{"id":2514,"date":"2021-03-26T08:32:13","date_gmt":"2021-03-26T08:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/ratgeber\/article\/resilienz-krisenkompetenz-durch-innere-staerke\/"},"modified":"2023-02-16T22:47:08","modified_gmt":"2023-02-16T21:47:08","slug":"resilienz-krisenkompetenz-durch-innere-staerke","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/resilienz-krisenkompetenz-durch-innere-staerke\/","title":{"rendered":"Resilienz: Krisenkompetenz durch innere St\u00e4rke"},"content":{"rendered":"<h2>Was ist Resilienz?<\/h2>\n<p>Der Begriff Resilienz leitet sich aus dem lateinischen Wort \u201aresilire \u2013 zur\u00fcckprallen\u2018 ab und kommt urspr\u00fcnglich aus dem Bereich der Werkstoffkunde in der Physik. Damit wird die Beschaffenheit von bestimmten Elementen beschrieben, die auch nach extremen Au\u00dfeneinwirkungen in ihre Ausgangsform zur\u00fcckspringen. Dieses Konzept wurde ab Mitte des 20. Jahrhunderts in die Psychologie \u00fcbernommen und man verstand darunter eine Eigenschaft des Menschen, die sich als psychische Widerstandskraft beschreiben l\u00e4sst. Gemeint ist damit die F\u00e4higkeit, mit Schwierigkeiten und R\u00fcckschl\u00e4gen gut umgehen zu k\u00f6nnen und Krisen und Traumata so zu bew\u00e4ltigen, dass die psychische Gesundheit erhalten bleibt.<\/p>\n<h2>Eine wegweisende Studie<\/h2>\n<p>Eine der Pionierinnen der Resilienzforschung war die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Sie und ihr Team begleiteten den gesamten Geburtsjahrgang 1955 der hawaiianischen Insel Kauai \u00fcber mehrere Jahrzehnte hinweg. Sie beobachteten und interviewten dabei 698 Menschen und erhoben Daten \u00fcber ihre Lebens- und Gesundheitssituation. Knapp ein Drittel dieser Menschen wuchsen als Kinder unter sehr schwierigen Verh\u00e4ltnissen auf und erlebten Armut, Krankheit der Eltern, Vernachl\u00e4ssigung, Gewalt in der Familie etc. Bei zwei Dritteln dieser Gruppe stellten die Forscher fest, dass sie schwere Lern- und Verhaltensst\u00f6rungen entwickelten, teilweise straff\u00e4llig wurden und schwerwiegende psychische Probleme hatten.<br \/>\nAber: Ein Drittel dieser Risikogruppe entwickelte sich trotz ihrer schwierigen Ausgangsbedingungen gut, zeigte keine psychiatrischen oder andere chronische Gesundheitsprobleme, fand erf\u00fcllende Arbeit, war optimistisch etc.: Sie waren resilient.<\/p>\n<p>Aus dieser und anderen Studien wei\u00df man also, dass ung\u00fcnstige Voraussetzungen nicht unbedingt zu Not und Misserfolg f\u00fchren. Resiliente Menschen verf\u00fcgen \u00fcber bestimmte Eigenschaften und Strategien, die es ihnen erm\u00f6glichen, an widrigen Umst\u00e4nden nicht zu zerbrechen bzw. eine Krise oder ein Trauma so zu bew\u00e4ltigen, dass ihre psychische Gesundheit erhalten bleibt. Frei nach dem Motto:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eStart where you are \u2013 Use what you have \u2013 Do what you can.\u201c (Beginne dort wo du gerade bist &#8211; benutze was du hast &#8211; mach was im Moment m\u00f6glich ist)<\/p>\n<p>Unbekannt<\/p><\/blockquote>\n<h2>Heutige Erkenntnisse<\/h2>\n<p>In fr\u00fcheren Resilienzkonzepten ging man davon aus, dass es sich bei Resilienz um eine angeborene oder in fr\u00fchen Kindheitsjahren entwickelte Eigenschaft handelt, die vorgegeben und weitgehend unver\u00e4nderlich ist. Heute sieht man Resilienz als dynamischen Prozess, in dem es um komplexe Interaktionen zwischen einer Person und deren Umgebung geht. Und: Man nimmt an, dass F\u00e4higkeiten, die zu einer h\u00f6heren Resilienz beitragen, durchaus auch sp\u00e4ter im Leben erworben bzw. laufend verbessert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wichtig zu wissen ist auch, dass Resilienz sich nicht nur trotz widriger Lebensumst\u00e4nde, sondern gerade auch wegen dieser negativen Bedingungen entwickelt. Das hei\u00dft, dass es zwei Aspekte geben muss, damit man von Resilienz sprechen kann: Es besteht eine belastende Situation. Diese belastende Situation wird erfolgreich bew\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Zudem ist die F\u00e4higkeit zur Resilienz nicht allgemeing\u00fcltig und auf alle Lebensbereiche \u00fcbertragbar, sondern auch situationsabh\u00e4ngig. Eine Person kann zum Beispiel beruflich sehr stressresistent sein und ihre Aufgaben auch unter Druck gut meistern, w\u00e4hrend sie mit sozialem Stress im privaten Bereich nicht gut umgehen kann.<\/p>\n<h2>Risiko- und Schutzfaktoren<\/h2>\n<p>In der klassischen Entwicklungspsychologie lag der Fokus lange Zeit auf den Entwicklungsrisiken, denen ein Mensch ausgesetzt sein kann. Mit der Resilienzforschung kam es in dieser Hinsicht zu einem Paradigmenwechsel. Analog zum Konzept der Salutogenese, das vom Soziologen und Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky als Alternative zum krankheitszentrierten Modell der Pathogenese entwickelt wurde, stellt auch die Resilienzforschung die Schutzfaktoren und ihre protektive Wirkung ins Zentrum des Interesses \u2013 ohne allerdings dabei die Risikofaktoren zu vernachl\u00e4ssigen. Es geht also um die Frage, welche Umst\u00e4nde dazu beitragen, trotz widriger Bedingungen seelisch gesund zu bleiben. Dabei geht es nicht nur um das Gegenteil oder das Fehlen von Gesundheits- oder Entwicklungsrisiken, und grunds\u00e4tzlich spielen dabei verschiedene Faktoren, die dynamisch miteinander verzahnt sind und sich gegenseitig verst\u00e4rken, eine Rolle.<\/p>\n<p>Solche Schutzfaktoren sind zum Beispiel:<\/p>\n<p><strong>interne Schutzfaktoren:<\/strong><br \/>\n&#8211; Probleml\u00f6sef\u00e4higkeit<br \/>\n&#8211; Selbstwirksamkeits\u00fcberzeugungen<br \/>\n&#8211; ein realistisches und positives Selbstkonzept<br \/>\n&#8211; F\u00e4higkeit zur Selbstregulation<br \/>\n&#8211; aktives Bem\u00fchen um Bew\u00e4ltigung (zum Beispiel die F\u00e4higkeit, soziale Unterst\u00fctzung zu mobilisieren)<br \/>\n&#8211; optimistische, zuversichtliche Lebenseinstellung<br \/>\n&#8211; k\u00f6rperliche Gesundheit<\/p>\n<p><strong>externe Schutzfaktoren:<\/strong><br \/>\n&#8211; mindestens eine stabile, verl\u00e4ssliche Bezugsperson, die Sicherheit, Vertrauen und Autonomie f\u00f6rdert<br \/>\n&#8211; gute Bew\u00e4ltigungsf\u00e4higkeiten der Eltern in Belastungssituationen<br \/>\n&#8211; dosierte soziale Verantwortlichkeiten und individuell angemessene Leistungsanforderungen<\/p>\n<p>Zu den <strong>Risikofaktoren<\/strong> z\u00e4hlen zum Beispiel:<\/p>\n<p>personale und genetische Risikofaktoren:<br \/>\n&#8211; chronische Erkrankungen<br \/>\n&#8211; geringe kognitive F\u00e4higkeiten<br \/>\n&#8211; geringe F\u00e4higkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung<\/p>\n<p>soziale Risikofaktoren:<br \/>\n&#8211; unsichere Bindungen<br \/>\n&#8211; chronische Armut<br \/>\n&#8211; psychische Erkrankungen eines bzw. Beider Elternteile<br \/>\n&#8211; niedriges Bildungsniveau der Eltern<br \/>\n&#8211; ung\u00fcnstige Erziehungspraktiken der Eltern<\/p>\n<h2>Ein dynamisches Zusammenspiel vieler Faktoren<\/h2>\n<p>Grunds\u00e4tzlich wird angenommen, dass Schutzfaktoren die belastende Wirkung von Risikofaktoren abfedern.<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Forschungen zur Resilienz ging man davon aus, dass bestimmte Faktoren universell sch\u00fctzend oder risikoerh\u00f6hend wirken. Heute sind sich die Wissenschaftler aber darin einig, dass die Wirkung einzelner Schutzfaktoren individuell sehr unterschiedlich und kontextabh\u00e4ngig ist. So kann etwa soziale Unterst\u00fctzung bei zu viel tatkr\u00e4ftiger Hilfe dazu f\u00fchren, dass die eigene Selbstwirksamskeitserwartung sinkt. Deshalb geht man aktuell davon aus, dass \u2013 insbesondere im Hinblick auf traumatische Ereignisse &#8211; eine flexible Selbstregulation einen wichtigen personalen Schutzfaktor darstellt.<\/p>\n<p>Viele Wissenschaftler sprechen heute auch von einem prozesshaften Charakter von Resilienz. Das bedeutet, dass Menschen sich w\u00e4hrend der Bew\u00e4ltigung von Stressoren ver\u00e4ndern \u2013 zum Beispiel durch ver\u00e4nderte Einstellungen und Ansichten, neue gewonnene Kompetenzen oder eine teilweise Immunisierung gegen\u00fcber den Auswirkungen zuk\u00fcnftiger Stressoren. Aktuell wird Resilienz daher als dynamischer und lebenslanger Prozess verstanden, der im Wechselspiel zwischen Person und Umwelt erfolgt und \u00fcber verschiedene Lebensbereiche und -phasen variiert.<\/p>\n<h2>Neueste Forschungsergebnisse<\/h2>\n<p>Ein ganz neuer Ansatz in der Resilienzforschung ist die neurobiologische Forschung. In Tierversuchen fand man heraus, dass es bei manchen Tieren unter massiver Stresserfahrung zu Ver\u00e4nderungen im Gehirn kommt, die Tiere sich aber nicht \u201egestresst\u201c verhalten. In manchen F\u00e4llen waren die durch Stress ausgel\u00f6sten neuralen Ver\u00e4nderungen sogar der Grund daf\u00fcr, dass sich die Tiere stabil verhielten. Durch adaptive Anpassungen gewannen sie gewisserma\u00dfen eine&nbsp; \u201e\u00e4u\u00dfere\u201c Stabilit\u00e4t durch \u201einnere\u201c Flexibilit\u00e4t.&nbsp;Noch steht die neurobiologische Resilienzforschung in ihren Anf\u00e4ngen, doch es gibt gro\u00df angelegte Untersuchungen zu diesem Aspekt, die auch andere Erkenntnisse \u00fcber Resilienz mitber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<h2>Kann man Resilienz messen?<\/h2>\n<p>Resilienz wird in Forschung, Verhaltensbeobachtung und Auswertung von Trainings und Ma\u00dfnahmen untersucht, und man versucht auch, sie zu messen. Es gibt verschiedene Resilienz-Skalen, die auf unterschiedlichen Konzepten basieren und zum Beispiel die Verf\u00fcgbarkeit verschiedener Ressourcen erfassen, aber ein allgemeing\u00fcltiger Standard zur Erfassung von Resilienz existiert nicht.<\/p>\n<h2>Kann man Resilienz trainieren?<\/h2>\n<p>Im Gegensatz zu fr\u00fcher, als man annahm, dass Resilienz genetisch bedingt und in der Perso\u0308nlichkeit vorgegeben ist, geht man heute davon aus, dass F\u00e4higkeiten, die zu einer h\u00f6heren Resilienz beitragen, auch sp\u00e4ter im Leben erworben werden k\u00f6nnen und dass zumindest Teilaspekte von Resilienz durch F\u00f6rderung und Training signifikant verbessert werden k\u00f6nnen. Zunutze macht man sich diese Erkenntnisse zum Beispiel in der Fr\u00fchf\u00f6rderung von Kindern, die, wenn sie gezielt unterstu\u0308tzt werden, bew\u00e4ltigungsorientierte Kompetenzen erwerben k\u00f6nnen. Ein Training im eigentlichen Sinn ist das aber nicht, und eine der f\u00fchrenden Resilienzexpertinnen im deutschsprachigen Raum, Corinna Wustmann, die sich vor allem mit der Resilienz von Kindern besch\u00e4ftigt, betont, dass Resilienz vor allem auf verl\u00e4ssliche Beziehungsangebote und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Lebensalltag baut.<\/p>\n<p>Was Erwachsene betrifft, so k\u00f6nnen sie ihre Resilienz erforschen und bedingt auch trainieren. Solche Trainings zielen darauf ab, die individuelle Resilienz im Zusammenhang mit einem bedeutsamen Stressor zu f\u00f6rdern. Sie k\u00f6nnen<\/p>\n<p>&#8211; sich auf einen kommenden Stressor (zum Beispiel einen milita\u0308rischen Einsatz) vorbereiten,<br \/>\n&#8211; w\u00e4hrend eines Stressors (wie einer Pr\u00fcfung) erfolgen oder<br \/>\n&#8211; nach einer Stressorexposition, wie etwa einer Naturkatastrophe ansetzen.<\/p>\n<p>Die Trainings sind ressourcenorientiert und st\u00e4rken einen oder mehrere ver\u00e4nderbare Resilienzfaktoren (zum Beispiel Probleml\u00f6sekompentenz, Selbstwirksamkeit, Optimismus). Sie basieren auf unterschiedlichen Theorien und umfassen unter anderem Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie oder achtsamkeitsbasierte Verfahren, die dabei helfen, Resilienz zu f\u00f6rdern und zu entwickeln.<\/p>\n<h2>Kritik am Resilienzkonzept<\/h2>\n<p>In der Auseinandersetzung mit dem Konzept der Resilienz entsteht manchmal der Eindruck, als k\u00f6nne jeder alle Krisen \u00fcberwinden, wenn er oder sie nur resilient genug ist. Viele Wissenschaftler, die sich mit Resilienz besch\u00e4ftigen, warnen jedoch davor, den Begriff auf diese Weise falsch zu verstehen, denn es gibt Situationen, die ein Einzelner nicht bew\u00e4ltigen kann, und Resilienz ist nicht immer und nicht f\u00fcr jeden machbar oder trainierbar. Trotzdem stellt das Konzept einen wichtigen Ansatz zur umfassenden Gesundheitsf\u00f6rderung dar und die Forschung dazu wird wohl weiterhin neue Erkenntnisse liefern.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[26,66,7,2413],"tags":[591,592,593,594,813,413,595,239,596],"class_list":["post-2514","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemeinmedizin","category-gesundheitsnews","category-leben","category-psychologie","tag-burn-out","tag-gelassenheit","tag-innere-starke","tag-krisenkompetenz","tag-leben","tag-psychologie","tag-resilienz","tag-stress","tag-widerstandskraft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9646,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2514\/revisions\/9646"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}