e4hlen etwa Stress vor und w\u00e4hrend der Schwangerschaft, schwierige Umst\u00e4nde bei der Geburt, Partnerschafts-, Familien- oder eigene psychische Probleme oder Alltagsstress.<\/p>\n<p>Das alles hei\u00dft aber nicht, dass das Schreien eines Kindes auf \u201eFehler\u201c bzw. das \u201eVersagen\u201c der Eltern zur\u00fcckzuf\u00fchren ist oder dass Mutter oder Vater daf\u00fcr verantwortlich sind. Hinzu kommen n\u00e4mlich noch viele mitbeeinflussende Faktoren, die auch beim Kind selbst, in dynamischen Prozessen der Interaktion sowie in sozialen Gegebenheiten liegen k\u00f6nnen, wobei meist ein komplexes Zusammenspiel all diese Faktoren gegeben ist. Wichtig ist in jedem Fall, dass man in einer solchen Situation rechtzeitig fachkompetente Hilfe aufsucht \u2013 etwa beim niedergelassenen Kinderarzt oder in einer Schreiambulanz -, denn das kann oft schon in relativ kurzer Zeit zu Entlastung und einer Verbesserung der Problematik f\u00fchren.<\/p>\n<h2><strong>Symptome des exzessiven Schreiens<\/strong><\/h2>\n<p>Das Baby wirkt \u00fcberreizt, quengelig und unruhig. Die Schreiattacken treten anfallsartig und ohne erkennbaren Grund auf. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von \u201eunstillbarem Schreien\u201c, da auch die Beruhigungsversuche der Bezugsperson keinen Erfolg bringen.<\/p>\n<p>Leitsymptome des exzessiven Schreiens sind:<\/p>\n<ul>\n<li>anfallsartig auftretende Unruhe und Schreiepisoden<\/li>\n<li>kein Ansprechen auf Beruhigungshilfen<\/li>\n<li>kurze Tagschlafzeiten mit ausgepr\u00e4gten Einschlafproblemen<\/li>\n<li>verminderter Gesamtschlaf<\/li>\n<li>geh\u00e4uftes Auftreten des Schreiens in den Abendstunden<\/li>\n<li>eventuell: gebl\u00e4hter Bauch, hochrote Hautfarbe, Muskelspannung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach einer alten Formel gibt es eine Faustformel f\u00fcr exzessives Schreien. Es liegt vor, wenn das Kind durchschnittlich mehr als drei Stunden pro Tag, an mindestens drei Tagen der Woche \u00fcber mindestens drei Wochen schreit.<\/p>\n<h2><strong>Auswirkungen exzessiven Schreiens auf das Familiensystem<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn es den Eltern nicht gelingt, das Schreien ihres Kindes mit Beruhigungsversuchen zu regulieren, geraten sie selbst zunehmend unter Druck. Viele betroffene M\u00fctter und V\u00e4ter entwickeln dann Gef\u00fchle der Hilflosigkeit, Ohnmacht, aber auch Wut und Aggression. Die Problematik kann sich relativ schnell auf andere Bereiche ausweiten: Es kommt zum Beispiel auch zu St\u00f6rungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und F\u00fctterproblemen. So kann ein Teufelskreis entstehen, der auf beiden Seiten zu extremem psychischen Stress und Ersch\u00f6pfung f\u00fchrt und im schlimmsten Fall auch dazu, dass Eltern Aggressionen gegen\u00fcber dem Kind entwickeln.<\/p>\n<h2><strong>Diagnostik bei exzessivem Schreien<\/strong><\/h2>\n<p>Fr\u00fchkindliche Regulationsst\u00f6rungen sind sehr komplex, und die Diagnostik bei einem \u201eSchreikind\u201c muss daher sehr differenziert sein. Zun\u00e4chst m\u00fcssen organische Faktoren wie etwa Infektionen, Verletzungen, St\u00f6rungen im Magen-Darm-Trakt, allergische und neurologische Erkrankungen oder ein etwaiges Schlaf-Apnoe-Syndrom ausgeschlossen werden. In der Folge sind anamnestische Gespr\u00e4che mit den Eltern wichtig. Dabei werden kindbezogene Faktoren, Interaktions- und Beziehungsfaktoren, elternbezogene Faktoren sowie Paar- und Familienfaktoren beachtet, die oft in einem komplexen Zusammenspiel aufeinander einwirken.<\/p>\n<h2><strong>Therapie bei exzessivem Schreien<\/strong><\/h2>\n<p>Von entscheidender Bedeutung bei \u00dcberforderung durch das Schreien des Babys ist das rechtzeitige Aufsuchen von Hilfe, denn Versuche, das Problem alleine zu regeln, verst\u00e4rken oft und gerade dann, wenn die Eltern schon Gef\u00fchle des Kompetenzverlusts und der Ohnmacht haben, den Teufelskreis. Erster Ansprechpartner daf\u00fcr ist der Kinderarzt. Er oder sie kann die somatische und psychosoziale Befundlage kl\u00e4ren und den Eltern beratend zur Seite stehen oder sie auf weitere Behandlungsm\u00f6glichkeiten verweisen. Grunds\u00e4tzlich stehen Hilfe und Therapie ambulant, teilstation\u00e4r und vollstation\u00e4r zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n<p><strong>&#8211; Ambulante Beratung und Therapie:<\/strong> Sie findet meist in so genannten Schreiambulanzen statt, wo je nach Bedarf in k\u00fcrzeren oder l\u00e4ngeren Zeitabst\u00e4nden regelm\u00e4\u00dfige Elterngespr\u00e4che und interaktionsorientierte Sitzungen mit dem Kind erfolgen k\u00f6nnen. Ziel dieser Intervention ist nicht nur die Verbesserung der Regulationsst\u00f6rung, sondern auch die Entlastung der Eltern und die (Wieder)Herstellung eines positiven Eltern-Kind-Beziehungssystems.<\/p>\n<p><strong>&#8211; Teilstation\u00e4re Therapie:<\/strong> Sie ist dann angezeigt, wenn die Eltern schon unter Ersch\u00f6pfung leiden und es ihnen nicht mehr gelingt, die etwa in der Schreiambulanz getroffenen Vereinbarungen zu Hause umzusetzen. Dabei wird nicht nur das Kind, sondern auch die Bezugsperson aufgenommen, und die Eltern werden von Experten direkt im Umgang mit st\u00f6rungsanf\u00e4lligen Situationen unterst\u00fctzt. So k\u00f6nnen unter anderem Fehlwahrnehmungen abgebaut und sichere und ad\u00e4quate Verhaltensweisen f\u00fcr schwierige Situationen aufgebaut werden.<\/p>\n<p><strong>&#8211; Vollstation\u00e4re Therapie:<\/strong> Sie kommt dann in Frage, wenn das Bezugssystem zwischen Eltern und Kind bereits so gest\u00f6rt ist, dass das physische und psychische Wohl des Kindes gef\u00e4hrdet ist, oder wenn ambulante Beratungen fehlgeschlagen sind und die Bezugspersonen massiv ersch\u00f6pft sind. In der Klinik k\u00f6nnen die Eltern kurzfristig entlastet werden, und auch das Kind profitiert von den strukturierten entspannten Rahmenbedingungen. H\u00e4ufig bilden sich dadurch die anfallsartigen Schreiattacken zur\u00fcck. In weiterer Folge der Therapie k\u00f6nnen relevante Alltagssituationen besprochen und neue Verhaltensmuster einge\u00fcbt werden. Wichtig ist auch, dass die Bezugsperson schrittweise in ihrem Kompetenzgef\u00fchl best\u00e4rkt wird und \u2013 auch durch positive Resonanz \u2013 erf\u00e4hrt, dass ein selbstst\u00e4ndiger und sicherer Umgang mit dem eigenen Kind wieder m\u00f6glich ist.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[66,23,7],"tags":[99,844,104,177,343,100,436,845,846,847,848],"class_list":["post-3160","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitsnews","category-kinder-und-jugendheilkunde","category-leben","tag-baby","tag-exzessives-schreien","tag-familie","tag-kinderheilkunde","tag-neugeborenes","tag-padiatrie","tag-saugling","tag-schreiambulanz","tag-schreiattacken","tag-schreiepisoden","tag-schreikind"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12498,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/3160\/revisions\/12498"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}