{"id":2401,"date":"2020-09-08T09:40:24","date_gmt":"2020-09-08T09:40:24","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/ratgeber\/article\/borderline-syndrom\/"},"modified":"2023-02-16T22:05:20","modified_gmt":"2023-02-16T21:05:20","slug":"borderline-syndrom","status":"publish","type":"article","link":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/borderline-syndrom\/","title":{"rendered":"Borderline Syndrom &#8211; Therapieformen und Verlauf"},"content":{"rendered":"<h2>Was ist ein Borderline Syndrom?<\/h2>\n<p>Der Begriff Borderline (Grenzlinie) wurde in den 1930er Jahren f\u00fcr ein Krankheitsbild gepr\u00e4gt, das Experten damals weder der Gruppe der Neurosen noch der Psychosen zuordnen konnten. Heute gilt die Borderline Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung nach dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine Unterform der instabilen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr die Borderline Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung sind impulsives Verhalten und starke Schwankungen in den Gef\u00fchlen, dem Selbstbild und zwischenmenschlichen Beziehungen. Es findet sich ein verzweifeltes Bem\u00fchen, ein tats\u00e4chliches oder vermutetes Verlassen Werden zu vermeiden. Das Muster zwischenmenschlicher Beziehungen ist durch einen Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung gekennzeichnet. Betroffene leiden h\u00e4ufig unter weiteren psychischen Beeintr\u00e4chtigungen und dissoziativen Symptomen. Letzteres bedeutet, dass sie sich selbst und ihre Umgebung als unwirklich erleben oder sich zeitweise nicht an Aspekte ihrer Vergangenheit erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aufgrund ihres impulsiven Verhaltens neigen Menschen mit Borderline dazu, sich selbst zu schaden oder in Gefahr zu bringen. Viele Betroffene betreiben Alkohol- oder Drogenmissbrauch und zeigen ein riskantes Verhalten etwa bei sexuellen Kontakten oder beim Autofahren. H\u00e4ufig tritt auch das Ph\u00e4nomen des Sich selbst Verletzens (zum Beispiel Ritzen) auf, und ebenso kommen Suizidversuche h\u00e4ufig vor.<\/p>\n<p>Ausgehend vom Begriff der instabilen Pers\u00f6nlichkeit werden der \u201eImpulsive Typus\u201c und der \u201eBorderline Typus\u201c unterschieden.<br \/>\nDer \u201eImpulsive Typus\u201c neigt vor allem wegen impulsiven und unerwarteten Handlungen zu Streitereien und Konflikten, ist oft aggressiv und reizbar und leidet unter emotionaler Instabilit\u00e4t und mangelnder Impulskontrolle.<br \/>\nDer \u201eBorderline Typus\u201c leidet zus\u00e4tzlich zu den oben genannten Symptomen unter einer ver\u00e4nderten Wahrnehmung der eigenen Person und einem dauerhaften Gef\u00fchl der inneren Leere. Betroffene haben zudem instabile Beziehungen und eine Neigung zu selbstsch\u00e4digendem Verhalten bis hin zur Suizidalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Etwa drei Prozent der Bev\u00f6lkerung leiden an einer Borderline-St\u00f6rung. Die Neigung zu Suizidversuchen ist sehr hoch und liegt bei 60 Prozent. Viele Betroffene leben oftmals in einer Form der chronischen Suizidalit\u00e4t, die das Leben unertr\u00e4glich macht.<\/p>\n<h2>Ursachen<\/h2>\n<p>Man geht heute davon aus, dass genetische Faktoren einen wesentlichen Anteil an der Entstehung der Borderline St\u00f6rung haben. Ebenso aber wei\u00df man, dass bestimmte Lebenserfahrungen, ung\u00fcnstige Grundeinstellungen und sch\u00e4dliche Verhaltensmuster f\u00fcr die Entstehung und Aufrechterhaltung solcher St\u00f6rungen eine wichtige Rolle spielen. Zahlreiche Betroffene haben \u2013 oft schon in ihrer (fr\u00fchen) Kindheit sexuelle oder k\u00f6rperliche Gewalterfahrungen gemacht und\/oder wurden schwer vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p>Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Erfahrungen zu konkreten Ver\u00e4nderungen im Gehirn f\u00fchren. So wurden etwa Aktivit\u00e4tsver\u00e4nderungen in einem Bereich des Gehirns, der unter anderem f\u00fcr die Verarbeitung von Stress, Gefahrensignalen und \u00c4ngsten zust\u00e4ndig ist, beobachtet. Diese Gehirnstruktur ist bei Borderline Patienten kleiner und \u00fcbererregbar. Auch in anderen Gehirnstrukturen zeigen sich Ver\u00e4nderungen, die f\u00fcr Fehlsteuerungen emotionaler Reaktionen verantwortlich sein d\u00fcrften, und in bestimmten Gehirnsystemen finden sich \u2013 wie bei Patienten mit anderen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen \u2013 Auff\u00e4lligkeiten sowie weiters eine h\u00f6here Empfindlichkeit der Stressachse.<\/p>\n<h2>Symptome<\/h2>\n<p>Das Hauptkennzeichen der Borderline St\u00f6rung sind Probleme in der Regulierung der eigenen Gef\u00fchle und der Impulsivit\u00e4t. Folgende Symptome k\u00f6nnen auftreten:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Angst vor dem Verlassenwerden<\/strong>: Charakteristisch ist ein verzweifeltes Bem\u00fchen, ein tats\u00e4chliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. H\u00e4ufig sprechen Betroffene nicht \u00fcber diese Angst, sondern verhalten sich unangemessen w\u00fctend.<\/li>\n<li><strong>instabile, intensive Beziehungen<\/strong>: Typisch ist der Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Abwertung (Klammern und Wegsto\u00dfen).<\/li>\n<li><strong>Identit\u00e4tsst\u00f6rung<\/strong>: Es ist kein gefestigtes Selbstbild mit festgelegten Einstellungen, Meinungen und Wertvorstellungen vorhanden. Die Identit\u00e4t wird je nach Gesellschaft unterschiedlich erlebt.<\/li>\n<li><strong>Impulsivit\u00e4t<\/strong>: Impulsive Handlungen, die den Betroffenen Schaden zuf\u00fcgen, treten zumindest in zwei Bereichen auf &#8211; zum Beispiel beim Essen, beim Geldausgeben, beim Autofahren, beim Umgang mit Drogen oder Sexualit\u00e4t.<\/li>\n<li><strong>Selbstverletzung und Suizid<\/strong>: Rund drei Viertel aller Borderline-Betroffenen f\u00fcgen sich etwa durch Ritzen oder Schneiden der Haut Verletzungen zu. Suizid wird oft angedeutet oder versucht. Etwa jeder zehnte Betroffene begeht tats\u00e4chlich Suizid.<\/li>\n<li><strong>Instabile Gef\u00fchlslage<\/strong>: Die Stimmung kann innerhalb weniger Stunden stark schwanken. H\u00e4ufig kommt es zu Reizbarkeit, \u00c4ngstlichkeit, Depressionen und Wut.<\/li>\n<li><strong>Andauerndes Gef\u00fchl der inneren Leere<\/strong>: Betroffene haben h\u00e4ufig das Gef\u00fchl, nicht zu wissen, wer sie sind, wenn sie alleine sind, und verlangen oft vom Partner, ihnen Orientierung zu geben.<\/li>\n<li><strong>Wut<\/strong>: Die Ausbr\u00fcche sind heftig und unberechenbar, und es kommt zu Schwierigkeiten, diese Wut zu kontrollieren.<\/li>\n<li><strong>Aussetzer des Realit\u00e4tsempfindens<\/strong>: Betroffene k\u00f6nnen vor\u00fcbergehend \u2013 insbesondere in Belastungssituationen \u2013 psychotische Symptome zeigen (zum Beispiel paranoide Vorstellungen und Halluzinationen).<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Diagnose<\/h2>\n<p>Die Borderline St\u00f6rung ist ein komplexes Krankheitsbild, das anhand verschiedener Verhaltensweisen und typischer Pers\u00f6nlichkeitsz\u00fcge diagnostiziert wird. Insbesondere ein stark impulsives Verhalten und weiters ein tiefgreifendes Muster von Instabilit\u00e4t in den Gef\u00fchlslagen, im Selbstbild und in den zwischenmenschlichen Beziehungen muss vorliegen. Diese Verhaltensweisen zeichnen sich meist schon in der Pubert\u00e4t ab und zeigen sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum.<br \/>\nZumindest f\u00fcnf der oben genannten Symptome m\u00fcssen erf\u00fcllt sein, um eine Borderline St\u00f6rung diagnostizieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Therapie<\/h2>\n<p>Es gibt mehrere Therapiekonzepte, doch wie auch in anderen Beziehungen f\u00e4llt es Betroffenen schwer, eine konstruktive, dauerhafte Therapiebeziehung einzugehen, und sie neigen dazu, auch Therapeuten sehr wechselhafte Gef\u00fchle entgegenzubringen und \u00e4ndern ihre Haltung ihm oder ihr gegen\u00fcber oft abrupt (Idealisierung und Abwertung). Vor allem dann, wenn schwierige oder angstausl\u00f6sende Themen angesprochen werden, reagieren sie oft aggressiv, ziehen sich zur\u00fcck oder brechen die Therapie ab. Es ist daher besonders wichtig, eine gute tragf\u00e4hige therapeutische Beziehung aufzubauen, in der Betroffenen das grundlegende Gef\u00fchl von Sicherheit vermittelt wird und man sich aktiv um sie bem\u00fcht.<\/p>\n<h3>Die Therapieformen im einzelnen:<\/h3>\n<ul>\n<li><strong>Psychoanalytische und tiefenpsychologisch-fundierte Therapie<\/strong>: Eine wichtige Rolle spielt dabei die so genannte Gegen\u00fcbertragung. Das bedeutet, dass der Patient beim Therapeuten bestimmte Gef\u00fchle ausl\u00f6st. Das wiederum kann dem Therapeuten Informationen \u00fcber die Patienten geben, aus denen er wichtige Therapiestrategien ableiten kann.<\/li>\n<li>Bei so genannten konfrontativen Ans\u00e4tzen wird st\u00e4rker direkt an den Konflikten der Betroffenen gearbeitet und ihr typisches Verhalten analysiert und gedeutet. Diese Ans\u00e4tze sind laut Hinweisen aus Untersuchungen aber vor allem bei schwer beeintr\u00e4chtigten Patienten weniger geeignet.<\/li>\n<li>Bei so genannten supportativen Ans\u00e4tzen steht dagegen ein einf\u00fchlsames, unterst\u00fctzendes Verhalten des Therapeuten im Vordergrund, und die Therapie orientiert sich mehr an den St\u00e4rken und Bew\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeiten der Patienten als an ihren Defiziten.<\/li>\n<li><strong>Kognitive Verhaltenstherapie<\/strong>: Auch hier gibt es verschiedene Ans\u00e4tze, als der wichtigste gilt die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan, die Untersuchungen zufolge oft als Therapie der ersten Wahl bei Borderline Patienten angesehen wird. DBT zielt darauf ab, typische Verhaltensmuster der Betroffenen nach und nach zu ver\u00e4ndern, und Gegens\u00e4tze, die Patienten erleben, aufzul\u00f6sen. Wichtig dabei ist auch die Aktivierung der Ressourcen der Patienten und die F\u00f6rderung ihrer psychischen und sozialen Kompetenzen sowie das einf\u00fchlsame und f\u00fcrsorgliche Verhalten des Therapeuten. Bei der DBT nehmen die Patienten sowohl an einer Einzel- als auch an einer Gruppentherapie teil.<\/li>\n<li><strong>Traumatherapie<\/strong>: Sie setzt Ans\u00e4tze aus der Traumabehandlung ein, da viele Borderline Patienten im Laufe ihres Lebens traumatische Erfahrungen gemacht haben und oft auch Symptome einer Posttraumatischen Belastungsst\u00f6rung zeigen. Am Beginn einer solchen Therapie steht die Stabilisierung der Betroffenen im Vordergrund, sp\u00e4ter werden oft spezifische Strategien eingesetzt, um die traumatischen Erlebnisse gezielt zu bearbeiten.<\/li>\n<li><strong>Familientherapeutische Ans\u00e4tze<\/strong>: Sie zielen darauf ab, ung\u00fcnstige Beziehungsmuster in der Familie zu erkennen und durch geeignetere zu ersetzen.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Medikament\u00f6se Behandlung<\/h3>\n<p>Psychopharmaka sind oft zur Erg\u00e4nzung sinnvoll. Am h\u00e4ufigsten zum Einsatz kommen Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Bei stark ausgepr\u00e4gtem impulsivem Verhalten, Suizidtendenzen und psychotischen Symptomen wie Wahnvorstellungen werden teilweise auch Neuroleptika gegeben, und fallweise werden auch Stimmungsstabilisierer eingesetzt.<\/p>\n<h2>Prognose und Verlauf<\/h2>\n<p>Wenn die Borderline St\u00f6rung fr\u00fchzeitig erkannt, ad\u00e4quat behandelt und die Therapie nicht abgebrochen wird, ist die Prognose auf lange Sicht eher g\u00fcnstig. Neuere Untersuchungen zeigen, dass nach sechs Jahren etwa 50 Prozent und nach zehn Jahren etwa 90 Prozent der Betroffenen die notwendigen Kriterien nicht mehr erf\u00fcllen. Gewisse Einschr\u00e4nkungen im Privaten und Beruflichen bleiben aber h\u00e4ufig weiter bestehen.<\/p>\n<h2>Wer behandelt das Borderline Syndrom?<\/h2>\n<p>Ansprechpartner sind <a href=\"\/suche\/psychiater\">Fach\u00e4rzte f\u00fcr Psychiatrie<\/a> sowie Psychotherapeuten. F\u00fcr Angeh\u00f6rige empfiehlt sich beispielsweise die Hilfe f\u00fcr Angeh\u00f6rige psychisch Erkrankter (HPE).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":17,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[66,2457,2444,2413],"tags":[2540,2541,731,189,413],"class_list":["post-2401","article","type-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitsnews","category-krankheit","category-psychiatrie","category-psychologie","tag-borderline","tag-borderline-syndrom","tag-personlichkeitsstorung","tag-psychiatrie","tag-psychologie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5255,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/article\/2401\/revisions\/5255"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.docfinder.at\/wissensmagazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}