{"id":2444,"date":"2021-01-19T10:10:28","date_gmt":"2021-01-19T10:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/ratgeber\/article\/posttraumatische-belastungsstoerung\/"},"modified":"2023-02-27T13:02:45","modified_gmt":"2023-02-27T12:02:45","slug":"posttraumatische-belastungsstoerung","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/posttraumatische-belastungsstoerung\/","title":{"rendered":"Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung (PTBS)"},"content":{"rendered":"<h2>Was ist eine Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung?<\/h2>\n<p>Die PTBS ist eine psychische Erkrankung, die als Reaktion auf ein traumatisches Ereignis auftritt. Eine PTBS kann kurz nach einem Trauma oder zeitlich verz\u00f6gert auftreten. Manchmal k\u00f6nnen sogar Jahre bis Jahrzehnte bis zum Auftreten von Symptomen vergehen.<\/p>\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, aber nicht alle entwickeln eine PTBS. Die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, ist unter anderem abh\u00e4ngig von der Art des Traumas. Nach Vergewaltigung, anderen Gewaltverbrechen und Kriegstraumata entwickeln bis zu einem Drittel der Betroffenen eine PTBS, w\u00e4hrend das Risiko bei Naturkatastrophen, Unf\u00e4llen und akuten k\u00f6rperlichen Erkrankungen deutlich niedriger ist.<\/p>\n<p>Die PTBS kann auch als Folge einer sekund\u00e4ren Belastung auftreten. Das hei\u00dft, dass entsprechende Symptome auch dann entwickelt werden k\u00f6nnen, wenn zum Beispiel nahe Angeh\u00f6rige ein traumatisches Ereignis durchlebt haben.<\/p>\n<p><strong>Im Schnitt erkranken rund zehn Prozent aller von einem Trauma Betroffenen an einer PTBS.<\/strong> Sie erleben dabei vor allem Gef\u00fchle wie Angst und Schutzlosigkeit und empfinden Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Typisch f\u00fcr die PTBS sind Symptome des Wiedererlebens. Sie k\u00f6nnen tags\u00fcber als Erinnerungen an das Trauma, Tagtr\u00e4ume oder Flashbacks und nachts als Angsttr\u00e4ume auftreten. Parallel zu diesen Symptomen entstehen Vermeidungssymptome. Das k\u00f6nnen emotionale Stumpfheit, Gleichg\u00fcltigkeit und Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegen\u00fcber sein, sehr h\u00e4ufig aber auch das aktive Vermeiden von Aktivit\u00e4ten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Manche Betroffene k\u00f6nnen das traumatische Ereignis nicht mehr vollst\u00e4ndig erinnern, und viele leiden unter Schlafst\u00f6rungen, Reizbarkeit, Konzentrationsproblemen, erh\u00f6hter Wachsamkeit oder ausgepr\u00e4gter Schreckhaftigkeit.<\/p>\n<p>Bei der komplexen Posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung sind besonders schwere oder besonders langanhaltende Traumatisierungen aufgetreten, und Betroffene entwickeln meist ein schwerwiegendes Krankheitsbild mit Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderungen, wobei die Symptome vor allem die Pers\u00f6nlichkeit und das Verhalten betreffen.<\/p>\n<p>Der neurobiologische Prozess, der bei einer PTBS im Gehirn abl\u00e4uft, ist bis dato nicht vollst\u00e4ndig erforscht.<\/p>\n<h2>Ursachen und Risikofaktoren der PTBS<\/h2>\n<p>Die Ursache einer PTBS ist immer ein bestimmtes schwerwiegendes Ereignis, also ein Trauma, das der oder die Betroffene als Opfer, Augenzeuge oder auch als Rettungshelfer erlebt hat. Ein Trauma ist dadurch gekennzeichnet, dass eine problematische Situation oder ein bedrohliches Ereignis vorliegt, bei dem der oder die Betroffene subjektiv keine M\u00f6glichkeit der Bew\u00e4ltigung der Situation sieht, und das Gef\u00fchle von Angst und Hilflosigkeit und\/oder Ausgeliefertsein ausl\u00f6st. Solche Traumata k\u00f6nnen kurz andauernd und einmalig sein (zum Beispiel Naturkatastrophen, Unf\u00e4lle, Vergewaltigung) oder l\u00e4nger andauernd bzw. wiederholt auftretend sein (zum Beispiel Kriegsgefangenschaft, Geiselhaft, l\u00e4ngerfristiger sexueller Missbrauch). In der Folge kann eine (dauerhafte) Ersch\u00fctterung des Selbst- und Weltverst\u00e4ndnisses auftreten und die psychische St\u00f6rung ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Typische Ausl\u00f6ser einer PTBS sind<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li>Kriege, Aufst\u00e4nde, Vertreibung, Flucht, Terroranschl\u00e4ge<\/li>\n<li>Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Folter, \u00dcberf\u00e4lle, Entf\u00fchrungen<\/li>\n<li>Verkehrs-, Berufs-, Freizeit- und Sportunf\u00e4lle<\/li>\n<li>Br\u00e4nde, Blitzschl\u00e4ge, Explosionen, Flugzeugabst\u00fcrze, Zugkollisionen, Schiffshavarien, Industrieunf\u00e4lle<\/li>\n<li>schwere Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt sowie auch die Behandlung auf einer Intensivstation und Notfalloperationen<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Typische Risikofaktoren f\u00fcr die Entwicklung einer PTBS sind<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li>genetische Faktoren<\/li>\n<li>Einflussfaktoren aus der Umwelt und Lernerfahrungen<\/li>\n<li>mangelnde soziale Unterst\u00fctzung durch Familie, Freunde oder Kollegen nach einem traumatischen Ereignis<\/li>\n<li>jugendliches oder hohes Lebensalter<\/li>\n<li>weibliches Geschlecht<\/li>\n<li>psychische Erkrankungen oder Traumata in der eigenen Vorgeschichte<\/li>\n<li>psychische Erkrankungen oder Traumata in der Familie<\/li>\n<li>niedriger sozio\u00f6konomischer Status<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Symptome<\/h2>\n<p>Menschen, die unter einer PTBS leiden, leben oft wie unter st\u00e4ndiger Bedrohung und empfinden ihre Umwelt als unsicher und gef\u00e4hrlich. Schl\u00fcsselreize, die an das Trauma erinnern, k\u00f6nnen starke k\u00f6rperliche Symptome wie Herzrasen, Zittern, \u00dcbelkeit oder Atemnot ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Die Symptome im einzelnen sind<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Symptome des Wiedererlebens<\/strong>: belastende Erinnerungen an das Trauma, Flashbacks, Alptr\u00e4ume<\/li>\n<li><strong>Vermeidungssymptome<\/strong>: emotionale Stumpfheit, Gleichg\u00fcltigkeit und Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegen\u00fcber, aktive Vermeidung von Aktivit\u00e4ten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen k\u00f6nnten<\/li>\n<li><strong>psychische \u00dcbererregtheit<\/strong>: Schlafst\u00f6rungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, erh\u00f6hte Wachsamkeit, \u00fcberm\u00e4\u00dfige Schreckhaftigkeit<\/li>\n<li>Ersch\u00fctterung des Selbst- und Weltbildes<\/li>\n<li>nachhaltige St\u00f6rung des Vertrauens in andere Menschen<\/li>\n<li>schwere Schuld- und Schamgef\u00fchle oder Selbsthass<\/li>\n<li>Einschr\u00e4nkung der Leistungsf\u00e4higkeit in wichtigen Lebensbereichen<\/li>\n<li>eventuell negative Beeinflussung des Verlaufs k\u00f6rperlicher Erkrankungen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zudem kann der Verlauf k\u00f6rperlicher Erkrankungen durch eine PTBS negativ beeinflusst werden, und das Risiko f\u00fcr Suchterkrankungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen steigt bei einer PTBS stark an.<\/p>\n<h2>Diagnose<\/h2>\n<p>Beim Verdacht auf eine PTBS steht zun\u00e4chst das vertrauliche Gespr\u00e4ch mit dem Arzt oder der Psychotherapeutin im Zentrum. Die bisherige Krankengeschichte wird erhoben, und es wird nach den belastenden Ereignissen und Symptomen gefragt. Wichtig ist auch, andere Erkrankungen auszuschlie\u00dfen, und da Betroffene oft auch unter k\u00f6rperlichen Schmerzen leiden, m\u00fcssen auch m\u00f6gliche organische Ursachen abgekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Die Diagnose Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung wird gestellt, wenn die Symptome \u00fcber mehr als vier Wochen bestehen und die Leistungsf\u00e4higkeit des oder der Betroffenen in wichtigen Lebensbereichen eingeschr\u00e4nkt ist. Wenn die Symptome mehr als drei Monate andauern, spricht man von einer chronischen PTBS. Diese&nbsp;sind nicht immer vollst\u00e4ndig ausgepr\u00e4gt, und auch wenn jemand nach einem Trauma nach au\u00dfen hin stabil erscheint, kann er oder sie eine PTBS entwickeln.<\/p>\n<h2>Therapie der PTBS<\/h2>\n<p>Die Therapie der PTBS sollte m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig beginnen, und es ist wichtig, dass die Patienten sich in einer sicheren Umgebung befinden, wo sie vor weiteren Traumatisierungen gesch\u00fctzt sind. Zun\u00e4chst geht es darum, psychisch zu stabilisieren (Stabilisierungsphase), erst danach kann eine Auseinandersetzung mit dem Trauma stattfinden (Traumakonfrontation). In der abschlie\u00dfenden Phase geht es darum, das traumatische Ereignis in die Lebenserfahrungen zu integrieren und das eigene Leben neu bewerten zu lernen (Integrationsphase).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Phase der Traumakonfrontation stehen mehrere psychotherapeutische Verfahren zur Verf\u00fcgung. Als wirksam haben sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) erwiesen.<\/p>\n<p><strong>Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie ist es zu lernen, Erlebnisse, Verhaltensweisen und Gef\u00fchle anders als bisher zu deuten und zu bewerten.<\/strong> Dadurch l\u00e4sst sich zum Beispiel der Umgang mit Flashbacks ver\u00e4ndern. Allerdings m\u00fcssen die Patienten daf\u00fcr auch m\u00f6glichst intensiv mit ihren traumabezogenen Emotionen konfrontiert werden. Es geht darum, dass diese Emotionen im Laufe der Zeit schw\u00e4cher werden und sich auch bisherige trauma-assoziierte Denkmuster \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Auch beim EMDR bildet eine solche Exposition ein Kernst\u00fcck der Therapie. Die Patienten werden aufgefordert, sich eine Szene des urspr\u00fcnglichen Traumas bildlich vorzustellen. Dieser innere Imaginationsvorgang wird von ruckartigen horizontalen Augenbewegungen begleitet, die durch eine schnelle Fingerbewegung des Therapeuten ausgel\u00f6st werden. Das geschieht solange, bis die Angst deutlich abnimmt. Danach werden die Patienten motiviert, einen positiven Gedanken mit der traumatischen Szene zu verkn\u00fcpfen, w\u00e4hrend die Augenbewegungen fortgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Wichtig zu wissen ist auch, dass es Situationen gibt, in denen derartige konfrontative Verfahren nur eingeschr\u00e4nkt eingesetzt werden k\u00f6nnen \u2013 zum Beispiel dann, wenn der Patient einen sehr schlechten k\u00f6rperlichen oder psychischen Gesundheitszustand aufweist oder von seinem Umfeld nur mangelhaft unterst\u00fctzt wird, denn Grundvoraussetzung f\u00fcr die Anwendung von konfrontativen Verfahren ist immer eine minimale Stabilit\u00e4t des Patienten, und er oder sie muss sich vor weiterer Traumatisierung sicher f\u00fchlen. Etwaige zus\u00e4tzliche psychische St\u00f6rungen wie etwa eine schwere Depression oder eine Substanzabh\u00e4ngigkeit sollten vor Beginn der traumabearbeitenden Therapie behandelt werden.<\/p>\n<p>Begleitend zur Psychotherapie k\u00f6nnen Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) n\u00f6tig und hilfreich sein. Angstl\u00f6sende und beruhigende Medikamente sollten wegen ihres hohen Abh\u00e4ngigkeitspotenzials nur kurzzeitig eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzend k\u00f6nnen kreative Ans\u00e4tze wie etwa Musik- oder Kunsttherapie sowie Bewegungstherapien und Entspannungstechniken oder Biofeedbackverfahren in die Therapie integriert werden.<\/p>\n<h2>Prognose<\/h2>\n<p>Patienten, die unter einer Posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung leiden und rechtzeitig und ad\u00e4quat behandelt werden, haben gute Heilungschancen. Rund die H\u00e4lfte der Betroffenen wird sogar ohne Therapie gesund. Wenn die Symptome aber \u00fcber Jahre bestehen, kommt es in etwa 30 Prozent der F\u00e4lle zu einem chronischen Verlauf.<\/p>\n<h2>Wer behandelt die PTBS?<\/h2>\n<p><a href=\"\/suche\/psychiater\">Fach\u00e4rzte f\u00fcr Psychiatrie<\/a>, \u00c4rzte mit Weiterbildung in psychotherapeutischer Medizin, Psychotherapeuten und klinische Psychologen k\u00f6nnen die PTBS ad\u00e4quat behandeln. Wichtig ist auch ihre traumaspezifische Zusatzspezialisierung.<\/p>\n<h2><\/h2>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[26,5,66,2457,7,2444,2413],"tags":[108,404,104,408,409,412,189,413,414,415,416,417,418],"class_list":["post-2444","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemeinmedizin","category-familie","category-gesundheitsnews","category-krankheit","category-leben","category-psychiatrie","category-psychologie","tag-allgemeinmedizin","tag-angst","tag-familie","tag-konzentration","tag-leistungsfahigkeit","tag-posttraumatische-belastungsstorung","tag-psychiatrie","tag-psychologie","tag-ptbs","tag-schlaf","tag-terror","tag-trauma","tag-unfall"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9815,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2444\/revisions\/9815"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}